wahrscheinlich auch nicht durch sie allein erfolgen sollte.
Vor der Hutte trennte man sich. Li-Mai umarmte noch einmal den jungen Eingebornen und streckte – nicht etwa wie ein Hund die Pfote oder wie ein Vierhander seine Vorderhand, nein – beide Hande John Cort und Max Huber entgegen, die diese mit mehr Herzlichkeit druckten, als Khamis.
»Mein lieber Max, bekannte dann John Cort, einer unserer beruhmten Schriftsteller hat behauptet, da? in jedem Menschen ein Ich und ein Anderer verborgen sei. Wahrscheinlich fehlt den Urmenschen hier einer davon…
– Und welcher, John?
– Ganz sicher der andere. Um sie grundlich zu erforschen, mu?te man sich Jahre lang bei ihnen aufhalten; ich hoffe jedoch, da? wir binnen wenigen Tagen wieder aufbrechen konnen…
– Das durfte, fiel Max Huber ein, wohl von Seiner Majestat abhangen, und wer wei? denn, ob der Konig Mselo-Tala-Tala uns nicht zu Kammerherren des wagddiischen Hofes ernennen will?«
Funfzehntes Capitel.
Wie lange sollten John Cort, Max Huber, Khamis und Llanga sich in diesem Dorfe wohl zuruckgehalten sehen? – Sollte irgend ein Ereigni? in ihrer immerhin beunruhigenden Lage eine Aenderung herbeifuhren?…Sie sahen sich so scharf uberwacht, da? an eine Flucht kaum zu denken war… Doch selbst angenommen, da? es ihnen gelange, zu entfliehen, wohin hatten sie sich inmitten des undurchdringlichsten Theiles des gro?en Waldes wenden, wie dessen Ende erreichen oder das Bett des Rio Johausen wiederfinden sollen?
Trotz seiner Sehnsucht nach au?ergewohnlichen Erlebnissen meinte Max Huber doch, da? die Sachlage, wenn sie in gleicher Weise fortbestand, ungemein an Reiz verliere. Er war denn auch der erste, dem die Geduld ausging und der jetzt nichts sehnlicher wunschte, als nach dem Becken des Ubanghi zu kommen und nach der Factorei in Libreville zuruckzukehren, von der John Cort und ihm doch keinerlei Hilfe in Aussicht stand.
Der Foreloper zeterte uber das Pech, das ihn den Tatzen –seiner Ansicht nach waren es eben Tatzen – dieses tief unten stehenden Waldmenschenvolkes zugefuhrt hatte. Er verheimlichte auch gar nicht die vollkommene Verachtung, die jene Geschopfe ihm einflo?ten, wahrend sie sich doch nicht wesentlich von den anderen in Centralafrika hausenden Stammen unterschieden. Khamis empfand eine Art instinctive, unbewu?te Eifersucht, die den beiden Freunden keineswegs entging. Jedenfalls aber verlangte es ihn ebenso wie Max Huber, Ngala den Rucken zu kehren, und was dazu zu thun nothig ware, das wollte er gerne thun.
Am wenigsten schien es John Cort eilig zu haben, denn ihn drangte es, sich uber diese Urmenschen moglichst eingehend zu unterrichten. Zur Ergrundung ihrer Sitten, ihrer Lebensweise, ihres ethnologischen Charakters und moralischen Werthes, sowie zu bestimmen, bis wie weit sie noch ins Thierreich hineinreichten, dafur hatten ja wenige Wochen genugt. Jetzt wu?te freilich noch niemand, ob sich der unfreiwillige Aufenthalt bei den Wagddis nicht weit langer, auf Monate, vielleicht auf Jahre ausdehnen werde, und ebenso ungewi? war der endliche Ausgang dieses erstaunlichen Abenteuers.
Von einer schlechten Behandlung schienen John Cort, Max Huber und Khamis dagegen nicht bedroht zu sein; offenbar erkannten die Waldmenschen deren geistige Ueberlegenheit ruckhaltlos an. Ferner – und das war eine kaum erklarliche Erscheinung – hatten sie sich uber das Erscheinen wirklicher Menschen nie besonders verwundert gezeigt. Hatte die kleine Truppe aber ihre Flucht mit Gewalt durchsetzen wollen, so setzte sie sich damit sicherlich Fahrlichkeiten aus, die besser vermieden wurden.
»Fur uns ist es das wichtigste, sagte Max Huber, mit dem Vater Spiegel, dem Herrscher mit der Brille, zu verhandeln und ihn zu bestimmen, da? er uns freien Abzug gewahrt.«
Es konnte ja nicht unmoglich sein, eine Unterredung mit Seiner Majestat Mselo-Tala-Tala zu erlangen, wenn es Fremden nicht ausdrucklich verboten war, seine erhabene Person zu sehen. Doch wenn man auch bei ihm vorgelassen wurde, wie sollte die Verhandlung gefuhrt werden? Selbst in congolesischer Sprache ware ja eine Verstandigung ausgeschlossen gewesen. Der Erfolg einer solchen war dann noch ebenso unsicher. Es konnte ja im Interesse der Wagddis liegen, die Fremden uberhaupt hier zuruckzuhalten, um einer Enthullung des Geheimnisses von dem Vorhandensein einer noch unbekannten Rasse vorzubeugen.
Wenn man John Cort glauben durfte, so waren der Gefangenschaft in dem Dorfe in den Luften sogar mildernde Nebenumstande nachzuruhmen, da die vergleichende Anthropologie daraus Nutzen ziehen und die gelehrte Welt die Auffindung einer neuen Rasse mit gro?ter Verwunderung begru?en mu?te. Wie die Geschichte freilich enden mochte…
»Der Kuckuck soll mich holen, wenn ich das wei?!« rief Max Huber, der nicht das Zeug zu einem Garner oder Johausen in sich hatte.
Als die drei, und mit ihnen Llanga, ihre Hutte wieder betreten hatten, bemerkten sie darin einige recht anerkennenswerthe Veranderungen.
Erstens war daselbst ein Wagddi beschaftigt, das »Zimmer aufzuraumen«, wenn dieser Ausdruck hier am Platze ist. Schon vorher hatte John Cort beobachtet, da? den Eingebornen ein gewisser Sinn fur Sauberkeit eigen war, der den meisten Thieren doch abgeht. Sie ordneten ihre Zimmer, doch auch ihre Toilette. Im Hintergrunde der Hutte lag jetzt eine reichliche Menge durres Gras ausgebreitet. Da Khamis und seine Gefahrten aber seit der Zerstorung der Karawane keine andere Lagerstatt gehabt hatten, anderte das nichts in ihren bisherigen Gewohnheiten.
Auf dem Fu?boden standen verschiedene Gegenstande, zwar kein Moblement mit Tischen und Stuhlen, wohl aber einige grobgearbeitete Gerathe, Topfe und Schalen, wie sie die Wagddis herstellten. Hier lagen Fruchte verschiedener Art, dort ein schon gekochtes Oryxviertel. Das rohe Fleisch von diesen wird nur von Raubthieren nicht verschmaht, au?er den seltenen Fallen, wo man es bei sehr tiefstehenden Volksstammen fast als ausschlie?liches Nahrungsmittel antrifft.
»Ja, wer einmal Feuer erzeugen kann, erklarte John Cort, der bedient sich seiner auch zum Kochen der Speisen. Ich wundere mich also gar nicht, da? auch die Waggdis das Fleisch in gekochtem Zustande genie?en.«
Die Hutte enthielt jetzt ferner einen, aus einem flachen Steine bestehenden Herd, von dem sich der emporwirbelnde Rauch in dem Gezweig eines Caulecedratbaumes verlor, das sich daruber ausbreitete.
Als die Vier im Eingange der Hutte erschienen, unterbrach der Wagddi seine Arbeit.
Es war ein junger Bursche von zwanzig Jahren mit flinken Bewegungen und intelligentem Gesicht. Er wies mit der Hand nach den hierher gebrachten Dingen. Darunter entdeckten Max Huber, John Cort und Khamis – selbstverstandlich mit gro?ter Befriedigung – auch ihre Gewehre, die zwar etwas verrostet, doch leicht wieder in Stand zu setzen waren.
»Sapperment, rief Max Huber, die kommen uns aber gelegen! Wenn es gilt…
– Wurden wir davon Gebrauch machen, fuhr John Cort fort, wenn… ja, wenn wir auch unseren Patronenkasten hatten.
– O, der ist hier!« antwortete der Foreloper.
Er wies bei diesen Worten nach dem links von der Thur stehenden Metallkasten. Diesen Kasten sammt den Gewehren hatte Khamis, wie der Leser wei?, noch auf die Felsblocke und so hoch hinauf geworfen, da? das Wasser die Gegenstande nicht erreichen konnte. Das geschah in dem Augenblicke, wo das Flo? an die Barre stie?.
»Wenn sie uns die Gewehre zuruckgegeben haben, bemerkte Max Huber, bleibt die Frage ubrig, ob sie den Gebrauch von Feuerwaffen uberhaupt kennen.
– Das wei? ich nicht, antwortete John Cort, sie aber wissen offenbar, da? man nicht behalten soll, was einem nicht gehort, und das spricht sehr zu Gunsten ihrer Moralitat.«
Das zugegeben, erschien Max Huber seine aufgeworfene Frage doch von besonderer Wichtigkeit.
»Kollo… Kollo!«
Klar verstandlich ertonte dieses Wort mehrere Male, und wahrend der junge Wagddi es aussprach, hob er die Hand bis zur Stirn und beruhrte sich dann an der Brust, als wolle er sagen:
»Kollo… das bin ich!«
John Cort vermuthete, da? das der Name ihres neuen Dieners war, und als er diesen funf- bis sechsmal
