eine Gefahr spürte?
Auf alle Fälle fing ich erst mal an zu trödeln, wollte nicht los. Erst zog ich mir einen Anzug an, dann Jeans und ein kariertes Hemd, danach konnten mich alle mal, und ich schlüpfte in Shorts und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck»Mein Freund war klinisch tot, aber alles, was er mir aus dem Jenseits mitgebracht hat, ist dieses T-Shirt!«Wie ein deut scher Tourist, der sich des Lebens freut. Immerhin wahrte ich so wenigstens den Anschein von Urlaubsstimmung, wenn ich Geser gegenübertrat…
Schließlich verließ ich das Haus erst zwanzig Minuten, bevor ich beim Chef zu sein hatte. Ich musste ein Auto anhalten, die Wahrscheinlichkeitslinien überprüfen, um dem Fahrer dann eine Strecke nennen zu können, bei der uns kein Stau erwartete.
Der Fahrer akzeptierte die Tipps nur ungern und voller Skepsis. Dafür schafften wir es noch rechtzeitig.
Auf den Fahrstuhl musste ich verzichten: Ein paar Jungs in Blaumännern beluden die Aufzüge eifrig mit Papiersäcken, die eine Zementmischung enthielten. Also nahm ich die Treppe. Im ersten Stock unseres Hauses entdeckte ich Handwerker. Sie verkleideten die Wände mit Gipskartonplatten. Außerdem wuselten Verputzer herum, die die Dinger gleich verfugten. Parallel dazu zogen wieder andere eine Zwischendecke ein, über der bereits Röhren von einer Klimaanlage verliefen.
Hatte sich der Leiter unserer Wirtschaftsabteilung am Ende doch noch durchgesetzt! Und den Chef dazu bekommen, eine umfassende Modernisierung zu bewilligen. Und sogar Geld dafür aufgetrieben.
Ich blieb kurz stehen, um mir die Arbeiter durchs
Der zweite und dritte Stock waren bereits fertig, was auch die letzten Reste meiner schlechten Laune vertrieb. Endlich würde es im Rechenzentrum kühler sein. Sicher, ich würde da jetzt nicht mehr jeden Tag auftauchen. Aber trotzdem… Im Vorbeigehen begrüßte ich die Wachleute, die hier offensichtlich für die Zeit der Bauarbeiten Dienst schoben. Dann stürmte ich auf Gesers Zimmer zu. Und stieß erst mal mit Semjon zusammen. Der erklärte Julja gerade etwas mit ernster Miene und eindringlicher Stimme.
Wie die Zeit vergeht… Vor drei Jahren war Julja noch ein kleines Mädchen gewesen. Inzwischen hatte sie sich zu einer jungen hübschen Frau gemausert. Da sie eine tüchtige Zauberin zu werden versprach, hatte man sie bereits ins Europabüro der Nachtwache holen wollen. Zu gern sicherte man sich dort die talentierte Jugend - unter dem Deckmäntelchen vielsprachiger Losungen über die große und gemeinsame Sache.
Diesmal war ihre Rechnung jedoch nicht aufgegangen. Geser hatte ihnen Julka verweigert und damit gedroht, er selbst könne auch anfangen, die europäische Jugend zu rekrutieren. Was wohl Julja selbst gewollt hatte?
Semjon unterbrach sein Gespräch, sobald er mich sah. »Hat er dich herbestellt?«, fragte er verständnisvoll. »Oder ist dein Urlaub schon vorbei?«
»Sowohl als auch«, antwortete ich. »Ist irgendwas passiert? Hallo, Julka.«
Semjon und ich begrüßten uns aus irgendeinem Grund nie. Als ob wir uns schon kurz zuvor begegnet wären. Er sah ja auch immer gleich aus: höchst schlicht und unachtsam angezogen, mit dem faltigen Gesicht eines Bauern, den es in die Stadt verschlagen hat. Heute sah Semjon sogar noch schlampiger aus als sonst.
»Hallo, Anton«, meinte Julja lächelnd. Ihr Miene war ernst. Anscheinend ging Semjon gerade seiner pädagogischen Tätigkeit nach, eine Sache, auf die er sich meisterlich verstand.
»Nichts ist passiert.«Semjon schüttelte den Kopf. »Alles ist ruhig und friedlich. Letzte Woche haben wir zwei Hexen festgenommen, aber auch nur wegen Kleinigkeiten.«
»Dann ist es ja gut«, meinte ich und gab mir alle Mühe, Julkas wehleidigem Blick auszuweichen. »Ich geh mal zum Chef.«
Semjon nickte und wandte sich wieder Julja zu. Auf dem Weg ins Vorzimmer schnappte ich noch auf: »Also, Julja, ich mache das jetzt schon seit sechzig Jahren, aber ein derartig verantwortungsloses…«
Streng ist er. Doch wenn er schimpft, dann immer zu Recht. Daher hatte ich nicht die Absicht, Julka vor diesem Gespräch zu bewahren. Im Vorzimmer, wo jetzt leise eine Klimaanlage surrte und an der Decke winzige Halogenstrahler prangten, saß Larissa. Anscheinend war auch Galotschka, Gesers Sekretärin, im Urlaub, und die Leute vom Fuhrpark haben wirklich wenig zu tun. »Hallo, Anton«, begrüßte mich Larissa. »Du siehst gut aus. »
»Zwei Wochen am Strand«, antwortete ich stolz.
Larissa linste auf ihre Uhr. »Ich soll dich gleich reinschicken. Aber der Chef hat noch Besuch. Willst du trotzdem rein?«
»Ja«, beschloss ich. »Wozu habe ich mich denn sonst so beeilt?«
»Gorodezki für Sie, Boris Ignatjewitsch«, meinte Larissa in die Sprechanlage. Sie nickte mir zu. »Geh rein… aber mach dich auf was gefasst, da ist es verdammt heiß…«
In Gesers Zimmer war es in der Tat heiß. Vor seinem Tisch duckmäuserten zwei mir unbekannte Männer in mittleren Jahren in den Sesseln, die ich insgeheim gleich Dick und Dünn taufte. Schwitzen taten sie allerdings beide.
»Und was haben wir hier?«, fragte Geser sie tadelnd. Er schielte zu mir herüber. »Komm rein, Anton. Setz dich, ich bin gleich fertig.«Dick und Dünn fassten ein wenig Mut.
»Eine durch und durch unfähige Hausfrau…, die alle Fakten verdreht… banalisiert und vereinfacht… und euch verarscht! Nach Strich und Faden!«
»Weshalb wohl? Weil sie eben alles banalisiert und vereinfacht!«, blaffte Dick finster.
»Sie haben befohlen, dass
Ich betrachtete Gesers Besucher durchs
»Gut.«Geser nickte. »Ich gebe euch noch eine Chance. Diesmal arbeitet ihr getrennt.«Dick und Dünn sahen sich an.
»Wir werden uns alle Mühe geben«, meinte Dick mit gutmütigem Lächeln. »Sie müssen das doch verstehen, wir haben bestimmte Erfolge erzielt…«
Geser schnaubte. Als hätten sie ein unsichtbares Signal bekommen, dass das Gespräch beendet sei, erhoben sich die beiden Besucher, verabschiedeten sich per Handschlag vom Chef und gingen hinaus. Im Vorzimmer machte Dünn eine lustige, scherzhafte Bemerkung zu Larissa, die daraufhin loslachte. »Menschen?«, fragte ich vorsichtig.
Geser nickte und blickte grimmig zur Tür. »Menschen«, seufzte er. »Menschen… Gut, Gorodezki. Setz dich.«
Obwohl ich Platz nahm, fing Geser das Gespräch nicht an. Sondern hantierte mit Papieren herum, sortierte ein paar farbige, glatte beschliffene Glasscherben, die in einer grob gearbeiteten Tonschale lagen. Zu gern hätte ich gewusst, ob es sich um Amulette oder einfach um Scherben handelte, aber wenn ich Geser gegenübersaß, traute ich mich nicht, mir allzu viel herauszunehmen.
»Wie war der Urlaub?«, fragte Geser, als wolle er jede Möglichkeit ausschöpfen, das Gespräch hinauszuzögern.
»Gut«, erwiderte ich. »Natürlich habe ich mich ohne Sweta gelangweilt. Aber wir wollten Nadjuschka nicht in die spanische Glut mitschleppen. Das ist noch nichts für sie…«
»Stimmt«, pflichtete Geser mir bei. Ich wusste nicht, ob der große Magier Kinder hatte, derlei Informationen vertraut man nicht mal den eigenen Leuten an. Vermutlich schon. Und wahrscheinlich ist er in der Lage, so etwas wie Vatergefühle zu empfinden. »Anton, hast du Swetlana angerufen?«
»Nein.«Ich schüttelte den Kopf. »Hat sie sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt?«
Geser nickte. Und plötzlich explodierte er. Schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was bildet sie sich