Tom starrte ihn einen Moment an. „Zweifellos“, sagte er, „seid Ihr ein sehr fursorglicher Herr.“ Er rollte sich herum und vergrub seinen Kopf in den zusammengefalteten Umhang, den er als Kopfkissen benutzte. „Sich solche Sorgen um ein Pferd zu machen!“ murmelte er noch und schnarchte auch schon wieder.
Rod stieg die Treppe hinunter und stolperte uber eine straff gespannte Schnur. Er fuchtelte haltsuchend mit den Armen, bis etwas Hartes ihn auf den Hinterkopf schlug und er Sterne sah, die schlie?lich schwarzester Nacht wichen.
Ein rotliches Gluhen war um ihn, und sein Schadel brummte.
Etwas Kaltes, Nasses strich uber sein Gesicht. Er schauderte und wurde hellwach. Er lag auf dem Rucken mit einem hohen Kalksteinkuppeldach uber sich. Dunne Kalksteinsaulen ragten herunter auf einen grunen Bodenbelag und vereinten sich mit anderen, in die Hohe ragenden Saulen — Stalaktiten und Stalagmiten, und der grune Boden erstreckte sich in alle Richtungen bestimmt 46-
gut einen Kilometer weit. Er befand sich in einer riesigen Hohle. Das rotliche Gluhen schien von uberallher zu kommen.
Rod wollte die Hand ausstrecken, um das Moos zu beruhren, das sich unter seinem Rucken feucht anfuhlte, mu?te jedoch feststellen, da? er weder Arme noch Beine bewegen konnte. Er hob den Kopf, um zu sehen, mit welcher Art von Stricken er gebunden war, doch es war nicht der dunnste Faden zu sehen.
Mannhaft kampfte er gegen die Kopfschmerzen an, um klar denken zu konnen. „Gekab“, murmelte er. „Wo bin ich hier?“
Er bekam keine Antwort. Da fiel ihm ein, da? der Roboter einen Anfall gehabt hatte und er unterwegs gewesen war, um die Sicherung wieder einzudrucken.
Jetzt war er auf sich selbst gestellt.
Er seufzte und legte den Kopf wieder auf das Moos. Plotzlich begann rechts von ihm eine tiefe Stimme zu singen. Rod blinzelte.
Ein Feuer flackerte h einem kahlen Steinkreis. Ein Dreibein stand daruber, von dem ein blubbernder Kessel herabhing. Aus dem Deckel ragte eine Rohre. Wassertropfen sickerten vom Dach und trafen die Rohre. Eine Kanne stand unter dem Ende der Rohre und sammelte die Tropfen auf.
Eine primitive Schnapsbrennerei! Und der, der dieser sicherlich illegalen Beschaftigung hier nachging, war ganze funfundvierzig Zentimeter gro?, hatte ungemein breite Schultern, war kraftig gebaut, und trug Wams und Hose. Er hatte ein rundes, verschmitztes Gesicht, vergnugt zwinkernde Augen und einen breiten Mund, der zu einem pfiffigen Lacheln verzogen war. Auf dem Kopf trug er eine Robin-Hood-Kappe mit einer grellroten Feder.
Er mu?te Rods Blick bemerkt haben, denn er schaute in seine Richtung. „Ha!“ sagte er. „Der Zauberer ist wieder zu sich gekommen.“
Rod runzelte die Stirn. „Ich bin kein Zauberer!“
„Ihr seid auch nicht aus einem fallenden Kometen gekommen
und genausowenig habt Ihr ein Pferd aus kaltem Eisen…“
„He!“ unterbrach ihn Rod. „Woher wei?t du, da? das Pferd aus kaltem Eisen ist.“
„Wir sind das Kleine Volk“, antwortete der Troll ungeruhrt.
„Wir leben durch Eiche, Esche, Dorn, Holz, Luft und Gras.
Und jene, die durch das kalte Eisen leben, trachten nach dem Ende unseres Waldlands. Kaltes Eisen ist das Zeichen aller, die uns meiden; und deshalb erkennen wir kaltes Eisen, gleichgultig welcher Form oder Tarnung es sich bedient.“
Er drehte sich wieder zu dem Kessel um und hob den Deckel, um nach der Maische zu sehen. „Dann konnt Ihr auch horen, was eine halbe Meile entfernt gesprochen wird, und Euer Pferd lauft lautlos wie der Wind und schneller als ein Falke, wenn Ihr es so wollt. Aber ein Zauberer seid Ihr nicht, eh?“
Rod schuttelte den Kopf. „Ich bediene mich der Wissenschaft, nicht der Magie.“
„Das gleiche, nur ein anderer Name“, brummte der Elf. „Nein, nein, Ihr seid ein Zauberer und als solcher bereits auf ganz Gramayre bekannt!“
„Gramayre? Was ist das?“
Der Troll starrte ihn verblufft an. „Die Welt, was sonst, Zauberer! Die Welt, in der wir leben, das Land zwischen den vier Meeren, das Reich Konigin Catherines!“
„Oh! Sie herrscht uber die ganze Welt?“
„Naturlich.“ Der Elf warf Rod einen Blick zu.
„Und wie hei?t ihre Burg? Und die Stadt rundum?“
„Runnymede. Also wirklich, Ihr seid der ungebildetste Zauberer, der mir je begegnet ist!“ Der Troll drehte sich kopfschuttelnd um. Er go? ein wenig des Destillats aus der Kanne in einen Krug von der Gro?e eines Schnapsglases ab.
Rod wurde plotzlich bewu?t, wie durstig er war. „Was braust du da eigentlich?“ fragte er. „Doch nicht Branntwein?“ Und als der Elf den Kopf schuttelte, versuchte er es weiter: „Gin? Rum? Aqua Vitae?“
„Nein, es ist ein Getrank anderer Art.“ Der Elf hielt den winzigen Krug an Rods Mund. Rod nahm einen Schluck und leckte sich die Lippen. „Schmeckt wie Honig! Gar nicht schlecht. Konnte ich das Rezept dafur haben?“ „Aber gewi?.“ Der Troll grinste. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende fur unseren Gast tun.“
„Gast!“ schnaubte Rod. „Ich mochte zwar eure Gastfreundschaft nicht anzweifeln, aber mir die Bewegungsfreiheit zu nehmen, ist nicht gerade meine Vorstellung eines Willkommens.“
„Oh, dagegen wird schon noch etwas unternommen werden.“ Plotzlich klickte etwas in Rods Gehirn. Die Harchen schienen sich ihm am Nacken aufzustellen. „Uh — ah — wir wurden noch nicht miteinander bekanntgemacht, aber sag, du hei?t wohl nicht zufallig Robin Goodfel-low, alias Puck?“ „So ist es.“ Der Troll gab den Deckel wieder auf den Kessel. „Ich bin dieser frohliche Wanderer der Nacht.“ Rod legte den Kopf wieder ins Moos. Das wurde eine gro?artige Geschichte fur seine zukunftigen Enkel abgeben, denn andere wurden sie ihm sowieso nicht glauben. „Sag, Puck — ich darf dich doch Puck nennen?“ „Sicher durft Ihr das.“ „Danke. Ich — uh — bin Rod Gallowglass.“ „Das wissen wir schon.“
„Nun, ich dachte nur, ich sollte mich vielleicht vorstellen. Du — ah — scheinst mir nicht bose gesinnt zu sein, darf ich deshalb fragen, weshalb ich — ah — gelahmt bin?“
„Ach das“, brummte Puck. „Wir mussen erst herausfinden, ob Ihr ein wei?er oder schwarzer Zauberer seid.“ „Oh!“ Rod kaute an seiner Wange. „Wenn ich ein — ah — wei?er bin, la?t ihr mich dann gehen?“ Puck nickte. „Aber was ist, wenn ihr mich fur einen schwarzen haltet?“ „Dann, Rod Gallowglass, werdet Ihr bis zum Jungsten Tag schlafen.“
„Ich habe zwar im Prinzip nichts gegen Schlafen, aber ware das nicht ein bi?chen lange? Wie kann ich beweisen, da? ich ein wei?er Magier bin?“
„Ganz einfach, indem wir den Bann brechen, der Euch bindet.“ „Du meinst, indem ihr mich freigebt? Wie kann das als Beweis dienen?“
„Die Tatsache als solche nicht, sondern der Ort, wo wir es tun.“ Er klatschte in die Hande. Rod horte das Trippeln Dutzender kleiner Fu?e von hinten auf sich zukommen. Man band ihm ein dunkles Tuch vor die Augen und knupfte es am Hinterkopf fest. Er protestierte, aber man achtete uberhaupt nicht darauf, sondern schleppte ihn davon. Nach einer Weile schlug feuchte Nachtluft in sein Gesicht, und er spurte, da? er hangaufwarts getragen wurde. Grillen zirpten und einmal heulte eine Eule. Dann lie? man ihn einfach auf den Boden plumpsen und nahm ihm die Binde ab. „Heh!“ stohnte er. „Bin ich vielleicht ein Mehlsack?“
„Ihr seid jetzt frei, Rod Gallowglass“, klang Pucks Stimme in seinen Ohren. „Moge Gott Euch beschutzen!“ Und schon huschte der Troll von dannen.
Rod setzte sich auf und bewegte seine Gliedma?en. Er schaute sich um. Er sa? auf einer mondbeschienenen Lichtung. Zu seiner Linken platscherte ein Bach. Die Baume waren wie glanzender Stahl mit Lamettalaub, mit schwarzen Schatten zwischen den Stammen.
Einer der Schatten bewegte sich. Er wurde zur hochgewachsenen Gestalt in dunkler Monchskutte mit Kapuze. Rod sprang hastig hoch. Die Gestalt kam langsam auf ihn zu. Zehn Schritt vor ihm blieb sie stehen und warf die Kapuze zuruck. Zerzaustes, ungepflegtes Haar hing in ein eingefallenes, verbittertes Gesicht, aus dem die tiefliegenden Augen wie Kohlen brannten. Die Stimme klang wie ein Zischen: „Bist du deines Lebens so mude, da? du dich in den Kafig eines Werwolfs wagst?“
Rod starrte die Gestalt unglaubig an. „Werwolf?“ Na ja, wenn es Elfen gab… Er runzelte die Stirn. „Kafig? Ich sehe keinen!“ „Eine magische Mauer umgibt diesen Hain“, zischte der Werwolf. „Die Kleinen haben sie um mich
