er hatte Liefervertrage mit verschiedenen Herstellern, die alle moglichen Arten von Kuchengeraten anfertigten, Schusseln, Kochtopfe, Besteck, Werkzeug, alles, ausgenommen schwere Elektrogerate. Nach dem Bruch herrschte ein grauenhaftes Durcheinander in Industrie und Handel; nationale und internationale Regierungen waren wochenlang so uberfordert gewesen, da? infolge dessen ein gewisses laissez-faire herrschte und kleine private Firmen, die diese Periode uberstanden hatten oder wahrend der Zeit gegrundet worden waren, sich in einer guten Ausgangsposition befanden. In Oregon wurden eine Reihe dieser Firmen, die ausnahmslos mit materiellen Gutern der einen oder anderen Art handelten, von Aldebaranern geleitet; sie waren gute Manager und ausgezeichnete Kaufleute, mu?ten aber Menschen fur jede Form von korperlicher Arbeit beschaftigen. Die Behorden mochten sie, weil sie Beschrankungen und Kontrollen seitens des Staates bedingungslos akzeptierten, denn die Weltwirtschaft kam langsam wieder auf die Fu?e. Die Leute redeten sogar schon wieder vom Bruttosozialprodukt, und Prasident Merdle hatte bis Weihnachten eine Ruckkehr zur Normalitat zugesagt.

Asfah machte in Gro?- und Einzelhandel, und das Kitchen Sink war beliebt wegen seinen unverwustlichen Waren und fairen Preisen. Seit dem Bruch kamen in immer gro?erer Zahl Hausfrauen, die die unbekannten Kuchen neu moblierten, in denen sie seit jenem Abend im April kochten. Orr prufte gerade ein paar Holzmuster fur Schneidbretter, als er jemanden sagen horte: »Ich hatte gern einen von diesen Schneebesen«, und weil ihn die Stimme an die Stimme seiner Frau erinnerte, stand er auf und warf einen Blick in den Vorfuhrraum. Asfah zeigte einer mittelgro?en Frau um die Drei?ig, mit brauner Haut und kurzem, drahtigem schwarzen Haar auf einem wohlgeformten Kopf etwas.

»Heather«, sagte er und trat naher.

Sie drehte sich um. Sie betrachtete ihn, wie es schien eine lange Zeit. »Orr«, sagte sie. »George Orr. Richtig? Wann haben wir uns kennengelernt?«

»Das war —« Er zogerte. »Sind Sie nicht Anwaltin?«

E’nememen Asfah stand in seinem riesigen grunen Panzer da und hielt einen Schneebesen.

»Nee. Anwaltsgehilfin. Ich arbeite fur Rutti und Goodhue im Pendleton Building.«

»Das mu? es sein. Da bin ich einmal gewesen. Gefallt, gefallt Ihnen das? Ich habe es entworfen.« Er holte einen anderen Schneebesen aus dem Korb und fuhrte ihn ihr vor. »Gut ausbalanciert, sehen Sie. Und er ist schnell. Normalerweise machen sie die Drahte zu straff oder zu schwer, au?er in Frankreich.«

»Sieht gut aus«, sagte sie. »Ich besitze einen alten elektrischen Mixer, wollte so etwas aber wenigstens an die Wand hangen. Arbeiten Sie hier? Fruher nicht. Jetzt fallt es mir wieder ein. Sie waren in einem Buro in der Stark Street, und waren bei einem Arzt in Freiwilliger Behandlung.«

Er hatte keine Ahnung, woran oder an wieviel sie sich erinnerte und wie es zu seinen eigenen multiplen Erinnerungen pa?te. — Seine Frau hatte naturlich graue Haut gehabt. Es gab immer noch graue Menschen, hie? es, besonders im Mittleren Westen und in Deutschland, aber die meisten anderen hatten wieder eine wei?e, braune, schwarze, rote, gelbe Farbe, oder Mischfarben. Seine Frau war eine graue Person gewesen, eine weitaus sanftmutigere Person als diese hier, dachte er. Diese Heather hatte eine gro?e schwarze Handtasche mit Messingverschlu? dabei, und wahrscheinlich einen Flachmann voll Brandy darin; sie kam hart ruber. Seine Frau war aggressionslos gewesen, und zwar couragiert, aber mit einem schuchternen Gemut. Dies war nicht seine Gattin, sondern eine leidenschaftlichere Frau, lebhaft und mit Ecken und Kanten.

»Das stimmt«, sagte er. »Vor dem Bruch. Wir hatten … Tatsachlich, Miss Lelache, hatten wir eine Verabredung zum Mittagessen. Im Dave’s in der Ankeny. Wir haben es nicht geschafft.«

»Ich bin nicht Miss Lelache, das ist mein Madchenname. Ich bin Mrs. Andrews.«

Sie sah ihn neugierig an. Er stand da und ertrug die Realitat.

»Mein Mann ist im Krieg im Nahen Osten gefallen«, fugte sie hinzu.

»Ja.« sagte Orr nur.

»Entwerfen Sie alle Sachen hier?«

»Die meisten Werkzeuge und so. Und das Kochgeschirr. Sehen Sie, gefallt Ihnen das?« Er brachte einen Teekessel mit Kupferboden zum Vorschein, massiv und doch elegant, so zweckdienlich entworfen wie ein Segelschiff.

»Wem wurde das nicht gefallen?« sagte sie und streckte die Hand aus. Er gab ihr den Kessel. Sie wog ihn und bewunderte ihn. »Ich mag Sachen«, sagte sie.

Er nickte.

»Sie sind ein wahrer Kunstler. Er ist wunderschon.«

»Mr. Orr ist Experte fur Gebrauchsgegenstande«, warf der Besitzer tonlos aus dem linken Ellbogen ein.

»Horen Sie, jetzt erinnere ich mich«, sagte Heather plotzlich. »Naturlich, das war vor dem Bruch, darum ist in meinem Kopf alles so durcheinander. Sie haben getraumt, ich meine, Sie glaubten, da? Sie Dinge traumen, die dann wahr werden. Ist es nicht so? Und der Arzt hat Sie gezwungen, es immer ofter und ofter zu machen, aber das wollten Sie nicht und suchten nach einer Moglichkeit, wie Sie aus der Freiwilligen Therapie rauskommen konnten, ohne da? Ihnen eine Zwangstherapie aufgebrummt wurde. Sehen Sie, ich kann mich erinnern. Sind Sie denn einem anderen Seelenklempner zugeteilt worden?«

»Nein. Ich bin daruber hinweggekommen«, sagte Orr und lachte. Sie lachte ebenfalls.

»Was haben Sie wegen Ihren Traumen unternommen?«

»Oh … einfach weitergetraumt.«

»Ich dachte, Sie konnten die Welt verandern. Etwas Besseres haben Sie sich nicht fur uns einfallen lassen konnen als — dieses Schlamassel?«

»Es wird wohl so genugen mussen«, sagte er.

Er selbst hatte auch ein kleineres Schlamassel bevorzugt, aber das lag nicht in seiner Macht. Und wenigstens war sie jetzt Teil des Schlamassels. Er hatte sie gesucht, so gut er konnte, hatte sie nicht gefunden und so in seiner Arbeit Trost gesucht; viel Trost hatte sie ihm nicht gerade gespendet, aber es war die Arbeit, fur die er geschaffen war, und er war ein geduldiger Mann. Doch jetzt mu?te diese trockene und stumme Trauer um seine verlorene Frau ein Ende haben, denn jetzt stand sie hier, die lebhafte, widerspenstige und zerbrechliche Fremde, die er immer wieder neu erobern mu?te.

Er kannte sie, er kannte seine Fremde und wu?te, wie er sie zum Reden und wie er sie zum Lachen bringen konnte. Schlie?lich sagte er: »Mochten Sie gern eine Tasse Kaffee trinken? Nebenan ist ein Cafй. Es ist sowieso Zeit fur meine Mittagspause.«

»Einen Dreck ist es«, sagte sie; es war kurz vor siebzehn Uhr. Sie sah zu dem Au?erirdischen. »Einen Kaffee wurde ich schon gern trinken, aber —«

»Ich bin in zehn Minuten wieder da, E’nememen Asfah«, sagte Orr zu seinem Arbeitgeber, als er den Regenmantel holen ging.

»Nehmen Sie Abend frei«, sagte der Au?erirdische. »Wir haben Zeit. Es gibt eine Wiederkehr. Gehen hei?t wiederkehren.«

»Schonen Dank auch«, sagte Orr und schuttelte seinem Boss die Hand. Die gro?e grune Flosse lag kuhl in seinen menschlichen Fingern. Er trat mit Heather hinaus in den warmen, regnerischen Sommernachmittag. Der Au?erirdische, der sie hinter den Glasscheiben des Geschafts beobachtete wie ein Meereslebewesen in einem Aquarium, sah sie vorubergehen und im Nebel verschwinden.

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