meine Zähne sich aufeinanderpressen, wo ich ein Gesumm im Kopf höre, als ob alle Glocken von Notre-Dame in mein Ohr schallten; dann ist es mir, als müßte ich ein Narr werden. - Doktor, was ist der sanfteste Tod?«
»Warum fragen Sie das?«
»Weil mich zuweilen die Lust erfaßt, mich zu töten.«
»Ich bitte Sie.«
»Doktor, man sagt, wenn man sich mit Blausäure vergifte, sei es in einem Augenblick geschehen.«
»Das ist wirklich der schnellste Tod, den man kennt.«
»Doktor, verschaffen Sie mir für alle Fälle ein Fläschchen Blausäure.«
»Sie sind ein Narr.«
»Hören Sie, ich bezahle Ihnen dafür, was Sie wollen, tausend Franc, sechstausend, zehntausend, wenn Sie dafür bürgen, daß man stirbt, ohne zu leiden.«
Ich erhob mich.
»Nun, wie?« sprach er, indem er mich zurückhielt.
»Ich bedaure, mein Herr, daß Sie mir unablässig Dinge sagen, die nicht nur meine Besuche abkürzen, sondern auch eine längere Verbindung mit Ihnen unmöglich machen.«
»Nein, nein, bleiben Sie, ich bitte Sie, sehen Sie nicht, daß ich Fieber habe und daß nur das Fieber schuld ist, wenn Sie mich so sprechen hören?«
Er läutete, derselbe Bediente von vorhin erschien.
»Germain, ich habe Durst«, sagte de Faverne. »Geben Sie mir etwas zu trinken.«
»Was wünschen der Herr Vicomte?«
»Sie werden etwas mit mir nehmen, nicht wahr?«
»Nein, ich danke«, antwortete ich.
»Gleichviel«, fuhr er fort, »bringen Sie zwei Gläser und eine Flasche Rum.«
Germain ging hinaus.
Nach einigen Augenblicken kehrte er mit einem kleinen Tablett zurück, auf dem die verlangten Gegenstände standen; ich bemerkte nur, daß die Gefäße, statt Likörgläser zu sein, Gläser waren, aus denen man Bordeauxwein zu trinken pflegt.
Der Vicomte füllte sie beide, doch seine Hand zitterte so stark, daß mindestens genausoviel Rum, wie in den Gläsern war, verschüttet wurde.
»Kosten Sie das«, sagte er. »Es ist vortrefflicher Rum; ich habe ihn selbst von Guadeloupe mitgebracht; wo ich Ihrem Herrn Olivier d'Hornoy zufolge nie gewesen sein soll.«
»Ich danke Ihnen, aber ich trinke keinen Alkohol.«
Er nahm eines von den beiden Gläsern.
»Wie«, sagte ich, »Sie wollen das trinken?« »Gewiß.«
»Wenn Sie dieses Leben fortsetzen, werden Sie bis auf die Flanellweste verbrennen, die Ihre Brust bedeckt.«
»Glauben Sie, daß man sich töten kann, wenn man viel Rum trinkt?«
»Nein, aber man kann sich eine Magen- und Darmentzündung zuziehen, an der man eines schönen Tages nach langen furchtbaren Schmerzen stirbt.«
Er setzte das Glas auf die Platte, ließ den Kopf auf die Brust und die Hände auf die Knie sinken und murmelte mit einem Seufzer: »Doktor, Sie erkennen also, daß ich sehr krank bin?«
»Ich sage nicht, Sie sind krank, ich sage nur, Sie leiden.«
»Ist das nicht dasselbe?«
»Nein.«
»Und was raten Sie mir? Die Medizin muß für jedes Leiden ihre Mittel haben; es wäre sonst nicht der Mühe wert, die Ärzte so teuer zu bezahlen.«
»Sie sagen das nicht gegen mich?« erwiderte ich lachend.
»O nein! Sie sind in allen Dingen ein Muster.«
Er nahm das Glas Rum und trank es, ohne an das zu denken, was er tat. Ich hielt ihn nicht zurück, denn ich wollte sehen, welche Wirkung dieses brennende Getränk auf ihn hervorbrächte.
Es schien gar keine Wirkung hervorzubringen; es war, als hätte er nur ein Glas Wasser geleert.
Ich zweifelte nicht mehr daran, daß sich dieser Mensch oft durch den Genuß alkoholischer Getränke zu betäuben versuchte.
Nach einem Augenblick schien er in der Tat wieder einige Energie zu gewinnen.
»Warum«, sagte er, das Schweigen unterbrechend und seine eigenen Gedanken beantwortend, »warum quäle ich mich eigentlich so sehr? Bah, ich bin jung, ich bin reich, ich genieße das Leben, das wird dauern, solange es kann.«
Er nahm ein zweites Glas und leerte es wie das erste.
»Sie raten mir also nichts, Doktor?«
»Doch; ich rate Ihnen, Vertrauen zu mir zu haben und mir mitzuteilen, was Sie quält.«
»Sie glauben immer noch, daß ich etwas habe, was ich nicht zu sagen wage?«
»Ich sage Ihnen, daß Sie mir ein Geheimnis verbergen.«
»Ein wichtiges?« versetzte er mit einem gezwungenen Lächeln.
»Ein furchtbares.«
Er erbleichte und nahm mechanisch die Flasche beim Hals, um sich ein drittes Glas einzuschenken.
»Ich habe Ihnen gesagt, Sie werden sich töten«, sprach ich.
Er sank ein wenig zurück und stützte seinen Kopf an das Täfelwerk seines Zimmers.
»Ja, Doktor, ja, Sie sind ein Genie; ja, Sie haben es sogleich erraten. Sie, während die anderen nichts sahen als Feuer; ja, ich habe ein Geheimnis, und wie Sie sagen, ein furchtbares Geheimnis, das mich sicherer töten wird als der Rum, den Sie mich zu trinken hindern, ein Geheimnis, das ich stets irgend jemand anzuvertrauen Lust hatte und das ich Ihnen sagen würde, wenn Sie, wie die Beichtväter, das Gelübde der Verschwiegenheit abgelegt hätten. Doch urteilen Sie selbst: Wenn dieses Geheimnis mich schon so sehr quält, solange ich nur allein es kenne, wie wäre es erst, wenn ich zu meiner ewigen Marter wüßte, es wäre noch irgendeinem anderen Menschen bekannt?«
Ich stand auf.
»Mein Herr«, sagte ich, »ich habe kein Geständnis von Ihnen verlangt, und ich habe Ihnen keine Mitteilung gemacht; Sie ließen mich als Arzt kommen, und ich sagte Ihnen, ein Arzt könnte Ihren Zustand nicht bessern.
Bewahren Sie Ihr Geheimnis — das steht ganz bei Ihnen, mag dieses Geheimnis nun auf Ihrem Herzen oder auf Ihrem Gewissen lasten. - Gott befohlen, Herr Vicomte.«
Er ließ mich weggehen, ohne mir zu antworten, ohne eine Bewegung zu machen, mich zurückzuhalten, ohne mich zurückzurufen, nur konnte ich, als ich mich umwandte, um die Tür zu schließen, sehen, daß er die Hand zum drittenmal nach der Rumflasche, seiner unseligen Trösterin, ausstreckte.
10. Kapitel
Ein furchtbares Geständnis
Ich setzte meine Krankenbesuche fort, bekam jedoch nicht aus dem Kopf, was ich gesehen und gehört hatte. Während der Widerwille gegen de Faverne bestehenblieb, begann ich doch aber jenes körperliche Mitleid, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu spüren, das der für die Leiden anderer empfängliche Mensch empfindet, wenn einer seiner Mitmenschen leidet.
Ich speiste auswärts, und da ein Teil meines Abends Besuchen gewidmet war, kehrte ich erst nach Mitternacht nach Hause zurück.
Man sagte mir, ein junger Mann, der mich konsultieren wolle, erwarte mich seit einer Stunde in meinem