war: an jenem Abend nahm ich aus meines Sohnes Hand den Becher entgegen - und statt den eklen Sud in weitem Bogen auszuspucken, trank ich ihn bis zur Neige. Ich erstickte beinahe, aber ich trank. Amir stand entgeistert daneben. Als die Schrecksekunde voruber war, schaltete er die hochste Lautstarke ein: „Wieso?' schrillte er. „Warum trinkst du das?' „Was hei?t da warum und wieso?' gab ich zuruck. „Hast du mir nicht gesagt, da? du heute keinen Tropfen Kakao getrunken hast? Und hab' ich dir nicht gesagt, da? ich den Kakao dann selbst trinken werde? Also?' In Amirs Augen funkelte Wut. Er wandte sich ab, ging zu Bett und weinte die ganze Nacht. Es ware wirklich besser gewesen, jetzt mit dem Kakao-Spiel aufzuhoren. Aber davon wollte meine Frau nichts wissen:
„Hauptsache', erklarte sie, „da? er seinen Kakao trinkt. ' So vollzog sich denn das Kakao-Spiel erbarmungslos Abend fur Abend, immer zwischen sieben und halb acht... Als Amir alter geworden war, ergab sich eine kleine Zeitverschiebung. Wir hatten ihm erlaubt, an seinem Geburtstag Freunde einzuladen, mit denen er sich unter Mitnahme des Bechers ins Kinderzimmer zuruckzog. Gegen acht Uhr wurde ich ungeduldig und wollte ihn zwecks Abwicklung des Spiels herausrufen. Als ich mich der Ture naherte, horte ich ihn sagen: „Jetzt mu? ich ins Badezimmer gehen und lauwarmes Wasser holen. ' „Warum?' fragte sein Freund Gilli „Mein Papi will es so haben. ' ', Warum?'
„Wei? nicht. Jeden Abend dasselbe. '
Der gute Junge - in diesem Augenblick wurde es mir klar - hatte die ganze Zeit geglaubt, da?
Die Vorstellung geht weiter. Es gibt keine Rettung. Manchmal ruft Amir, wenn die Stunde da ist, aus dem Badezimmer: „Papi, kann ich dir schon das Leitungswasser bringen?', und ich beginne daraufhin sofort meinen Teil des Dialogs herunterzuleiern, unerhort, herrlicher Kakao, pfui Teufel, brrr... Es ist zum Verzweifeln. Als Amir eines Abends ein wenig Fieber hatte und im Bett bleiben mu?te, ging ich selbst ins Badezimmer, fullte das Wasser in den Becher und trank ihn aus. „Reingefallen, reingefallen', rief Amir durch die offenstehende Ture. Seit neuestem hat er meinen Text ubernommen. Wenn er mit dem gefullten Becher aus dem Badezimmer herauskommt, murmelt er vor sich hin:
„Amir hat schon wieder keinen Tropfen getrunken, das ist ja unerhort, was glaubt der Kerl... ' und so weiter bis brrr. Ich komme mir immer uberflussiger vor in diesem Haus. Wirklich, wenn es nicht die Hauptsache ware, da? Amir seinen Kakao trinkt - ich wu?te nicht, wozu ich uberhaupt gut bin.
Wenn jemand eine Auslandsreise unternimmt, mu? er befurchten, den Kontakt mit seinen Lieben zu Hause zu verlieren. Ab und zu bekommt er von zu Hause einen Brief, der eigentlich nichts weiter enthalt als die Mitteilung „Nachstens mehr'. Das ist alles... Aber halt! Es gibt ja das Telefon! Ein nutzliches, ein handliches, ein wundersames Instrument, hervorragend geeignet, ohne viel Umstande die Verbindung mit den teuren Zuruckgebliebenen herzustellen!
„Teuer' ist das richtige Wort. Ein Gesprach aus NewYork nach Tel Aviv kostet zum Beispiel acht saftige Dollar pro Minute. Sei's drum. Der Reisende holt tief Atem, greift nach dem Telefon. seines schabigen Hotelzimmers, betatigt mit zitternder Hand die Drehscheibe und lauscht gespannt dem verhei?ungsvollen „biep- biep-biep', das ihm aus dem Apparat entgegentont. Das erste Stadium der Fuhlungnahme ist erreicht Ich werde mich kurz fassen. Mein Gesprach mit meiner Frau wird sich auf das Notigste beschranken. Zu Hause alles in Ordnung? Die Kinder gesund? Ja, mir geht's gut. Ja, ich komme zuruck, sobald ich kann. Wart noch mit den Rechnungen, die haben Zeit. Ich umarme dich, Liebste... Das ware alles, und das kann hochstens drei Minuten dauern. „Hallo?' Ein su?es kleines Stimmchen klingt mir von jenseits des Ozeans ans Ohr. Es ist Renana, meine Jungste, mein Augapfel. „Wer ist dort?'
„Hallo, Renana!' brulle ich in den Horer. „Wie geht's dir?' „Wer dort?' sagt Renana. „Hallo!' „Hier ist Papi. ' „Was?' „Papi spricht hier, Renana. Ist Mami zu Hause?*' „Wer spricht?' „Papi!' „Mein Papi?'
„Ja, dein Papi. Du sprichst mit deinem Papi. Und Papi will mit Mami sprechen. Bitte hol sie!' „Warte, warte. Papi? Horst du mich, Papi?' Ja. «
„Wie geht's dir?'
„Fein. Mir geht's fein. Wo ist Mami?' „Bist du jetzt in Amerika, Papi? Nicht wahr, du bist in Amerika!' „Ja, in Amerika. Und ich hab' gro?e Eile. ' „Willst du mit Amir sprechen?'
„Ja. Schon. ' (Ich kann nicht gut nein sagen, sonst krankt er sich. ) „Hol ihn. Aber mach schnell. Auf Wiedersehen, Liebling. ' „Was?'
„Auf Wiedersehen, hab' ich gesagt' „Wer spricht?' „Hol deinen Bruder!' „Auf Wiedersehen, Papi. ' „Auf Wiedersehen, mein Kleines. Bussi. ' „Was?' „Du sollst Amir rufen, zum Teufel!'
„Amir, wo bist du?' Renanas Stimme schrillt in eine andere Richtung. „Papi will mit dir sprechen. Amir! Aaa-miiir!' Bisher sind sieben Minuten vergangen, sieben Minuten zu je acht Dollar. Man sollte Kinder nicht ans Telefon heranlassen. Acht Minuten. Wo nur dieser rothaarige Bengel so lange bleibt? „Hallo, Papi!' „Hallo, mein Junge. Wie geht's dir?' „Danke gut Und dir?' „Auch gut. Alles in Ordnung, Amir?' „Ja. « «Fein. « Es tritt eine Pause ein. Aber die wichtigsten Dinge sind ja schon besprochen. „Papi?« „Ja. ' „Renana will dir noch etwas sagen. '
Vor meinem geistigen Auge erscheint eine Art Zahluhr wie im Taxi, nur gro?er und mit alarmierend hohen Ziffern, welche ganz schnell laufen. Klick: zwolf Dollar... Klick: achtzehn... Klick: vierundzwanzig... Klick:... „Papi? Horst du, Papi?' „Ja. '
„Gestern... Wei?t du, gestern... ' „Was - gestern?'
„Gestern... Amir, la? mich mit Papi sprechen! Papi, Amir will mich wegsto?en!'
„Hol Mami zum Telefon!' „Was?'
„Mami! Aber schnell!' „Warte... gestern... horst du mich?'
„Ja, ich hore dich, gestern, was ist gestern geschehen, gestern, was, was war gestern?'
„Gestern war Moschik nicht im Kindergarten. '
„Wo ist Mami?'
„Wer?'
„M-a-m-i!'
„Mami ist nicht zu Hause. Hor zu, Papi!' „Ja?'
„Willst du mit Amir sprechen?'
„Nein. Auf Wiedersehen, Liebling. '
„Was?'
„Bussi. B-u-s-s-i!' „Gestern... '
An diesem Punkt wurde die Verbindung plotzlich unterbrochen. Moglich, da? ich eine unvorsichtige Bewegung gemacht habe und irgendwo angesto?en bin, wo sonst der Horer aufliegt... Na schon, dann mu? ich eben auflegen.
Aber da klingelt es schon wieder. Um Himmels willen, es wird doch nicht... ?
Nein, es ist die Telefonistin: „Das macht einhundertsechsundsechzig Dollar und siebzig Cent«
Als vor Jahren in Tel Aviv der erste Supermarkt eroffnet wurde, kamen viele Leute.
Drei Tage lang vermieden meine Frau und ich es, ebenfalls hinzugehen. Dann konnten wir nicht mehr. Wir hatten gerade noch die Kraft zu einer Vorsichtsma?regel: Um dem Schicksal einiger unserer Nachbarn zu entgehen, die an einem einzigen Einkaufsnachmittag ihr ganzes Geld verloren, lie?en wir unsere Brieftaschen zu
