Hause und nahmen statt dessen unseren Erstgeborenen Rafi in den Supermarkt mit.
Gleich am Eingang herrschte lebensgefahrliches Gedrange. Wir wurden zusammengepre?t - und tatsachlich, da war es auch schon: „Sardinen!' rief meine Frau entzuckt und machte einen Satz direkt an den Verkaufstisch, an dem sich bereits zahllose Frauen balgten. Man hatte an Hand der dort aufgestapelten Sardinenbuchsen eine kleine Weltreise zusammenstellen konnen: Es gab franzosische, spanische, portugiesische, italienische, jugoslawi- sehe, albanische und einheimische Sardinen, es gab Sardinen in Ol, in Tomatensauce und in Weinsauce.
Meine Frau entschied sich fur norwegische Sardinen und nahm noch zwei Dosen von Ungewisser Herkunft dazu. „Hier ist alles so viel billiger', sagte sie. „Aber wir haben doch kein Geld mitgenommen?' „In meiner Handtasche habe ich zufallig noch eine Kleinigkeit gefunden. '
Mit diesen Worten bemachtigte sie sich eines Einkaufswagens, um die elf Sardinenbuchsen hineinzulegen. Nur aus Neugier, und um zu sehen, was das eigentlich sei, legte sie eine Dose mit der Aufschrift „Gold Syrup' dazu. Plotzlich wurde sie bla? und begann zu zittern: „Rafi!' brullten wir beide aus vollem Hals. „Rafael! Liebling!' „Spielwarenabteilung zweiter Block links', informierte uns eine erfahrene Verkauferin.
Im nachsten Augenblick zerri? ein betaubender, explosionsartiger Knall unser Trommelfell. Der Supermarkt erzitterte bis in die Grundfesten und neigte sich seitwarts. Wir seufzten erleichtert auf. Rafi hatte sich an einer kunstvoll aufgerichteten Pyramide von etwa funfhundert Kompottkonserven zu schaffen gemacht und hatte die zentrale Stutzkonserve aus der untersten Reihe herausgezogen. Um unseren kleinen Liebling fur den erlittenen Schreck zu trosten, kauften wir ihm ein paar Su?igkeiten, Honig, Schweizer Schokolade, und hollandischen Kakao. Wahrend ich den Uberflu? in unserem Einkaufswagelchen verstaute, sah ich noch eine Flasche Parfum, ein Dutzend Notizbucher und zehn Kilo rote Ruben liegen. „Frau!' rief ich aus. „Das ist nicht unser Wagen!' „Nicht? Na wenn schon. '
Ich mu? gestehen, da? sie recht hatte. Es war kein schlechter Tausch, den wir da gemacht hatten. Au?er den bereits genannten Dingen enthielt unser neuer Wagen noch eine Anzahl verschiedener Kasesorten, Kompotte, Badetucher und einen Besen. „Konnen wir alles brauchen', erklarte meine Frau. „Fragt sich nur, womit wir es bezahlen sollen. '
„So ein Zufall. ' Ich schuttelte verwundert den Kopf. „Eben habe ich in meiner Hosentasche die Pfundnote entdeckt, die ich neulich so lange gesucht habe. '
Gierig zogen wir weiter, wurden Zeugen eines Handgemenges dreier Damen, deren Laufkarren in voller Fahrt zusammengesto?en waren, und mu?ten dann aufs neue nach Rafis Verbleib forschen. Wir fanden ihn am ehemaligen Eierverkaufsstand. „Wem gehort dieser Balg?' schnaubte der Eierverkaufer, gelb vor Wut und Eidotter. „Wer ist fur dieses Monstrum verantwortlich?' Wir schleppten unseren Sohn eilig mit uns, kauften noch einige Haushaltsdinge und kehrten zu unserem Wagen zuruck, auf den irgend jemand in der Zwischenzeit ein paar Kisten griechischen Wein, eine Kiste Zucker und mehrere Kannen Ol aufgehauft hatte. Um Rafi bei guter Laune zu halten, setzten wir ihn oben auf den Warenberg und kauften ihm ein japanisches Schaukelpferd, dem wir zwei Paar Hausschuhe unter den Sattel schoben. Dann angelten wir uns einen zweiten Wagen, stie?en zur Abteilung „Fleisch und Geflugel' vor und kauften mehrere Huhner, Enten und Lammer, verschiedene Wurstwaren, Frankfurter, Kalbsleberpastete, Karpfen, Krabben, Krebse und Lachs. Nach und nach kamen verschiedene Eierkuchen hinzu, Paprika, Zwiebeln, Kapern, eine Fahrkarte nach Capri, Zimt, Vanille, Apfel, Nusse, Pfefferkuchen, Feigen, Datteln, Langspielplatten, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, Haselnusse, Kokosnusse, Erdnusse, Mandarinen, Mandolinen, Mandeln, Oliven, Birnen, elektrische Birnen (sechzig Watt), ein Aquarium, Brot, Schnittlauch, Leukoplast, ein Flohzirkus, ein Lippenstift, ein Korsett und noch ein paar kleinere Anschaffungen. Unseren aus sechs Wagen bestehenden Zug zur Kasse zu steuern, war nicht ganz einfach, weil das Kalb, das ich an den letzten Wagen angebunden hatte, immer zu seiner Mutter zuruck wollte. Schlie?lich waren wir soweit, und der Kassier begann schwitzend die Rechnung zusammenzustellen. Sie belief sich auf nicht viel mehr als viertausend Mark. Was uns am meisten beeindruckte, war die Geschicklichkeit, mit der die Verkaufer unsere Warenbestande in gro?e, braune Papiersacke verpackten. Nach wenigen Minuten war alles fix und fertig. Nur Rafi fehlte. „Haben Sie nicht irgendwo einen ganz kleinen Buben gesehen?' fragten wir die Leute. Einer der Packer kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Augenblick... Einen blonden Jungen?' „Ja. Er bei?t. ' „Da haben Sie ihn. ' Der Packer offnete einen der gro?en Papiersacke. Drinnen sa? Rafi und kaute zufrieden an einer Tube Zahnpasta. „Entschuldigen Sie', sagte der Packer. „Ich dachte, Sie hatten den Kleinen hier gekauft. '
Wir bekamen fur Rafi zweitausendsiebenhundert Mark zuruck und verlie?en den Supermarkt. Drau?en warteten schon die beiden Lastautos.
