Weile grubelnd vor der gro?en bunten Landkarte von Europa stehen, die an der Wand gegenuber dem Hitlerbild hing. Die Fahnchen darauf stimmten nicht mehr. Sie befanden sich noch weit innerhalb Ru?lands. Neubauer hatte sie da stecken lassen in einer Art von Aberglauben, da? sie vielleicht noch einmal gultig werden konnten. Er seufzte, ging zum Schreibtisch zuruck, hob die Glasvase mit den Veilchen auf und roch den su?en Duft. Ein unklarer Gedanke streifte ihn. Das sind wir, unsere Besten, dachte er fast erschuttert. Raum fur alles haben wir in unserer Seele. Eiserne Disziplin bei historischen Notwendigkeiten und gleichzeitig tiefstes Gemut. Der Fuhrer mit seiner Kinderliebe. Goring, der Freund der Tiere. Er roch noch einmal an den Blumen. Hundertdrei?igtausend Mark hatte er verloren und war trotzdem schon wieder obenauf. Nicht kaputt zu kriegen! Schon wieder Sinn fur das Schone! Die Idee mit der Lagerkapelle war gut gewesen. Selma und Freya kamen heute abend herauf. Es wurde einen glanzenden Eindruck auf sie machen. Er setzte sich an die Schreibmaschine und tippte mit zwei dicken Fingern den Befehl fur die Kapelle. Das war fur seine Privatakten, Dazu kam die Anordnung, schwache Straflinge von der Arbeit zu befreien. Sie stimmte in einer anderen Weise, aber er hatte sie einfach so verstanden. Was Weber tat, war seine Sache. Er wurde schon etwas tun; das Kriegsverdienstkreuz war gerade rechtzeitig angekommen. Die Privatakten enthielten eine ganze Anzahl Beweise fur Neubauers Milde und Fursorge. Daneben selbstverstandlich das ubliche belastende Material gegen Vorgesetzte und Parteigenossen. Wer im Feuer stand, konnte niemals fur genug Deckung sorgen. Neubauer klappte den blauen Aktendeckel befriedigt zu und griff zum Telefon. Sein Rechtsanwalt hatte ihm einen ausgezeichneten Tip gegeben: gebombte Grundstucke zu kaufen. Sie waren billig. Ungebombte auch. Man konnte seine eigenen Verluste damit herausholen. Grundstucke behielten ihren Wert, auch wenn sie hundertmal gebombt wurden. Man mu?te die augenblickliche Panik ausnutzen. Das Aufraumungskommando kam vom Kupferwerk zuruck. Es hatte zwolf Stunden schwer gearbeitet. Ein Teil der gro?en Halle war eingesturzt, und verschiedene Abteilungen waren schwer beschadigt. Nur wenige Hacken und Spaten waren zur Verfugung gewesen, und die meisten Gefangenen hatten mit den blo?en Handen arbeiten mussen. Die Hande waren zerrissen und bluteten. Alle waren todmude und hungrig. Mittags hatten sie eine dunne Suppe bekommen, in der unbekannte Pflanzen schwammen. Die Direktion des Kupferwerkes hatte sie gro?mutig spendiert. Ihr einziger Vorteil war gewesen, da? sie warm war. Dafur hatten die Ingenieure und Aufseher des Werks die Gefangenen wie Sklaven gehetzt. Sie waren Zivilisten; aber manche waren nicht viel besser als die SS. Lewinsky marschierte in der Mitte des Zuges. Neben ihm ging Willy Werner. Beide hatten es geschafft, beim Einteilen des Kommandos in dieselbe Gruppe zu kommen. Es waren keine einzelnen Nummern aufgerufen worden; nur eine Gesamtgruppe von vierhundert Mann. Das Aufraumen war ein schweres Kommando. Es hatte wenige Freiwillige dafur gegeben, und so war es leicht gewesen fur Lewinsky und Werner, hineinzugelangen. Sie wu?ten, warum sie es wollten. Sie hatten es schon einige Male vorher getan. Die vierhundert marschierten langsam. Sie hatten sechzehn Mann bei sich, die bei der Arbeit zusammengebrochen waren. Zwolf konnten noch gehen, wenn sie gestutzt wurden; die anderen vier wurden getragen; zwei auf einer rohen Bahre, die anderen beiden an Armen und Fu?en. Der Weg zum Lager war weit; die Gefangenen wurden um die Stadt herumgefuhrt.
Die SS vermied es, sie durch die Stra?en marschieren zu lassen. Sie wollte nicht, da? man sie sah; und sie wollte jetzt auch nicht, da? die Gefangenen zu viel von der Zerstorung sahen.
Sie naherten sich einem kleinen Birkenwald. Die Stamme schimmerten seidig im letzten Licht. Die SS-Wachen und die Kapos verteilten sich den Zug entlang. Die SS hielt die Waffen schu?bereit.
Die Gefangenen trotteten vorwarts. Vogel zwitscherten in den Asten. Ein Hauch von Grun und Fruhling hing in den Zweigen.
Schneeglockchen und Primeln wuchsen an den Graben. Wasser gluckste. Niemand beachtete es.
Alle waren zu mude. Dann kamen aufs neue Felder und Acker, und die Wachen zogen sich wieder zusammen.
Lewinsky ging dicht neben Werner. Er war aufgeregt. »Wo hast du es hingetan?« fragte er, ohne die Lippen zu bewegen.
Werner machte eine kleine Bewegung und druckte den Arm an die Rippen.
»Wer hat es gefunden?«
»Munzer. An derselben Stelle.«
»Dieselbe Marke?«
Werner nickte.
»Haben wir jetzt alle Teile?«
»Ja. Munzer kann sie im Lager montieren.«
»Ich habe eine Handvoll Patronen gefunden. Konnte nicht sehen, ob sie passen. Mu?te sie rasch wegstecken. Hoffe, sie passen.«
»Wir werden sie schon gebrauchen konnen.«
»Hat sonst noch jemand was?«
»Munzer hat noch Revolverteile. «
»Lagen sie an derselben Stelle wie gestern?«
»Ja.«
»Jemand mu? sie dahin gelegt haben.«
»Naturlich. Jemand von au?en.«
»Einer von den Arbeitern.«
»Ja. Es ist jetzt das drittemal, da? was da war. Kein Zufall.«
»Kann es einer von den Unseren gewesen sein, die im Munitionswerk aufraumen?«
»Nein. Sie sind nicht herubergekommen. Wir wurden es auch wissen. Es mu? jemand von au?en sein.«
Die Untergrundbewegung des Lagers hatte schon seit langerer Zeit versucht, Waffen zu bekommen. Sie erwartete einen Endkampf mit der SS und wollte wenigstens nicht ganz wehrlos sein. Es war fast unmoglich gewesen, Verbindungen zu bekommen; aber seit dem Bombardement hatte das Aufraumkommando plotzlich an bestimmten Stellen Waffenteile und Waffen gefunden.
Sie waren unter Schutt versteckt gewesen und mu?ten von Arbeitern dorthin placiert worden sein, um in der Unordnung der Zerstorung gefunden zu werden. Diese Funde waren der Grund dafur, da? das Aufraumkommando plotzlich mehr Freiwillige hatte als sonst. Es waren alles verla?liche Leute.
Die Haftlinge passierten eine Wiese, die mit Stacheldraht eingefriedet war. Zwei Kuhe mit wei?rotem Fell kamen dicht an den Draht und schnoberten. Eine muhte. Ihre friedlichen Augen glanzten. Fast keiner der Gefangenen sah hin; es machte sie nur noch hungriger, als sie schon waren.
»Glaubst du, da? sie uns heute vor dem Wegtreten untersuchen werden?«
»Warum? Sie haben es gestern doch auch nicht getan. Unser Kommando war nicht in der Nahe der Waffenabteilung. Nach dem Aufraumen au?erhalb des Munitionswerkes untersuchen sie gewohnlich nicht.«
»Man wei? nie. Wenn wir die Sachen wegwerfen mussen -«
Werner blickte gegen den Himmel. Er leuchtete in Rosa und Gold und Blau. »Es wird ziemlich dunkel sein, wenn wir ankommen. Wir mussen sehen, was passiert. Hast du deine Patronen gut eingewickelt?«
»Ja. In einem Lappen.«
»Gut. Wenn etwas geschieht, gib sie nach ruckwarts zu Goldstein. Der gibt sie weiter zu Munzer.
Der zu Remme. Einer von ihnen wird sie wegwerfen. Wenn wir Pech haben und die SS an allen Seiten ist, la? sie in der Mitte der Gruppe fallen, wenn es notig ist. Wirf sie nicht zur Seite. Sie konnen dann keinen Bestimmten fassen. Ich hoffe, da? das Kommando vom Baumroden gleichzeitig mit uns ankommt. Muller und Ludwig wissen dort Bescheid. Beim Einrucken wird ihre Gruppe ein Kommando falsch verstehen, wenn wir untersucht werden, und in unsere Nahe kommen und die Sachen aufnehmen.«
Die Stra?e machte eine Kurve und naherte sich in einer langen, geraden Linie wieder der Stadt.
Schrebergarten mit Holzlauben saumten sie ein. Leute in Hemdsarmeln arbeiteten darin. Nur wenige blickten auf. Sie kannten die Haftlinge schon. Der Geruch von aufgebrochener Erde kam von den Garten heruber. Ein Hahn krahte.
Schilder fur Automobilisten standen am Rande: Achtung, Kurve. Siebenundzwanzig Kilometer bis Holzfelde.
»Was ist denn das da hinten?« fragte Werner plotzlich. »Ist das schon das Baumkommando?«
Weit vor ihnen auf der Stra?e sahen sie eine dunkle Masse von Menschen. Sie war so weit, da? man nicht erkennen konnte, wer es war. »Wahrscheinlich«, sagte Lewinsky.
»Sie sind fruher als wir. Vielleicht holen wir sie noch ein.«