Arnau sah Joan an. Wie sollte er ihm sagen, dass es Bernat gewesen war, der am lautesten geschrien hatte und die Leute aufwiegelte? Wie sollte er ihm das sagen, wo er es doch selbst nicht glauben konnte?
»Ich wei? es nicht, Joan. Da waren so viele Leute.«
»Sie plundern, Arnau! Sie greifen die Ratsherren der Stadt an.«
An diesem Abend warteten die Jungen vergeblich auf ihren Vater. Am nachsten Morgen machte sich Joan bereit, zum Unterricht zu gehen.
»Du solltest nicht gehen«, riet ihm Arnau.
Joan ging trotzdem.
»Die Soldaten von Konig Alfons haben den Aufstand niedergeschlagen«, erzahlte Joan knapp, als er in Peres Haus zuruckkehrte.
Auch in dieser Nacht kam Bernat nicht zum Schlafen nach Hause.
Am Morgen verabschiedete sich Joan erneut von Arnau.
»Du solltest mal aus dem Haus gehen«, sagte er zu ihm.
»Und wenn er zuruckkommt? Er kann nur hierhin kommen«, erklarte Arnau, und seine Stimme versagte.
Die beiden Bruder umarmten sich. »Wo seid Ihr, Vater?«
Pere machte sich auf die Suche nach Neuigkeiten. Sie zu erhalten war nicht so schwer wie der Weg zuruck nach Hause.
»Es tut mir leid, Junge«, sagte er zu Arnau. »Dein Vater wurde festgenommen.«
»Wo ist er jetzt?«
»Im Palast des Stadtrichters, aber …«
Arnau war bereits losgerannt. Pere sah seine Frau an und schuttelte dann den Kopf. Die alte Frau schlug die Hande vors Gesicht.
»Es waren Eilprozesse«, erklarte ihr Pere. »Eine ganze Menge Zeugen haben in Bernat mit seinem Muttermal den Radelsfuhrer des Aufstands wiedererkannt. Warum hat er das nur gemacht? Offenbar …«
»Weil er zwei Kinder zu versorgen hat«, fiel ihm seine Frau ins Wort. Tranen standen in ihren Augen.
»Er hatte«, korrigierte Pere mit muder Stimme. »Sie haben ihn und neun weitere Aufruhrer auf der Plaza del Blat gehangt.«
Mariona schlug erneut die Hande vors Gesicht, lie? sie dann aber plotzlich sinken.
»Arnau«, rief sie und lief zur Tur, blieb jedoch auf halbem Wege stehen, als sie die Worte ihres Mannes horte: »Lass ihn, Frau. Von heute an wird er kein Kind mehr sein.«
Mariona nickte langsam. Pere nahm sie in die Arme.
»Lass mich zumindest dem Priester Bescheid geben«, bat Mariona.
»Das habe ich bereits getan. Er wird dort sein.«
Die Hinrichtungen waren auf ausdrucklichen Befehl des Konigs sofort vollstreckt worden. Es war nicht einmal Zeit gewesen, ein Gerust zu errichten. Die Verurteilten waren auf einfachen Karren hingerichtet worden.
Als Arnau die Plaza del Blat erreichte, blieb er abrupt stehen. Er keuchte. Der Platz war voller Menschen. Sie standen mit dem Rucken zu ihm und betrachteten schweigend zehn leblose Korper, die uber den Kopfen der Leute vor dem Palast baumelten.
»Nein! Vater!«
Der Schrei hallte uber den ganzen Platz. Die Leute drehten sich zu ihm um. Arnau ging langsam durch die Menge, die ihm Platz machte. Er sah sich die zehn Manner genau an …
Arnau ubergab sich, als er den Leichnam seines Vaters entdeckte. Die Leute ringsum traten einen Schritt zuruck. Der Junge betrachtete noch einmal das aufgedunsene, blaulich-schwarz verfarbte Gesicht. Bernats Kopf war zur Seite gefallen, die Gesichtszuge verzerrt, die weit aufgerissenen Augen waren aus den Hohlen getreten, und die Zunge hing schlaff zwischen den Lippen. Als Arnau ihn zum zweiten und dritten Mal ansah, spuckte er nur noch Galle.
Arnau bemerkte, wie sich ein Arm um seine Schultern legte.
»Lass uns gehen, mein Sohn«, sagte Pater Albert zu ihm.
Der Priester versuchte ihn in Richtung Santa Maria zu ziehen, doch Arnau ruhrte sich nicht von der Stelle. Er betrachtete erneut seinen Vater, dann schloss er die Augen. Er wurde nie wieder Hunger leiden. Der Junge krummte sich unter Krampfen zusammen. Pater Albert versuchte noch einmal, ihn von dem makabren Schauspiel wegzuziehen.
»Lasst mich, Pater. Bitte.«
Unter den Blicken des Priesters und der ubrigen Anwesenden legte Arnau schwankend die wenigen Schritte zuruck, die ihn von dem improvisierten Blutgerust trennten. Er presste die Hande auf den Magen und zitterte am ganzen Korper. Als er vor seinem Vater stand, blickte er zu einem der Soldaten, die bei den Gehenkten Wache hielten.
»Kann ich ihn abnehmen?«, fragte er ihn.
Der Soldat zogerte angesichts des Blicks dieses Jungen, der dort vor dem Leichnam seines Vaters stand und zu diesem hinaufdeutete. Was hatten seine Sohne getan, wenn man ihn gehangt hatte?
»Nein«, sagte er schlie?lich. Er wunschte sich, nicht dort zu sein. Lieber hatte er gegen eine ganze Maurenarmee gekampft. Was war das fur ein Tod? Dieser Mann hatte es nur fur seine Kinder getan, fur diesen Jungen, der ihn nun fragend ansah, wie alle Anwesenden auf dem Platz. Warum war der Stadtrichter nicht hier?
