Fast zwei Jahre waren vergangen, seit der Stadtrichter von Barcelona das Urteil uber Jaime III. Konig von Mallorca, gesprochen hatte. Die Glocken der ganzen Stadt lauteten ohne Unterlass. In der Kirche Santa Maria, deren Mauern noch offen waren, horte Arnau ihr Lauten mit Beklemmung. Der Konig hatte zum Krieg gegen Mallorca aufgerufen und die Stadt hatte sich mit Adligen und Soldaten gefullt. Von seinem Platz vor der Sakramentskapelle sah Arnau sie in der Menschenmenge stehen, die sich in der Kirche und auf dem Vorplatz drangte. In samtlichen Kirchen Barcelonas wurde die Messe fur das katalanische Heer gelesen.
Arnau war mude. Der Konig hatte seine Flotte in Barcelona zusammengezogen und die
Bestimmt war es eine dieser nun bewaffneten Galeeren gewesen, auf der Joan vor mehr als einem Jahr im schwarzen Habit der Dominikaner nach Bologna aufgebrochen war. Arnau hatte ihn bis zum Ufer begleitet. Joan war in ein Boot gesprungen, hatte sich mit dem Rucken zum Meer auf die Ruderbank gesetzt und ihm zugelachelt. Arnau sah ihn an Bord der Galeere gehen, und als die Ruderer sich in die Riemen legten, merkte er, wie ihm das Herz schwer wurde und Tranen uber seine Wangen rollten. Er war allein.
Und daran hatte sich nichts geandert. Arnau blickte sich um. Noch immer lauteten samtliche Kirchenglocken der Stadt. Adel, Klerus, Soldaten, Handler, Handwerker und das einfache Volk drangten sich in der Kirche Santa Maria. Seine Zunftbruder standen fest an seiner Seite, und doch fuhlte er sich alleine. Seine Traume, sein ganzes Leben waren vergangen wie die alte romanische Kirche, die dem neuen Gotteshaus Platz gemacht hatte. Sie war verschwunden. Nichts deutete mehr auf den kleinen Bau hin. Von dort, wo er stand, konnte er das gewaltige, breite Mittelschiff sehen, eingerahmt von den Oktogonalpfeilern, auf denen spater die Gewolbe ruhen wurden. Jenseits der Pfeiler wuchsen die Au?enmauern der Kirche Stein fur Stein geduldig in den Himmel.
Arnau blickte nach oben. Der Schlussstein des ersten Mittelschiffgewolbes war bereits an seinem Platz, nun wurde an den Gewolben der Seitenschiffe gearbeitet. Als Motiv fur diesen zweiten Schlussstein hatte man die Geburt Christi gewahlt. Der Chor war bereits vollstandig eingewolbt. Das nachste Joch, das erste des riesigen, langgestreckten Mittelschiffs, das noch nicht geschlossen war, erinnerte an ein Spinnennetz: Die vier Gewolberippen zeichneten sich vor dem Himmel ab, und mittendrin sa? der Schlussstein wie eine Spinne, die auf Beute zu lauern schien. Arnau betrachtete lange diese feinen Bogen. Er wusste, wie es sich anfuhlte, in einem Spinnennetz zu zappeln! Aledis setzte ihm immer heftiger zu. »Ich werde es deinen Zunftmeistern erzahlen«, drohte sie ihm, wenn Arnau zweifelte, und er sundigte immer und immer wieder. Arnau sah zu den ubrigen
Sogar Santa Maria schien sich von ihm abgewandt zu haben. Nun, da der Bau bereits teilweise eingewolbt war und die Strebepfeiler der Seitenschiffe des zweiten Jochs standen, hatten der Adel und die reichen Handler der Stadt in den Seitenkapellen damit begonnen, sich durch Wappen, Bilder, Sarkophage und in Stein gemei?elte Reliefs zu verewigen.
Wenn Arnau Zuflucht bei der Jungfrau suchte, lief immer irgendein reicher Handler oder Adliger zwischen den Bauarbeiten herum. Es war, als hatte man ihm seine Kirche geraubt. Sie waren plotzlich da gewesen und beanspruchten voller Stolz von den vierunddrei?ig im Chorumgang geplanten Kapellen die elf bereits fertiggestellten fur sich. Da waren bereits die Wappenvogel der Busquets in der Sakramentskapelle, die Hand und der Lowe der Junquets in der Kapelle San Jaime, die drei Birnen des Boronat de Pera auf dem Schlussstein der spitzbogigen Pauluskapelle, das Hufeisen und die Bander von Pau Ferran im Marmorboden derselben Kapelle, die Wappen der Duforts und der Dusays und der Brunnen der Fonts in der Kapelle Santa Margarita. Selbst in seiner Kapelle, der Kapelle der
Arnau schlich mit gesenktem Kopf an Adligen und Handlern vorbei. Er kniete vor der Jungfrau nieder, um sie darum zu bitten, ihn von dieser Spinne zu befreien, die ihn verfolgte.
Als die Messfeierlichkeiten zu Ende waren, stromte ganz Barcelona zum Hafen. Dort wartete Pedro III. zum Kampf gerustet und von seinen Baronen umgeben. Wahrend Infant Don Jaime, Graf von Urgell, in Katalonien blieb, um die Provinzen Ampurdan, Besalu und Camprodon zu verteidigen, die an die Besitzungen des mallorquinischen Konigs auf dem Festland grenzten, brachen die Ubrigen mit dem Konig zur Eroberung der Insel auf. Der Infant Don Pedro, Seneschall von Katalonien, Pere de Monteada, Admiral der Flotte, Pedro de Eixerica und Blasco de Alago, Gonzalo Diez de Arenos und Felipe de Castre, Pater Joan de Arborea, Alfonso de Lloria, Galvany de Anglesola, Arcadic de Mur, Arnau d'Erill, Pater Gonzalvo Garcia, Joan Ximenez de Urrea und viele andere Adlige und Ritter waren mit ihren Truppen und jeweiligen Vasallen erschienen, um in den Krieg zu ziehen.
Maria, die sich vor der Kirche mit Arnau getroffen hatte, deutete aufgeregt zu den Mannern. Er sah in die Richtung, in die sie wies.
»Der Konig! Der Konig, Arnau! Sieh doch nur! Diese Haltung! Und sein Schwert! Ein herrliches Schwert ist das! Und dieser Adlige da. Wer ist das, Arnau? Kennst du ihn? Und die Schilde, die Rustungen, die Banner …«
Maria zog Arnau den ganzen Strand entlang, bis sie vor dem Kloster Framenors standen. Abseits von den Adligen und Soldaten bestieg dort bereits eine vielkopfige Truppe schmutziger, abgerissener Manner die Boote, die sie zu den Schiffen bringen sollten. Sie besa?en weder Schilde noch Rustungen, noch Schwerter, sondern trugen lediglich lange, zerschlissene Hemden, Gamaschen und Ledermutzen.
Diese Manner waren nur mit Macheten und Lanzen bewaffnet!
»Ist das die Kompanie?«, fragte Maria ihren Mann.
»Ja. Die Almogavaren.«
Die beiden fielen in das respektvolle Schweigen ein, mit dem die Burger Barcelonas die von Konig Pedro angeheuerten Soldner betrachteten. Die Eroberer von Byzanz! Selbst die Frauen und Kinder, die von den Schwertern und Rustungen der Adligen ebenso beeindruckt waren wie Maria, warfen ihnen stolze Blicke zu. Diese Manner kampften zu Fu? und mit entblo?ter Brust, einzig und allein auf ihr Geschick und ihr Konnen vertrauend. Wer wollte da uber ihr Au?eres lachen, ihre Hemden oder ihre Waffen?
Die Sizilianer, so hatte ihr Arnau erzahlt, hatten sich auf dem Schlachtfeld uber sie lustig gemacht. Was sollten diese abgerissenen Gestalten gegen adlige Herren zu Pferde ausrichten? Doch die Almogavaren schlugen sie vernichtend und eroberten die Insel. Auch die Franzosen hatten uber sie gespottet; die Geschichte wurde in ganz Katalonien erzahlt, und jeder wollte sie horen. Auch Arnau hatte sie schon einige Male vernommen.
