danach Marias Fursorge uber sich ergehen lassen musste. Eines Tages wurden sie ihn ertappen. Vor Kurzem hatte jemand vom Weg aus gerufen, als Aledis uber ihm stohnte. Hatte man sie gehort? Die beiden hatten eine Weile mucksmauschenstill verharrt. Dann hatte Aledis gelacht und sich wieder auf ihn gesturzt. Wenn man ihn erwischte … Der Spott, der Ausschluss aus der Zunft. Was sollte er dann tun? Wovon sollte er leben?
Als am 29. Juni 1343 ganz Barcelona zusammenstromte, um die konigliche Flotte zu empfangen, die sich an der Mundung des Flusses Llobregat gesammelt hatte, stand Arnaus Entschluss fest. Der Konig wurde das Roussillon und Sardinien erobern, und er, Arnau Estanyol, wurde ein Teil seines Heeres sein. Er musste vor Aledis fliehen! Vielleicht wurde sie ihn auf diese Weise vergessen, und wenn er zuruckkehrte …
Auf Anweisung Pedros III. liefen die Schiffe einzeln und in hierarchischer Reihenfolge in den Hafen von Barcelona ein: zuerst die konigliche Galeere, gefolgt von jener des Infanten Don Pedro, dann diejenige von Pater Pere de Montacada, die des Herrn de Eixerica und so weiter.
Wahrend die Flotte drau?en wartete, lief die konigliche Galeere langsam in den Hafen ein, damit alle, die sich am Strand von Barcelona eingefunden hatten, sie bewundern und ihr zujubeln konnten.
Arnau horte die begeisterten Rufe des Volkes, als das Schiff an ihnen voruberkam.
Was war los? Arnau sah die ubrigen
»Er darf nicht an Land gehen«, horte er Francesc Grony zu Bernat Santcliment sagen. »Das Heer muss unverzuglich nach Roussillon aufbrechen, bevor Konig Jaime sein Heer neu formiert oder mit den Franzosen paktiert.«
Alle Anwesenden pflichteten ihm bei. Arnau blickte zu der koniglichen Galeere hinuber, die ihren Triumphzug in den Gewassern der Stadt fortsetzte. Wenn der Konig nicht an Land ging und die Flotte nach Roussillon weiterfuhr, ohne in Barcelona zu bleiben … Er hatte weiche Knie. Der Konig musste einfach an Land gehen!
Auch der Graf von Terranova, der Ratgeber des Konigs, der zum Schutz der Stadt in Barcelona geblieben war, unterstutzte die Idee, auf der Stelle wieder auszulaufen. Arnau sah ihn wutend an.
Die drei Ratsherren, der Graf von Terranova und einige weitere einflussreiche Manner bestiegen ein Boot, das sie zur koniglichen Galeere brachte. Arnau horte, dass auch seine Zunftbruder die Idee begru?ten: »Er darf nicht zulassen, dass sich der Mallorquiner wieder bewaffnet«, pflichteten sie bei.
Die Gesprache zogen sich uber Stunden. Die Leute standen am Strand und harrten der Entscheidung des Konigs.
Schlie?lich wurde die Brucke nicht errichtet, aber nicht, weil die Flotte zur Eroberung des Roussillons oder Sardiniens aufbrach. Der Konig entschied, dass er den Feldzug unter den gegebenen Umstanden nicht fortsetzen konnte. Ihm fehlte das Geld, um den Krieg weiterzufuhren, ein Gro?teil seiner Reiter hatte bei der Uberfahrt die Pferde verloren und war von Bord gegangen, und schlie?lich musste er sich fur die Eroberung dieser neuen Gebiete rusten. Trotz der Bitten der Stadtvater, ihnen einige Tage Zeit zu geben, um die Feiern anlasslich der Eroberung Mallorcas vorzubereiten, weigerte sich der Konig und erklarte, dass es keine Feierlichkeit geben wurde, bis seine Reiche wieder vollstandig vereint seien. Deshalb ging Konig Pedro III. an jenem 29. Juni 1343 wie ein gewohnlicher Matrose von Bord, indem er vom Boot ins Wasser sprang.
Aber wie sollte Arnau Maria beibringen, dass er daran dachte, sich dem Heer anzuschlie?en? Wegen Aledis machte er sich keine Sorgen. Was hatte sie davon, wenn sie ihren Ehebruch offentlich machte? Warum sollte sie ihm und sich selbst schaden, wenn er in den Krieg zog? Arnau erinnerte sich an Joan und seine Mutter. Das war das Schicksal, das sie erwarten konnte, wenn der Ehebruch bekannt wurde, und Aledis wusste das. Aber Maria … Wie sollte er es Maria beibringen?
Arnau versuchte es. Er versuchte es, als sie ihm den Rucken massierte, doch er hatte Angst vor ihren Tranen. Er versuchte es, als sie ihm das Essen hinstellte, doch ihre sanften Augen hielten ihn davon ab. »Hast du etwas?«, fragte sie ihn. Er schuttelte den Kopf. Er versuchte es sogar, nachdem sie sich geliebt hatten, doch Maria streichelte ihn, und er brachte es nicht fertig.
Unterdessen herrschte in Barcelona helle Aufregung. Das Volk wollte, dass der Konig auszog, um Sardinien und das Roussillon zu erobern, doch der Konig brach nicht auf. Die Ritter forderten von ihm den Sold fur ihre Soldaten und Entschadigungen fur die erlittenen Verluste an Pferden und Rustungen, doch die koniglichen Schatullen waren leer, und der Konig musste viele seiner Ritter auf ihre Landereien ziehen lassen.
Daraufhin berief der Konig das Burgerheer von ganz Katalonien ein. Die Burger sollten fur ihn kampfen. Uberall im Prinzipat lauteten die Glocken, und auf Befehl des Konigs wurden die freien Manner von den Kanzeln herab dazu aufgerufen, sich zu melden. Die Adligen lie?en das katalanische Heer im Stich! Pater Albert ereiferte sich, er schrie beinahe und untermalte seine Worte unablassig mit Gesten. Wie sollte der Konig Katalonien so verteidigen? Und wenn nun der Konig von Mallorca erfuhr, dass die Adligen Konig Pedro im Stich lie?en, sich mit den Franzosen verbundete und Katalonien angriff? Das war schon einmal passiert! Pater Alberts Stimme hallte durch die Kirche. Wer erinnerte sich nicht an den Feldzug der Franzosen gegen die Katalanen oder hatte davon gehort? Damals hatte man den Angreifer in die Flucht schlagen konnen. Doch wurde es ihnen auch diesmal gelingen, wenn sie zulie?en, dass Jaime sich erneut rustete?
Arnau betrachtete das steinerne Marienbildnis mit dem Kind auf der Schulter. Wenn sie wenigstens ein Kind bekommen hatten. Mit einem Kind ware das alles nicht passiert. So grausam ware Aledis nicht gewesen. Wenn sie ein Kind bekommen hatten …
»Ich habe der Jungfrau gerade ein Versprechen gegeben«, flusterte Arnau Maria plotzlich zu, wahrend der Priester weiterhin vom Hauptaltar aus Soldaten anwarb. »Ich werde mich dem koniglichen Heer anschlie?en, damit sie uns mit einem Kind segnet.«
Maria sah die Jungfrau an, dann ihn. Dann ergriff sie seine Hand und druckte sie ganz fest.
»Das kannst du nicht machen!«, schrie Aledis, als Arnau ihr seine Entscheidung mitteilte. Arnau machte eine beschwichtigende Handbewegung, damit sie leiser sprach, doch sie brullte weiter. »Du kannst mich nicht verlassen! Ich werde es allen erzahlen …«
»Was macht das schon, Aledis?«, fiel er ihr ins Wort. »Ich werde in der Armee sein. Du wirst nur dein Leben ruinieren.«
Im Gebusch versteckt, sahen sich die beiden an. Aledis' Unterlippe begann zu zittern. Wie schon sie war!
