und gefahrlich.«

Diesmal hatte ihre Reisegefahrtin nichts hinzuzufugen. Doch nach einer weiteren Pause wandte sie sich noch einmal an Aledis.

»Wenn du alleine bist, dann achte darauf, dich nicht blicken zu lassen. Versteck dich beim kleinsten Gerausch und vermeide jegliche Gesellschaft.«

»Auch wenn es Ritter sind?«, fragte Aledis.

»Dann ganz besonders«, entfuhr es der einen.

»Wenn du das Getrappel von Pferdehufen horst, versteck dich und bete!«, rief die andere.

»Hor zu, Madchen«, riet ihr die eine, und die andere nickte zustimmend, »ich an deiner Stelle wurde in die Stadt zuruckkehren und dort auf meinen Mann warten. Die Wege sind sehr gefahrlich, besonders wenn die Soldaten und Ritter mit dem Konig auf Feldzug sind. Dann gibt es kein Gesetz, niemand sieht nach dem Rechten, und niemand furchtet die Strafe eines Konigs, der mit anderen Dingen beschaftigt ist.«

Aledis ging nachdenklich neben den beiden alten Frauen her. Sich vor den Rittern verstecken? Weshalb sollte sie das tun? Alle Edelleute, die in die Werkstatt ihres Mannes gekommen waren, hatten sich ihr gegenuber hoflich und respektvoll verhalten. Noch nie hatte sie von den zahlreichen Handlern, die ihren Mann mit Material belieferten, von Uberfallen und Gewalttaten auf den Stra?en des Prinzipats gehort. Hingegen erinnerte sie sich an die Schauergeschichten von gefahrlichen Seeuberfahrten, Reisen durchs Maurenland oder die entlegensten Gegenden des Sultans von Agypten, die sie gerne zum Besten gaben. Ihr Mann hatte ihr erzahlt, dass die Wege in Katalonien seit uber zweihundert Jahren den Gesetzen und dem Schutz des Konigs unterstanden und eine Person, die es wagte, ein Verbrechen auf einer Stra?e des Konigs zu begehen, wesentlich harter bestraft werde, als hatte er dasselbe Verbrechen an einem anderen Ort begangen. »Fur den Handel sind friedliche Stra?en unverzichtbar!«, hatte er hinzugesetzt. »Wie sollten wir unsere Waren in ganz Katalonien verkaufen, wenn der Konig nicht fur Ruhe sorgt?«

Aledis betrachtete die beiden alten Frauen, die schweigend weitergingen, mit ihren Korben beladen und die nackten Fu?e nachziehend. Wer sollte es wagen, ein Verbrechen gegen seine Majestat zu begehen? Welcher Christ wurde es riskieren, exkommuniziert zu werden, weil er einen Uberfall auf katalanischen Wegen verubte? Das waren ihre Gedanken, als die Bauern nach San Andres abbogen.

»Leb wohl, Madchen«, verabschiedeten sich die beiden Alten. »Und hore auf unsere Worte«, gab ihr eine von ihnen mit auf den Weg. »Wenn du dich entschlie?t weiterzugehen, dann sei vorsichtig. Halte dich von Dorfern und Stadten fern. Man konnte dich sehen und dir folgen. Mache nur an Gehoften halt, und nur an solchen, wo du Frauen und Kinder siehst.«

Aledis blickte der Gruppe hinterher. Die beiden alten Frauen bemuhten sich, den Anschluss an die ubrigen Bauern nicht zu verlieren. Als sich die Stimmen ihrer Reisegefahrten in der Ferne verloren, fuhlte sich Aledis allein. Sie hatte noch einen weiten Weg vor sich. Sie blickte in die Ferne, eine Hand schutzend vor die Sonne haltend, die bereits hoch am Himmel stand, einem azurblauen Himmel ohne eine einzige Wolke, der sich am Horizont mit der weiten, uppigen Landschaft Kataloniens vereinte.

Vielleicht waren es nicht nur das Gefuhl von Einsamkeit, von dem das Madchen ergriffen wurde, nachdem die Bauern verschwunden waren, und das Unbehagen, allein in einer unbekannten Gegend zu sein. Tatsachlich hatte Aledis noch nie den Himmel und die Erde gesehen, ohne dass sich dem Betrachter etwas in den Weg gestellt hatte. Sich um die eigene Achse drehen und stets bis zum Horizont blicken zu konnen! Aledis lie? den Blick schweifen, bis zu der Stelle, hinter der, wie man ihr gesagt hatte, Figueras lag. Sie spurte den Geruchen der Stadt nach, dem Geruch nach Leder, dem Geschrei der Menschen, dem Larmen einer lebendigen Stadt. Doch da war nichts. Sie war allein. Plotzlich fielen ihr die Worte der beiden alten Frauen wieder ein. Sie versuchte, Barcelona in der Ferne auszumachen. Funf oder sechs Tagesreisen! Wo sollte sie nur schlafen? Was sollte sie essen? Sie wog prufend ihr Bundel. Und wenn es stimmte, was die alten Frauen sagten? Was sollte sie tun? Was konnte sie gegen einen Ritter oder gegen einen Verbrecher ausrichten? Die Sonne stand hoch am Himmel. Aledis blickte wieder in die Richtung, wo sich Figueras befand … und Arnau.

Sie war doppelt wachsam. Sie hielt Augen und Ohren offen, achtete auf jedes Gerausch, das in der Einsamkeit des Weges zu horen war. Gegen Mittag, in der Nahe von Monteada, dessen Burg, auf der gleichnamigen Anhohe errichtet, uber die Ebene von Barcelona wachte, fullte sich der Weg wieder mit Bauern und Handlern. Aledis schloss sich ihnen an, als gehorte sie zu einer der Gruppen, die in die Stadt stromten, doch als sie die Stadttore erreichte, erinnerte sie sich an die Ratschlage der alten Frauen und ging querfeldein um die Stadt herum, bis sie wieder auf den Weg traf.

Erleichtert stellte Aledis fest, dass sich mit jedem Schritt ihre Angste zerstreuten, die sie gepackt hatten, nachdem sie alleine auf dem Weg zuruckgeblieben war. Nordlich von Monteada traf sie erneut Bauern und Handler, die meisten zu Fu?, einige auf Karren, Maultieren oder Eseln. Alle gru?ten sie freundlich, und Aledis begann diese offene Art des Umgangs zu genie?en. Wie schon zuvor schloss sie sich einer Gruppe an, diesmal von Handlern, die auf dem Weg nach Ripollet waren. Sie halfen ihr, einen Seitenarm des Rio Besos zu durchwaten, doch kaum auf der anderen Seite angekommen, bogen sie nach links ab, in Richtung Ripollet. Wieder alleine, traf Aledis nach kurzer Zeit auf den richtigen Rio Besos. Zu dieser Jahreszeit fuhrte er noch genug Wasser, um eine Durchquerung zu Fu? unmoglich zu machen.

Aledis betrachtete den Fluss und sah dann den Fahrmann, der trage am Ufer auf Kundschaft wartete. Der Mann lachelte mit aufgesetzter Freundlichkeit und entblo?te dabei seine schwarzen Zahne. Wenn Aledis ihre Reise fortsetzen wollte, blieb ihr nichts anderes ubrig, als die Dienste dieses Fahrmanns mit den schwarzen Zahnen in Anspruch zu nehmen. Sie versuchte, ihren Ausschnitt zu verdecken, indem sie an den uber Kreuz geschnurten Bandern zog, was ihr jedoch nicht gelang, weil sie ihr Bundel festhalten musste. Sie ging langsamer. Man hatte ihr immer gesagt, wie anmutig sie sich bewegte, und sie hatte es immer genossen, angesehen zu werden. Doch die Blicke dieses vor Schmutz starrenden Fahrmanns waren ihr unertraglich. »Gutiger Gott, was fur ein furchtbarer Kerl!«, dachte Aledis.

»Ich mochte den Fluss uberqueren«, sagte sie zu ihm.

Der Fahrmann hob den Blick von ihren Brusten und sah ihr in die gro?en, braunen Augen.

»So«, lautete seine knappe Antwort. Dann starrte er wieder unverhohlen auf ihre Bruste.

»Hast du gehort?«

»So«, wiederholte er, ohne auch nur aufzusehen.

Das Rauschen des Flusses lag uber der stillen Landschaft. Aledis glaubte formlich, die Blicke des Fahrmanns auf ihren Brusten zu spuren. Ihr Atem ging schneller, und ihre Bruste hoben und senkten sich noch mehr, wahrend seine blutunterlaufenen Augen jeden Winkel ihres Korpers begafften.

Aledis war allein irgendwo im katalanischen Hinterland, am Ufer eines Flusses, von dem sie noch nie gehort

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