hatte und den sie bereits mit den Handlern aus Ripollet uberquert zu haben glaubte, und vor ihr stand ein absto?ender, kraftiger Mann, der sie lustern ansah. Aledis blickte sich um. Es war keine Menschenseele zu sehen. Einige Meter zu ihrer Linken, ein wenig vom Ufer entfernt, stand eine aus groben Brettern zusammengezimmerte Hutte, die genauso heruntergekommen und schmutzig war wie ihr Besitzer. Vor der Huttentur, zwischen Unrat und Abfallen, hing uber einem Feuer ein Topf an einem eisernen Dreifu?. Aledis wollte sich nicht einmal vorstellen, was in diesem Topf schmurgelte.

»Ich muss das Heer des Konigs einholen«, stotterte sie.

»So«, entgegnete der Fahrmann erneut.

»Mein Mann ist Offizier des Konigs«, log sie, wahrend sie die Stimme erhob, »und ich muss ihm unbedingt mitteilen, dass ich schwanger bin, bevor er in die Schlacht zieht.«

»So«, antwortete er und entblo?te erneut seine schwarzen Zahne.

Ein dunner Speichelfaden rann ihm aus dem Mundwinkel. Der Fahrmann wischte ihn mit dem Hemdsarmel weg.

»Kannst du nicht mal etwas anderes sagen?«

»Doch«, erwiderte der Mann und kniff die Augen zusammen. »Die Offiziere des Konigs sterben fur gewohnlich bald in der Schlacht.«

Aledis sah es nicht kommen. Der Fahrmann griff nach dem Madchen, und bei dem Versuch, sich zu befreien, strauchelte Aledis, bevor sie vor die schmutzigen Fu?e des Angreifers fiel.

Der Mann buckte sich, packte sie an den Haaren und begann sie zu der Hutte zu schleifen. Aledis grub ihre Fingernagel tief in die Hand des Mannes, doch der zerrte sie unbeirrt weiter. Sie versuchte, sich aufzurichten, stolperte ein paar Mal und fiel hin, rappelte sich aber wieder auf und umklammerte auf allen vieren die Beine ihres Peinigers, um ihn aufzuhalten. Der Fahrmann riss sich los und trat ihr mit dem Fu? in den Magen.

Als sie in der Hutte wieder zu sich kam, spurte Aledis, wie unter den Sto?en des Fahrmanns Erde und Lehm ihren Korper aufscheuerten.

Solange Konig Pedro auf das Eintreffen der einzelnen Burgerheere und Truppen des Prinzipats sowie die notigen Lebensmittel wartete, richtete er sein Hauptquartier in einer Herberge in Figueras ein, einer Stadt mit Sitz in den Cortes und unweit der Grenze zur Grafschaft Roussillon gelegen. Infant Don Pedro und seine Ritter schlugen ihr Lager in Perelada auf, und Infant Don Jaime sowie die ubrigen Adligen verteilten sich mit ihren Truppen im Umland von Figueras.

Arnau Estanyol gehorte den koniglichen Truppen an. Mit seinen zweiundzwanzig Jahren war das alles neu fur ihn. Das konigliche Feldlager, in dem mehr als zweitausend Manner zusammenlebten, befand sich noch im Freudentaumel wegen des Sieges auf Mallorca und war begierig auf Krieg, Kampf und Beute. Hier herrschte das genaue Gegenteil des geordneten Lebens, das er aus Barcelona kannte. Wenn die Truppe nicht exerzierte oder Waffenubungen machte, drehte sich das Lagerleben um Wetten, gesellige Runden, bei denen die stolzen Veteranen den Neulingen furchtbare Kriegsgeschichten erzahlten, und naturlich um Diebstahl und Schlagereien.

Arnau streifte haufig mit drei jungen Burschen aus Barcelona durchs Lager, die ebenso unerfahren in der Kriegskunst waren wie er selbst. Sie bestaunten die Pferde und die Rustungen, die vor den Zelten unaufhorlich von den Dienern poliert wurden. Es war eine Art Wettstreit, bei dem die Waffen und Ausrustungen gewannen, die am meisten glanzten. Doch ebenso sehr, wie ihn die Pferde und Waffen zum Staunen brachten, litt er unter dem Schmutz, dem Gestank und den Myriaden von Insekten, die durch die Exkremente von Mensch und Tier angezogen wurden. Die koniglichen Offiziere lie?en Latrinen in Form von langen, tiefen Graben anlegen, die moglichst weit vom Feldlager entfernt waren und ganz in der Nahe eines Bachlaufs lagen, in den sie die Ausscheidungen der Soldaten leiten wollten. Doch der Bach war nahezu ausgetrocknet, und die stinkende Bruhe faulte und verstromte einen widerlichen, unertraglichen Gestank.

Eines Morgens, als Arnau und seine drei neuen Gefahrten zwischen den Zelten umherliefen, sahen sie einen Reiter herannahen, der von seinen Waffenubungen zuruckkam. Das Pferd, das in den Stall zuruckwollte, um sein wohlverdientes Futter zu bekommen und die schwere Panzerung loszuwerden, die Brust und Flanken bedeckte, tanzelte unruhig mit den Hufen, wahrend der Reiter versuchte, zu seinem Zelt zu gelangen, ohne Schaden anzurichten. In den engen Gassen zwischen den Zelten wich er den Soldaten aus und machte einen Bogen um die Dinge, die sich dort stapelten. Doch als das kraftige, lebhafte Tier nicht gegen die grausame Kandare in seinem Maul ankam, vollfuhrte es in seinem Vorwartsdrang einen spektakularen Tanz, wahrend von seinen Flanken wei?er Schaum auf die Vorbeigehenden stiebte.

Arnau und seine Begleiter versuchten dem Reiter so gut wie moglich auszuweichen, doch unglucklicherweise drehte sich das Tier genau in diesem Augenblick unvermutet auf der Kruppe herum und stie? Jaume, den Kleinsten der vier, zu Boden. Dem Jungen war nichts geschehen. Der Reiter blickte nicht einmal zuruck und ritt weiter zu einem nahen Zelt. Doch der kleine Jaume war ausgerechnet dorthin gefallen, wo einige alte Haudegen ihren Sold beim Wurfelspiel riskierten. Einer von ihnen hatte eben eine Summe verloren, die dem entsprach, was er vielleicht bei allen noch kommenden Feldzugen Konig Pedros verdienen konnte. Der Arger lie? nicht lange auf sich warten. Der glucklose Spieler erhob sich zu voller Gro?e, um die Wut auf seine Mitspieler an Jaume auszulassen. Er war ein vierschrotiger Mann mit langem, schmutzigem Haar und Bart. Nachdem er stundenlang nur verloren hatte, hatte sein grimmiger Gesichtsausdruck selbst den mutigsten Feind eingeschuchtert.

Der Soldat packte den Zudringling und hob ihn hoch, sodass er ihm in die Augen sehen konnte. Jaume hatte nicht einmal Zeit zu begreifen, wie ihm geschah. Er befand sich in den Fangen eines Wuterichs, der ihn anbrullte und schuttelte und ihm schlie?lich, ohne ihn loszulassen, einen solchen Schlag ins Gesicht verpasste, dass ihm ein dunner Blutfaden aus dem Mundwinkel rann.

Arnau sah, wie Jaume in der Luft strampelte.

»Lass ihn los, du Dreckskerl!« Er war selbst von seinen Worten uberrascht.

Die Leute rings um Arnau und den Haudegen gingen auf Abstand. Jaume, der, gleichfalls uberrascht, zu strampeln aufgehort hatte, fiel auf den Hosenboden, als der Mann ihn loslie?, um sich demjenigen zuzuwenden, der es gewagt hatte, ihn zu beleidigen. Plotzlich war Arnau von zahlreichen Schaulustigen umringt, die herbeigestromt kamen, um sich das Schauspiel anzusehen. Er und ein wutschnaubender Soldat. Wenn er ihn wenigstens nicht beleidigt hatte … Weshalb nur hatte er ihn einen Dreckskerl genannt?

»Es war nicht seine Schuld …«, stammelte Arnau und wies auf Jaume, der immer noch nicht begriff, was geschehen war.

Ohne ein Wort ging der Soldat wie ein wilder Stier auf Arnau los. Er stie? ihm mit dem Kopf vor die Brust und schleuderte ihn mehrere Meter weit, so weit, dass die Gaffer zuruckweichen mussten. Arnau durchfuhr ein Schmerz, als hatte man ihm den Brustkorb zerrissen. Der Gestank, an den einzuatmen er sich gewohnt hatte, schien plotzlich verschwunden zu sein. Er schnappte nach Luft. Er versuchte sich aufzurappeln, doch ein Fu?tritt ins Gesicht streckte ihn erneut zu Boden. Ein heftiger Schmerz wutete in seinem Kopf, wahrend er versuchte, einen

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