Arnau war versucht, die Wange der Frau zu streicheln, uber die nun Tranen rannen, doch er beherrschte sich.

»Leb wohl, Aledis.«

»Du kannst mich nicht verlassen«, weinte sie.

Arnau drehte sich zu ihr um. Sie war auf die Knie gesunken und hatte das Gesicht in den Handen vergraben. Als er nichts sagte, blickte sie zu Arnau auf.

»Warum tust du mir das an?«, schluchzte sie.

Arnau sah die Tranen, die uber Aledis' Gesicht stromten. Sie zitterte am ganzen Korper. Arnau biss sich auf die Unterlippe und blickte den Berg hinauf, wo er immer Steine holte. Warum ihr noch weiter wehtun? Er breitete hilflos die Arme aus.

»Ich muss es tun.«

Sie rutschte auf Knien zu ihm und wollte seine Beine umklammern.

»Ich muss es tun, Aledis!«, wiederholte Arnau, wahrend er zuruckwich.

Dann rannte er den Montjuic hinab.

27

Sie waren Huren. Ihre grellbunten Kleider verrieten es. Aledis zogerte, zu ihnen zu gehen, doch der Duft des Gemuseeintopfs mit Fleisch zog sie magisch an. Sie hatte Hunger. Sie war abgemagert. Die Madchen, die nicht alter als sie selbst waren, sa?en frohlich schwatzend am Feuer. Als sie Aledis einige Schritte neben den Zelten des Feldlagers stehen sahen, luden sie die Fremde ein, naher zu treten. Aledis sah an sich herunter: Sie war zerlumpt, stinkend, schmutzig. Die Huren forderten sie erneut auf, zu ihnen zu treten. Ihr Blick blieb an den Seidenkleidern hangen, die in der Sonne glanzten. Niemand sonst hatte ihr etwas zu essen angeboten. Sie hatte es bei allen Zelten, Unterstanden und Lagerfeuern versucht, an denen sie entlanggekommen war, doch niemand hatte sich ihrer erbarmt. Man hatte sie wie eine gewohnliche Bettlerin behandelt. Sie hatte um eine milde Gabe gebeten, ein Stuck Brot, ein bisschen Fleisch, Gemuse. Sie hatten ihr in die ausgestreckte Hand gespuckt. Dann hatten sie gelacht. Diese Frauen mochten zwar Huren sein, aber sie hatten sie eingeladen, ihren Eintopf mit ihnen zu teilen.

Der Konig hatte befohlen, dass sich seine Streitmacht in der Stadt Figueras im Norden des Prinzipats sammeln sollte. Dorthin zogen sowohl die Adligen, die den Herrscher nicht im Stich gelassen hatten, als auch die Burgerheere Kataloniens, darunter auch jenes aus Barcelona. Arnau Estanyol befand sich unter ihnen, befreit und voller Zuversicht, bewaffnet mit der Armbrust seines Vaters und einem einfachen Dolch.

Doch im Gefolge der tausendzweihundert Reiter und viertausend Fu?soldaten Konig Pedros fand sich noch ein weiteres Heer in Figueras ein: Angehorige von Soldaten – hauptsachlich der Almogavaren, die als Nomaden, die sie waren, Heim und Herd stets mit sich schleppten –, Handler aller Art, die darauf hofften, den Soldaten ihre Beute abkaufen zu konnen, Sklavenhandler, Pfaffen, Falschspieler, Diebe, Huren, Bettler und allerlei Notleidende, die kein anderes Ziel im Leben hatten, als das Aas zu fleddern. Sie alle formierten eine beeindruckende Nachhut, die sich im Schlepptau des Heeres nach ihren eigenen Gesetzen vorwartsbewegte. Gesetze, die oft sehr viel grausamer waren als die Gesetze des Krieges, von dem sie als Parasiten lebten.

Aledis war nur eine von vielen in dieser bunt zusammengewurfelten Truppe. Arnaus Abschied klang ihr immer noch in den Ohren. Sie dachte daran, wie die rauen, faltigen Hande ihres Mannes ihre intimsten Stellen betastet hatten, das Rocheln des alten Gerbers mischte sich in ihre Erinnerung. »Warum hast du mich verlassen, Arnau?«, hatte Aledis gedacht, als sie Pau auf sich spurte, der seine Hande zu Hilfe nahm, um in sie einzudringen. Sie hatte nachgegeben und ihn gewahren lassen, wahrend ein bitterer Geschmack ihren Mund fullte. Der Alte war auf ihr hin und her gerutscht wie ein Reptil. Sie hatte sich seitlich des Bettes ubergeben. Er hatte es nicht einmal bemerkt. Er war weiter mit schwachen Sto?en in sie eingedrungen, wobei er seine Hande zu Hilfe nehmen musste. Als er fertig war, hatte er sich auf seine Seite des Bettes gerollt und war eingeschlafen. Am nachsten Morgen hatte Aledis ein kleines Bundel mit ihren wenigen Habseligkeiten geschnurt, etwas Geld aus der Borse ihres Mannes und ein bisschen Essen, und war dann wie jeden Morgen aus dem Haus gegangen.

Am Kloster Sant Pere de les Puelles hatte sie Barcelona uber die alte Romerstra?e verlassen, die sie nach Figueras bringen wurde. Als sie das Stadttor durchquerte, hielt sie den Kopf gesenkt, wahrend sie den Drang unterdruckte, einfach loszulaufen, und wich den Blicken der Soldaten aus. Doch dann sah sie in den strahlend blauen Himmel und ging ihrer neuen Zukunft entgegen. Sie schenkte den Reisenden ein Lacheln, die ihr auf dem Weg aus der gro?en Stadt begegneten. Auch Arnau hatte seine Frau verlassen. Sie hatte sich erkundigt. Bestimmt war er wegen Maria fortgegangen! Er konnte diese Frau nicht lieben. Wenn sie miteinander schliefen, merkte sie es, spurte sie es! Sie spurte es! Er konnte ihr nichts vormachen: Er liebte sie, Aledis. Sie wurden fliehen! Ja, sie wurden zusammen fliehen … Fur immer.

Wahrend der ersten Stunden unterwegs hatte sich Aledis einer Gruppe von Bauern angeschlossen, die auf dem Heimweg waren, nachdem sie ihre Waren in der Stadt verkauft hatten. Sie erklarte ihnen, dass sie auf der Suche nach ihrem Mann sei, denn sie sei schwanger und habe sich gesagt, dass er davon wissen solle, bevor er in die Schlacht ziehe. Von ihnen erfuhr sie, dass Figueras funf oder sechs ordentliche Tagereisen entfernt war, wenn man der Stra?e nach Gerona folgte. Doch sie hatte auch Gelegenheit, sich die Ratschlage zweier alter, zahnloser Frauen anzuhoren, die unter der Last der leeren Korbe, die sie trugen, zusammenzubrechen schienen. Dennoch schritten sie unbeirrt vorwarts, barfu?, mit einer erstaunlichen Energie in ihren alten, dunnen Korpern.

»Es ist nicht gut, wenn eine Frau alleine auf diesen Stra?en unterwegs ist«, sagte eine von ihnen kopfschuttelnd.

»Nein, das ist nicht gut«, pflichtete die andere bei.

Es vergingen einige Sekunden, lang genug, damit die beiden wieder zu Atem kamen.

»Erst recht nicht, wenn sie jung und hubsch ist«, setzte die Zweite hinzu.

»Wie wahr, wie wahr«, nickte die Erste.

»Was soll mir schon geschehen?«, fragte Aledis unbedarft. »Der Weg ist voller anstandiger Leute wie euch.«

Sie musste wieder warten, wahrend die beiden alten Frauen erneut schwiegen und ihre Schritte beschleunigten, damit der Abstand zu der Gruppe von Bauern nicht noch gro?er wurde.

»Hier begegnen dir noch Leute. Es gibt viele Dorfer rund um Barcelona, die, wie wir, von der Stadt leben. Doch ein Stuck weiter«, setzte sie hinzu, ohne vom Boden aufzusehen, »wenn die Entfernungen zwischen den Dorfern immer gro?er werden und es keine Stadt gibt, in der man Zuflucht suchen kann, sind die Wege einsam

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