Rod nickte. „Und wir konnen hoffen, da? genau wie Johanns Barone die Hohen Lords auf eine Magna Charta libertatum bestehen werden.“
„Aber…“
„Aber was, Gekab?“ fragte Rod mit martyrergleicher Geduld.
„Es gibt das fremde Element: eine Gruppe von Ratgebern der Hohen Lords — eine Gruppe, die ausgesprochen kohasiv zu sein scheint.“
Rod runzelte die Stirn. „Stimmt.“
„Und was Sie mir von der Szene nach Catherines Verlassen der Ratskammer erzahlt haben…“
„Puh!“ Rod schauderte. „Es war, als hatte sie ihnen den Fehdehandschuh zugeworfen, und alle sturzten sich darauf, um in die Ehre zu kommen, ihn aufheben zu durfen. Das Madchen mag zwar ein wenig von den Grundbegriffen der Staatswissenschaft verstehen, aber absolut nichts von Diplomatie. Sie forderte sie heraus, ohne wirklich zu glauben, da? sie es wagen wurden, sich gegen sie zu stellen.“ „Ja, und die Ratgeber machten ihre Sache gro?artig. Jeder riet seinem Lord, nicht zu kampfen, da er zu schwach sei — um ihn dann diplomatisch darauf aufmerksam zu machen, wenn es schon sein mu?te, sollte er sich mit den anderen Lords verbunden. Fachmannisch angewandte Psychologie. Man konnte annehmen, die Ratgeber legten es darauf an, die zentrale Befehlsgewalt vollig zu eliminieren.“
„Ja…“ Rod runzelte die Stirn. „Das ist in einer solchen Gesellschaftsordnung nicht normal, nicht wahr, Gekab?“ „Allerdings nicht, Rod. Die Anarchietheorie ergibt sich gewohnlich erst, wenn die Kultur einen weit hoheren Stand der Technologie erreicht hat.“
Rod kaute an seiner Lippe. „Au?erplanetarer Einflu?, vielleicht?“
„Moglich. Und das fuhrt uns zu der totalitaren Volksbewegung: eine weitere Anomalie. Nein, Rod, das ist nicht das klassische Muster!“
„Nein, verdammt. Wir haben drei Gruppen, die auf die Macht aus sind: die Bauern, die Herzoge und ihre Ratgeber, und die Konigin und wer immer sie unterstutzt. Im Augenblick scheint diese Unterstutzung sich auf Brom O'Berin zu beschranken.“ „Totalitaristen, Anarchisten, und die Konigin in der Mitte“, brummte Gekab. „Auf wessen Seite sind Sie, Rod?“ „Auf Catherines, zum Teufel!“ Rod grinste. „Ich bin hier, um die Saat der Demokratie auszustreuen, und es sieht ganz so aus, als ware die einzige Chance, sie zum Keimen zu bringen, einer konstitutionellen Monarchie auf die Beine zu helfen.“ „Ich kann mich vielleicht tauschen“, murmelte Gekab. „Aber ich glaube, Sie sind hochst erfreut, da? Ihnen gar nichts anderes ubrig bleibt, als sie zu unterstutzen.“ Um sie herum dampfte nachtlicher Dunst die wenigen Lichter. Die Nebelwand befand sich lediglich etwa zehn Meter entfernt. Ein schriller Schrei zerri? die Luft, gefolgt von Schwerterklirren. „Hilfe! Zu Hilfe!“ brullte eine jugendliche Stimme.
Rod stie? die Fersen in Gekabs Metallflanken und legte die Hand um sein Rapier. Der Rappe galoppierte auf den Larm zu.
Unter dem rauchigen Fackelschein in einer Gassenmundung kampfte ein Mann mit dem Rucken zur Hauswand gegen drei Angreifer.
Rod brullte. Er lenkte das Pferd mitten hinein und hieb mit der flachen Degenklinge um sich. Gerade noch rechtzeitig ri? er den Dolch heraus, um ein Schwert abzuwehren, das von links auf ihn zukam. Sein Rapier schwang im Bogen um seinen Kopf und klirrte gegen den Stahl des Gegners. Und dann drangen Klingenspitzen von allen Seiten auf ihn ein. Rod wurde in die Defensive gedrangt und mu?te die Stahlwaffen wie Fliegen von sich schlagen. Aber das beabsichtigte Opfer stie? einen schrillen Schrei aus, der jedes Kettengespenst beschamt hatte, und griff von hinten an.
Plotzlich klirrten drei Klingen auf den Boden, und ihre Besitzer ergriffen das Hasenpanier. Einen Augenblick blieb Rod wie benommen sitzen, dann brullte er auf, und Gekab raste den Fliehenden nach.
Aber als er das dunkle Ende der Gasse erreichte, war nichts mehr von den Fliehenden zu sehen, obwohl es sich um eine Sackgasse handelte. Zweifellos waren sie hinter irgendwelchen Turen verschwunden. Ihr Opfer, das es nicht geworden war, kam herbeigerannt. „Keinen Sinn, sie zu suchen“, keuchte der Mann. „In funf Minuten sind sie schon genau so viele Meilen entfernt.“
Rod fluchte und schob sein Rapier in die Scheide zuruck. Er wandte sich dem Fremden zu. „Seid Ihr verletzt?“
„Nein“, murmelte der junge Mann. Rod blickte auf ein offenes Gesicht mit Stupsnase, blauen Augen und einem Grinsen hinab, das wie die Sonne durch den Nebel schien. Blondes Haar rahmte es in all seiner Unschuld ein. Es war ein sehr junges, unerfahren wirkendes Gesicht, — und sehr gutaussehend.
Fast ein wenig neidvoll schwang Rod sich aus dem Sattel. Die Stirn des jungen Mannes reichte bis etwa zu Rods Augen, aber was ihm an Gro?e fehlte, machte er durch Breite wett. Seine Schultern waren bestimmt um gute funfzehn Zentimeter breiter als Rods, und die Arme hatten zu einem Gorilla oder Baren gepa?t. Die Beine waren ungemein stammig und verliefen in schmalen Huften. Er trug ein Lederwams uber einem wei?en Hemd, einen breiten schwarzen Gurtel, und hochschaftige Stiefel aus weichem Leder.
Er runzelte die Stirn, als er das Blut an Rods Armel bemerkte.
„Ihr seid verletzt!“
„Ein Kratzer“, beruhigte ihn Rod. Er fummelte in Gekabs Satteltasche nach einer antiseptischen Binde und wickelte sie um den Unterarm. „Aber Ihr durft gern die Schneiderrechnung bezahlen, wenn Ihr wollt“.
Der Jungling nickte, und seine blauen Augen wirkten sehr ernst. „Das tue ich nur zu gern, denn sie hatten l mir das Herz aus der Brust geschnitten, wart Ihr nicht gerade noch rechtzeitig zu meiner Rettung gekommen, Tuan McReady steht zutiefst in Eurer Schuld.“
Ein anstandiger Junge, dachte Rod und streckte ihm die Hand entgegen. „Rod Gallowglass zu Euren Diensten, und von Schuld kann keine Rede sein. Ich freue mich immer, einem gegen drei beistehen zu konnen.“
„Aber ich stehe in Eurer Schuld“, erklarte der Junge und nahm Rods Hand wie in einen Schraubstock. „Ihr mu?t mir zumindest gestatten, Euch einen Krug Bier zu kaufen.“
Rod zuckte die Schultern. „Warum nicht? Ich war ohnehin auf dem Weg in eine Schenke. Kommt doch mit.“
Zu seiner Uberraschung zogerte Tuan. „Verzeiht, mein guter Herr Gallowglass — es gibt nur eine in dieser Stadt, in der ich willkommen bin. Alle anderen lehnen meine Art zu leben ab, und…“ Das runde Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „… sie gefallt den Spie?burgern nicht so recht.“
Rod nickte. „Na schon, ein Wirtshaus ist so gut wie jedes andere.“
Der Stadtteil, in den Tuan ihn fuhrte, pa?te nicht so ganz zu seinen guten Manieren und seinem sauberen Aussehen. Auch die Schenke selbst sah nicht sehr vertrauenswurdig aus. Sie erweckte den Eindruck, als wurde sie beim nachsten Windsto? zusammenbrechen. Die Fenster waren mit wurmzerfressenen, morschen Brettern verschlossen, nur die schwere Eichentur wirkte massiv, und selbst sie hing schief in den Angeln.
„Ah, hier hat man also nichts gegen Eure Lebensweise einzuwenden?“ fragte Rod, als Tuan mit dem Dolchgriff an die Tur klopfte.
„Sagen wir, sie dulden sie, obgleich man mich auch hier manchmal lieber gehen als kommen sieht.“
Rod lief es kalt uber den Rucken. Er fragte sich, welche Art von Mensch dieser junge Bursche war.
Tuan klopfte noch einmal. Endlich offnete sich die Tur knarrend, aber nur so weit, da? sie gerade hindurchschlupfen konnten.
„Unser Gastgeber“, sagte Tuan grinsend. „Der Spotter.“
Die bucklige, knorrige, schrumpelige Travestie eines Mannes stie? ein paar unverstandliche Laute aus. Ein Ohr war deformiert, das andere uberhaupt nicht mehr vorhanden, die Augen uber der Knollennase waren schmale Schlitze, die boshaft glitzerten. Gekleidet war der Mann in Flicken und Fetzen, die vielleicht einmal Wams und Hose gewesen sein mochten und jetzt lose von der Vogelscheuchengestalt herabhingen.
Er eilte zuruck in die stinkende Dunkelheit seines Baues. Tuan folgte ihm. Rod holte noch einmal tief frische Luft, straffte die Schultern und schaute sich um, um sich zu vergewissern, da? Gekab seinen Posten vor dem Haus bezogen hatte.
Die Tur schlo? sich hinter Rod, und fast gleichzeitig offnete sich am anderen Ende des Ganges eine zweite. Rod ri? die Augen auf. Eine riesige Schenkstube, schon fast ein Rittersaal, befand sich dahinter mit vier hell flackernden Feuern und vielen Dutzenden von Fackeln in Wandhalterungen. Kostlich duftendes Fleisch brutzelte an Spie?en uber den Feuern, Schenkburschen bahnten sich einen Weg durch die Menge mit Krugen und Bechern voll Bier und Wein aus zwei riesigen Fassern, die einen gro?en Teil der Wand einnahmen. Die Gaste waren der
