Abschaum der hiesigen Gesellschaft. Ihre Kleidung war mit Flicken besetzt, zerris sen und schmutzig. Sie selbst waren Beweis der primitiven Gerechtigkeit dieser Stadt: einem fehlte ein Ohr, dem anderen ein Auge. Ihre Gesichter waren von Krankheiten gezeichnet und verunstaltet. Doch hier unter sich waren sie laut und frohlich. Alle grinsten, obgleich die Bosheit aus ihren Augen funkelte, als sie Rod betrachteten. Sie allerdings verschwand schlagartig beim Anblick des jungen Tuans und machte etwas Platz, das Verehrung sehr nahe kam. Der Junge lachelte. „Man sagt, da? es keine Ehre unter Dieben gabe, doch zumindest gibt es etwas wie eine Seelenverwandtschaft zwischen den Bettlern von Gramayre. Willkommen, Rod Gallowglass, im Haus Clovis.“ Die Harchen an Rods Nacken stellten sich auf. Er erinnerte sich des Mobs in der Kaigegend am vergangenen Abend. Seine Augen weiteten sich. Er starrte Tuan an. Er konnte es doch nicht sein. Nein, er konnte nicht…

O doch. Er war es! Tuan McReady war der junge Redner, der die Meute aufgewiegelt hatte. Dieser hubsche Junge mit den Apfelbackchen war die Oberratte in den hiesigen Abwasserkanalen.

Die Menge brach in Jubelrufe aus und hie? ihren Sir Galahad willkommen. Der Junge grinste und winkte freundlich. Sein Gesicht hatte sich rot gefarbt. Es sah ganz so aus, als machte dieser Empfang ihn verlegen. Er hatte keinen Ton zu dem Spotter gesagt, aber kaum sa?en sie, wurden ihm auch schon

zwei dampfende Kruge mit Gluhwein vorgesetzt. Wortlos und ohne Bezahlung zu verlangen, zog der Wirt sich wieder zuruck.

Rod blickte ihm mit einer erhobenen Braue nach. „Ihr benutzt kein Geld hier?“ fragte er Tuan.

„Nein.“ Der Junge lachelte. „Alle, die zum Haus Clovis kommen, bringen das bi?chen Geld mit, das sie haben. Es wird in eine gemeinsame Kasse gegeben, und alle erhalten kostenlos Fleisch und Wein nach ihren Bedurfnissen.“

„Und einen Platz zum Schlafen, nehme ich an?“

„Ja, und Kleidung. Ein Gentleman wurde daruber die Nase rumpfen, aber fur meine armen Bruder sind es ungeahnte Herrlichkeiten.“

Rod studierte das Gesicht des Jungen und kam zu der Uberzeugung, da? er es ernst gemeint hatte, als er Bruder sagte.

Er lehnte sich zuruck und verschrankte die Beine. „Wurdet Ihr Euch als religios bezeichnen?“

„Ich?“ Tuan versuchte ein Lachen zuruckzuhalten, aber es gelang ihm nicht ganz. „O nein! Ich wollte, ich ware es, aber ich habe funf Dutzend und mehr Sonntage keine Kirche von innen gesehen.“

Also, dachte Rod, waren seine Motive, den Armen zu helfen -

was immer sie auch sonst sein mochten —, jedenfalls nicht heuchlerisch. Er schaute in seinen Krug. „Ihr versorgt und kleidet also all diese Menschen mit den Almosen, die sie euch bringen?“

„Nein, es ist nur ein Anfang. Aber bei so vielen ernsthaften Beweisen unseres guten Willens fand unsere edle Konigin uns einer Unterstutzung wurdig.“

Rod sperrte die Augen auf. „Ihr wollt damit sagen, da? die Konigin euch allen unter die Arme greift?“

Tun grinste verschmitzt. „O ja, obgleich sie selbst es nicht wei?, wem sie hilft. Sie kennt das Haus Clovis nur dem Namen nach und gibt dem guten Brom O'Berin Geld, damit er fur ihre

Armen sorgt.“

„Und Brom gibt es Euch?“

„Richtig. Und er seinerseits ist froh daruber, da? es weniger Meuchelmorde und Raub in den dunklen Gassen gibt.“

„Sehr schlau! Und es war Eure Idee?“

„O nein, die des Spotters, aber auf ihn wollte niemand horen.“

Rod starrte ihn an. „Der Spotter? Ihr meint, dieser, Verwachsene aus einer schlechten Schmierenkomodie ist der Anfuhrer des Ganzen?“

Tuan runzelte die Stirn und schuttelte den Kopf. „Niemand will ihm folgen, Freund Gallowglass, es ist nichts Respekteinflo?endes an ihm. Er ist der Wirt, der die Sachen verteilt, wie sie benotigt werden — nur ein Verweser, sozusagen, aber ein sehr guter. Einen besseren Kammerer als ihn findet man nicht so leicht. Selbst der Schatzmeister der Konigin kann ihm nicht das Wasser reichen.“

„Ich verstehe, nur ein Verweser.“ Aber auch der Mann, der die Finanzen verwaltet, fugte Rod in Gedanken hinzu. Und ebenfalls der Kopf des Ganzen. Tuan mag zwar mit Menschen umzugehen verstehen und sie dazu bringen, zu tun, was er will — aber wei? er uberhaupt, was er will? Ja, naturlich, denn hatte der Spotter ihn nicht aufgeklart? Was wiederum den Spotter zum wirtschaftspolitischen Mann im Hintergrund macht, und vermutlich verfa?t er auch Tuans Reden.

Rod lehnte sich zuruck und rieb das Kinn. „Und Ihr schafft es, mit lediglich den Almosen, die die Bettler herbeibringen, und den Groschen der Konigin, diesen dekadenten Luxus zu verschaffen?“

Tuan grinste ein wenig damlich und beugte sich nickend vor.

„Aber es ist nicht einfach, Freund Gallowglass. Diese Bettler lassen sich nicht gern von irgend jemandem herumkommandieren. Es ist wahrhaftig nicht einfach, sie zu uberreden, ihnen zu drohen, zu schmeicheln. Aber es ist die Muhe wert.“

Rod nickte. „Dazu gehort ein Mann ohne falschen Stolz und mit noch weniger falscher Bescheidenheit — einer, der seinen Mitmenschen ins Herz schauen kann.“

Tuan errotete.

„Ein solcher Mann“, fuhr Rod fort, „kann sich zum Konig der Bettler machen.“

Der Junge schuttelte mit geschlossenen Lidern den Kopf.

„Nein, es gibt hier keinen Konig, Freund Gallowglass!

Lediglich vielleicht einen Hausherrn.“

„Und Ihr wollt nicht Konig sein?“

„Das wurden die Bettler sich nicht gefallen lassen.“

„So meinte ich es auch nicht.“

Tuan blickte Rod in die Augen. Das Lacheln schwand von seinem jungenhaften Gesicht. Als ihm die Bedeutung von Rods Worten klar wurde, verharteten sich seine Zuge. „Nein!“ sagte er grimmig. „Ich habe nicht vor, den Thron an mich zu rei?en!“

„Warum wollt Ihr dann die Bettler gegen die Konigin fuhren?“

Wieder uberzog das jungenhafte Lacheln Tuans Gesicht. Er wirkte sehr selbstzufrieden. „Ah, dann wi?t Ihr von meinem Komplott, und ich kann Euch offen heraus fragen: Schlie?t Ihr Euch uns an, wenn wir zur Burg marschieren?“

Rods Miene erstarrte, aber seine Stimme klang vollig ruhig.

„Weshalb ich?“

„Wir mochten so viele Freunde, wie es nur geht, in der Leibgarde der Konigin…“

„Ihr mu?t wohl schon eine ganze Menge haben, wenn Ihr bereits wi?t, da? ich heute in der Garde aufgenommen wurde.“

Tuan grinste, er senkte die Lider. Etwas klirrte in Rods Gehirn.

„Wenn ich mich hier genauer umsahe“, sagte er bedachtig, „wurde ich dann die drei Manner finden, die Euch heute abend uberfielen?“

Tuan nickte, er grinste noch starker.

„Also alles geplant, lediglich, um mich hierherzulocken! Ihr wi?t wirklich mit Menschen umzugehen, TuanMcReady!“

Tuan errotete und blickte zu Boden.

„Aber was ist, wenn ich mich euch nicht anschlie?en will?

La?t man mich dann das Haus Clovis lebend verlassen?“

„Nur, wenn Ihr ein guter Fechter und ein nicht weniger guter Zauberer seid.“

Rod nickte und lie? sich die Ereignisse der vergangenen beiden Tage durch den Kopf gehen. Einen Moment kam er in Versuchung mitzumachen, denn er zweifelte nicht daran, da? er sich nach der Revolution auf den Thron manovrieren konnte.

Aber nein, was Tuan gesagt hatte, stimmte. Es gehorte ein Mann mit einem angeborenen Talent der Massenbeeinflussung dazu, die Bettler zu beherrschen. Selbst wenn er auf den Thron kam, wurde der Spotter, und wer immer auch hinter ihm stand, nicht tatenlos zusehen. Nein, die Machtstruktur mu?te bleiben, wie sie war. Eine konstitutionelle Monarchie war die einzige Hoffnung auf Demokratie fur diesen Planeten.

Und da war naturlich auch noch Catherine… Vielleicht war er wirklich in sie verschossen? Sie war das

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