ihm auch. Da erklarte Loguire ihr voll Trauer, da? sein Sohn kein Verrater war, sondern ein Narr — ein Narr, weil er ein so dummes verzogenes Gor hofierte. Und wieder wollte Catherine Hochverrat schreien, hatte ich sie nicht davon abgehalten.“
„Und doch sagst du, sie liebt Loguire und Tuan?“ „Ja, denn warum sonst solche Harte?“ Wieder schwieg Brom. Rod rausperte sich. „Tuan schien nicht lange in Verbannung geblieben zu sein…“
„Der Narr wollte in ihrer Nahe sein, auch wenn er damit sein Leben verwirkte. Doch mit einem Preis auf seinen Kopf mu?te er wie ein Morder oder Dieb leben.“
Rod lachelte sauerlich. „Und irgendwie kam er auf die Idee, da? die Bettler zur geringeren Plage wurden, wenn jemand sich ihrer annahm.“
Brom nickte. „Und so wurden die Bettler zu einer gewissen Macht. Aber Tuan schwort, er wird all seine Krafte einsetzen, um der Konigin den Rucken zu decken. Er behauptet, er liebe sie und wurde es selbst dann noch, wenn sie ihn enthaupten lie?e.“
„Und sie sagt naturlich, er hatte allen Grund, sie zu hassen?“
„Damit hat sie auch recht. Trotzdem bin ich der Uberzeugung, da? Tuan sie nicht ha?t.“
Sie hatten die Tur zum Wachraum erreicht. Rod griff nach der Klinke. Er lachelte zu Brom O'Berin hinab und schuttelte traurig den Kopf. „Hirnverbohrt sind die beiden“, murmelte er.
„Zartlich liebende Feinde! Doch jetzt gute Nacht, Freund Gallowglass.“ Er drehte sich auf dem Absatz und stapfte davon.
Rod schaute ihm nach. „Ich bin selbst ein Narr“, murmelte er.
„Zu denken, Brom stunde ihr bei, weil er in sie verliebt ist! Na ja, auch Gekab macht Fehler…“
Die gro?e Kerze im Schlafraum war zu einem Stummel herabgebrannt. Die Zeit wurde in Gramayre mit rot und wei? geschichteten Kerzen gemessen — sechs wei?e und sechs rote Ringe. Eine Kerze wurde am Morgen, die andere zwolf Stunden spater angezundet. Nach der Kerze war es drei Uhr Morgens. Rods bleierne Mudigkeit wuchs noch, als er daran dachte, da? eine Stunde auf Gramayre nach galaktischen Standard etwa achtzig Minuten waren.
Als er ins Bett steigen wollte, stolperte er uber Tom. Er hatte vergessen, da? er am Fu? seines Bettes auf dem Boden lag.
Der Riese richtete sich gahnend auf. „Ah, guter Herr, welche
Zeit haben wir?“
„Die neunte Stunde der Nacht“, erwiderte Rod. „Schlaf weiter, Tom. Ich wollte dich nicht wecken.“
„Dafur bin ich hier, Meister.“ Er schuttelte sich, um den Schlaf zu vertreiben. Das war etwas merkwurdig, wie Rod plotzlich bewu?t wurde, denn Toms Augen hatten hell wach gewirkt. Sofort breitete sich wieder das Mi?trauen in ihm aus. Um nicht peinliche Fragen beantworten zu mussen, brummte er: „Ich bin schrecklich mude, Tom. Gute Nacht!“ Er lie? sich auf das Bett fallen, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Und dann trug der Wind auch noch Gerausche eines frohlichen Festes herbei. Ein Fest? Er rollte sich aus dem Bett und schlich auf Zehenspitzen zu den hohen Fensterschlitzen. Tom war nicht aufgewacht. Wer feierte zu einer solch spaten, oder vielmehr fruhen Stunde? Ein Mond stand hinter den Zinnen des Nordturms. Jugendliche Gestalten wiegten sich in einem dreidimensionalen Tanz, und einige davon schienen auf Besenstielen zu reiten. Hexen! Im Nordturm!
Rod kletterte die Wendeltreppe mit den abgetretenen Steinstufen hoch. Er sagte sich zur Beruhigung immer wieder, da? die Elfen ihn fur einen Zauberer hielten und er deshalb quasi zur Aufnahme in dieser Gruppe berechtigt war. Aber trotzdem war sein Mund trocken, und ein Stein schien ihm im Magen zu liegen. Zwar hatten die Elfen ihn anerkannt, aber wurden die Hexen es ebenfalls tun? Sein Trost war, da? es sich bei ihnen um frohliche Hexen handelte.
Durch den Rauch der Fackeln sah er Paare an den Wanden, der Decke, mitten in der Luft und hin und wieder sogar auf dem Boden tanzen. Da und dort unterhielten sich kleinere Gruppen kichernd. Alle waren auffallend bunt gekleidet. Und sie alle waren noch so jung, gewi? nicht mehr als Teenager, da? er sich nun doch fehl am Platz fuhlte. Aber der Junge am Weinfa? erblickte ihn als erster. „Heil!“ rief er grinsend. „Ihr habt Euch
verspatet!“ Er druckte Rod einen vollen Krug in die Hand.
„Ich wu?te nicht, da? ich kommen wurde“, brummte Rod.
„Seid versichert, wir sehr wohl.“ Wieder grinste der Junge.
„Molly sah es voraus, aber sie dachte, Ihr mu?tet eigentlich schon seit einer halben Stunde hier sein.“
„Tut mir leid, ich wurde aufgehalten“, murmelte Rod verwirrt.
„Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Molly hat sich eben verrechnet. Der Wein, vermutlich. Aber wir erwarten Euch eigentlich schon, seit Ihr Fu? in die Burg setztet. Die Elfen erzahlten uns vergangene Nacht, da? Ihr ein Zauberer seid.“
„Unsinn! Ich bin genausowenig ein Zauberer wie ihr — oh…“
„Naturlich seid Ihr ein Zauberer.“ Der Junge nickte weise.
„Und ein machtiger noch dazu. Seid Ihr vielleicht nicht in einem Kometen gekommen?“
„Das ist Wissenschaft, nicht Magie! Ich bin kein Zauberer!“
„Ob es Euch nun bewu?t ist oder nicht, Ihr seid einer.“ Er salutierte mit dem Krug. „Und deshalb einer von uns.“
Rod hob ebenfalls den Krug und trank dankend. Dann sah er sich um und versuchte sich daran zu gewohnen, da? bei dieser Gruppe hier das Newtonsche Gesetz keine Gultigkeit hatte.
Bewundernd starrte er auf ein wohlgewachsenes Madchen, das regelrecht aus ihrem Mieder zu quellen schien. Der Junge bei ihr himmelte sie an. Rod fragte sich zynisch nach den Motiven des Burschen.
Das Madchen schnappte laut nach Luft und warf Rod einen wutenden Blick zu. Sein Kinn klappte hinab, und er begann eine Entschuldigung zu stammeln, doch noch ehe sie richtig uber seine Lippen kam, lachelte das Madchen besanftigt und wandte sich wieder ihrem Partner zu. Mit weitaufgerissenen Augen drehte Rod sich zu dem Jungen am Fa? zu. „Ka-kann sie Gedanken lesen?“ stammelte er.
„Naturlich. Das konnen wir alle ein bi?chen, aber sie am besten.“
Rod pre?te eine Hand an den Kopf, als konnte er damit die sich uberschlagenden Gedanken stoppen. Telepathen! Ein ganzes Zimmer voll! Und in der ganzen Galaxis waren bisher erst zehn echte bekannt! Es war Mutation oder eine besondere Genentwicklung. Er straffte die Schultern und rausperte sich.
„Sag, Junge — uh, wie hei?t du uberhaupt?“
Verlegen klopfte der Junge sich auf die Stirn. „Verzeiht meine Gedankenlosigkeit, Meister Gallowglass. Ich bin Tobias, und naturlich mu? ich Euch erst noch mit den anderen bekanntmachen.“ Er wirbelte Rod zur nachsten Gruppe herum.
„Aber — ich wollte doch nur fragen…“, protestierte Rod.
„Das ist Nell, das Andreyev, das Brian, das Dorothy…“ Eine halbe Stunde und dreiundfunfzig Namen spater lie? Rod sich erschopft auf eine Bank fallen. Was er hier vor sich hatte, war eine aufbluhende Esperkolonie mit Menschen, die die Fahigkeit hatten, zu fliegen, in die Zukunft zu sehen und Gedanken zu lesen. Aber wenn sie alle teleportieren konnten, wieso ritten die Madchen dann auf Besenstielen?
Mit einer leichten Luftverdrangung tauchte Toby plotzlich mit einem vollen Krug neben Rod auf. Rod starrte ihn an, wahrend er dankend nach dem Krug griff. „Uh, sag, konnt ihr levitieren und teleportieren?“
„Wie bitte?“ Toby verstand ihn nicht.
„Ich meine, ihr konnt doch fliegen? Und euch von einem zum anderen Ort wunschen?“
„O ja.“ Toby grinste. „Das konnen wir alle.“
„Was? Fliegen?“
„Nein, uns an einen Ort wunschen, den wir kennen. Alle Jungen konnen fliegen, aber die Madchen nicht.“
Sexgebundene Gene, dachte Rod. Laut sagte er. „Deshalb reiten sie auf Besenstielen?“
„Ja, denn sie wiederum konnen leblose Gegenstande bewegen, was uns nicht gelingt.“
Aha! Wieder eine Bindung! Telekinese war den Y-
Chromosomen vorbehalten, Levitation den X. Aber alle
konnten sie teleportieren und Gedanken lesen. Eine unschatzbare Esperkolonie. Wenn ihr Leben dem der seltenen Telepathen au?erhalb dieses Planeten ahnelte… „Deshalb ha?t euch das einfache Volk?“
Tobys frohliches junges Gesicht wurde ernst, ja fast duster. „Ja, und die Edlen ebenfalls. Sie behaupten, wir stunden mit dem Teufel im Bund. Und es gab diese schrecklichen Wasserproben fur uns oder den Feuertod, bis
