unsere gute Konigin Catherine an die Macht kam.“ Er drehte sich um und brullte: „He, Bridget!“ Ein etwa dreizehnjahriges Madchen loste sich von ihrem Tanzpartner und erschien abrupt an Tobys Seite. „Freund Gallowglass mochte wissen, wie sehr das Volk uns mag.“
Alle Frohlichkeit schwand aus dem Gesicht des Kindes. Wortlos offnete sie den Rucken ihrer Bluse, und ein dichtes Kreuzundquermuster ha?licher Narben kam zum Vorschein. Sie drehte sich Rod zu, wahrend Toby ihre Bluse zuknopfte. „Das alles nur auf einen Verdacht hin“, murmelte sie. „Und ich war erst zehn Jahre alt.“
Rods Mageninhalt stieg ihm bis zum Hals auf, und er hatte seine Muhe, ihn wieder hinunterzuschlucken. Bridget kehrte zu ihrem Partner zuruck und tanzte vergnugt weiter.
„Ihr werdet also verstehen, wieviel Grund wir haben, unserer guten Konigin dankbar zu sein.“
„Sie machte Schlu? mit den Wasserproben und Verbrennungen?“
„Sie anderte das Gesetz, aber es kam auch weiter heimlich zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Es blieb ihr also nur ein Weg, uns zu schutzen, indem sie jedem von uns, der sich dafur entschied, Zuflucht gewahrte.“
Rod nickte bedachtig. „Es mangelt ihr also doch nicht so ganz an Weisheit.“ Sein Blick wanderte zu Bridget zuruck, die gerade an der Decke tanzte.
„Was uberlegt Ihr, Freund Gallowglass?“
„Sie ha?t sie nicht“, brummte Rod. „Sie hat allen Grund, das Volk zu hassen, aber sie tut es nicht!“
Toby schuttelte mit einem gutigen Lacheln den Kopf. „Weder sie, noch irgendeiner von uns. Alle, die sich in den Schutz des Zirkels der Konigin begeben, schworen als erstes, nach Gottes Gesetzen zu leben.“
„Ich verstehe“, murmelte Rod langsam. „Ein Zirkel wei?er Hexen. Sind alle Hexen auf Gramayre wei??“
„Leider nicht. Einige sind so verbittert durch gro?eres Leiden als unseres — den Verlust eines Auges, oder eines Menschen, der ihnen teuer war, oder sonst etwas —, da? sie sich in der Wildnis oder den Bergen verkrochen, um dort Rache an den Menschen zu uben. Doch sind es kaum mehr als zwanzig. Nur drei stehen noch in der Blute ihres Lebens, alle anderen sind verschrumpelte Mannchen und Weibchen.“
„Die Marchenhexen“, knurrte Rod.
„So kann man sie nennen. Und ihre Untaten sind so weitbekannt, da? alles Gute, was wir tun, daneben verbla?t.“
„Also gibt es zwei Arten von Hexen in Gramayre: die alten und bosen in der Wildnis und den Bergen, und die jungen wei?en in der Burg der Konigin.“
Wieder schuttelte Toby lachelnd den Kopf. „Nein au?er uns gibt es noch gut funf Dutzend andere wei?e Hexen, nur trauten sie dem Schutz der Konigin nicht. Sie sind zwischen drei?ig und vierzig Jahre alt. Alles gute Menschen, aber mi?trauisch.“
Jetzt verstand Rod. „Darum seid ihr alle so jung! Nur die Hexen, die noch den Wagemut hatten, anderen zu vertrauen, nahmen die Einladung der Konigin an! Also kam sie zu einer Gruppe Teenager.“
Toby nickte. „Auch unter den anderen gab es zwei, die den Mut hatten, hierherzukommen. Die eine war die weiseste von allen, die machtigste der Hexen, sie kam aus dem Suden. Aber sie wird jetzt alt! Sie mu? bestimmt schon bald drei?ig sein!“
Rod verschluckte sich fast an seinem Wein und mu?te heftig husten. Als Toby ihn besorgt ansah, erklarte er: „Es ist nichts, Junge, aber wir Alten mussen uns eben mit solchen Hustenanfallen abfinden. Warum blieb diese Hexe denn nicht?“
„Sie sagte, sie spure unter uns erst ihr Alter. Wenn Ihr im Suden in Schwierigkeiten geraten solltet, so ruft ihren Namen.
Gwendylon hei?t sie, und sie wird Euch mehr Hilfe geben, als Ihr braucht.“
„Ich werde mich daran erinnern“, versprach Rod, auch wenn er nicht die Absicht hatte, sich von einer Frau helfen zu lassen.
„Noch eine Frage, weshalb beschutzt die Konigin euch?“
Toby starrte ihn unglaubig an. „Das wi?t Ihr nicht? Nun, sie ist selbst eine Hexe, zwar ungeschult, aber trotzdem hat sie ihre Fahigkeiten.“
Rod hob eine Braue. „Ungeschult?“
„Ja, unsere Gaben brauchen Ubung und Schulung, um sich voll entfalten zu konnen. Catherine ist eine geborene Hexe, aber sie wurde nicht ausgebildet. Sie kann manchmal Gedanken lesen, aber nicht nach Belieben und nicht sehr deutlich.“
„Hm. Was kann sie sonst noch?“
„Nichts, was wir wu?ten. Sie kann nur Gedanken horen.“
Rod kratzte sich am Ohr. „Das ist eine recht praktische Gabe fur eine Konigin. So wei? sie alles, was in ihrer Burg vor sich geht.“
Toby schuttelte den Kopf. „Konnt Ihr, wenn sich funf unterhalten, alle gleichzeitig horen, Freund Gallowglass? Und ihnen den ganzen Tag lang zuhoren? Und sich dann noch an alles erinnern?“
Rod rieb sich das Kinn und runzelte die Stirn.
„Konnt Ihr auch nur ein Gesprach im Gedachtnis behalten?
Nein, nicht einmal das konntet Ihr — und die Konigin kann es genausowenig.“
„Sie konnte alles niederschreiben…“
„Ja, aber verge?t nicht, sie ist ungeschult, und es bedarf gro?er
Ubung, Gedanken in Worte zu kleiden.“
„Halt!“ rief Rod. „Hei?t das, da? ihr Gedanken nicht als Worte hort?“
„Nein. Ein fluchtiger Gedanke genugt, ein ganzes Buch mit Worten zu fullen.“
Inzwischen hatte sich eine ganze Gruppe um sie ge schart.
„Es ist komisch, da? ein Zauberer das nicht wei?“, sagte einer, der Martin hie?.
„Ich erwahnte es schon“, verteidigte sich Rod. „Ich bin gar nicht wirklich ein Zauberer. Ihr mu?t wissen…“
Schallendes Gelachter unterbrach ihn. Er seufzte und fand sich mit seinem neuen Ruf ab. „Ich nehme an, da? einige unter euch Gedanken als Worte lesen konnen?“
„O ja.“ Toby wischte sich die Tranen aus den Augen. „Ist Aldis hier?“
Eine hubsche vollbusige Sechzehnjahrige bahnte sich einen Weg durch die Menge. „Wen soll ich fur Euch belauschen, Sir Gallowglass?“
Rod kam ein Gedanke. „Durer. Den Ratgeber Lord Loguires.“
Aldis setzte sich auf eine Bank und starrte durch Rod hindurch.
Mit hoher Stimme leierte sie: „Wie Ihr wollt, Mylord. Aber ich frage mich, seid Ihr wirklich loyal?“ Ihre Stimme sank um zwei Oktaven, blieb jedoch weiter eintonig. „Bursche, wagst du es, mich von Angesicht zu Angesicht zu beleidigen?“
„Nein, Mylord, ich frage mich nur, ob es klug ist, die sem Kind — und mehr ist sie ja nicht —, den Willen zu lassen? Sie handelt wahrhaftig wie ein trotziges Balg!“
„Vielleicht“, brummte Loguire. „Aber sie ist die Konigin, und ihre Gesetze mussen durchgefuhrt werden.“
„Selbst wenn die Konigin schlimme Gesetze erla?t?“
„Das sind sie nicht, Durer.“ Die tiefe Stimme klang nun unheildrohend. „Kuhn, vielleicht, auch gedankenlos, denn was sie heute Gutes bringen, mag sich schon morgen ins Gegenteil verwandeln. Ja, torichte Gesetze, aber sie sind nicht bose gemeint.“
Die hohe Stimme seufzte. „Vielleicht, Mylord. Aber sie setzt die Ehre der Edlen aufs Spiel. Ist das nicht bose?“
„Wie das, Durer? Sie hat nichts getan, das auch nur als Beleidigung ausgelegt werden konnte.“
„Noch nicht, Mylord. Doch der Tag wird kommen…“
„Welcher Tag, Durer?“
„Da sie die Bauern den Edlen vorzieht!“
„Genug mit deinen landesverraterischen Worten!“ donnerte Loguire. „Auf die Knie, Wicht. Und danke deinem Gott, da? ich dir den Kopf lasse.“
Rod starrte Aldis an. Er konnte es immer noch nicht fassen, zwei verschiedene Stimmen aus ihrem Mund zu horen. Ihre Augen nahmen wieder Leben an. „Habt Ihr gehort, Freund Gallowglass? Ich kann mich leider an keines meiner Worte erinnern.“
„Mach dir keine Sorgen, Aldis.“ Rod rieb sich das Kinn. „Ich werde kein einziges vergessen.“ Sein Blick
