„Das Gespenst war auch vergangene Nacht wieder auf Eurem Dach.“
Rod spitzte die Ohren.
Catherine pre?te die Lippen zusammen und schlo? die Augen.
Schweigen senkte sich auf die Tafelnden herab. Brom sagte laut: „Das Gespenst wurde schon mehrmals auf den Zinnen des Turmes gesichtet, und doch lebt Ihre Majestat noch immer.“
„Sei still!“ fuhr Catherine ihn an. Sie straffte die Schultern und griff nach ihrem Weinglas. „Ich will nichts von dem Gespenst horen!“ Sie leerte das Glas und rief nach dem Truchse?, es nachzufullen. Sofort sprang Durer auf, nahm der Konigin das Glas ab und wandte sich damit dem herbeieilenden Truchse? zu, der es aus einer Kanne nachfullte. Alle machten gro?e
Augen, denn eine solche Hoflichkeit Durers gegenuber der Konigin war ungewohnt. Er drehte sich ihr wieder zu, lie? sich auf ein Knie vor ihr fallen und streckte ihr das Glas entgegen.
Catherine starrte ihn an, dann nahm sie es ein wenig zogernd.
„Ich danke dir. Ich mu? gestehen, diese Hoflichkeit hatte ich nicht von dir erwartet.“
Durers Augen glitzerten. Er erhob sich mit spottischem Lacheln und verneigte sich tief.
Aber Rod war weniger vertrauensselig als Catherine, au?erdem hatte er gesehen, da? Durer die Linke uber das Glas gehalten hatte, ehe der Truchse? nachschenkte. Er rannte zur Konigin, schnappte sich das Glas, das sie gerade an die Lippen setzen wollte und loste schnell den Dolch vom Gurtel. Catherine starrte ihn ergrimmt an. „Ich habe Euch nicht gerufen!“ sagte sie heftig.
„Verzeiht, Eure Majestat.“ Er schuttelte den Dolch aus der Hulle und fullte die konische Scheide mit Wein. Gott sei Dank hatte er daran gedacht, Gekab wieder einzuschalten, ehe er seinen Dienst antrat. Er hielt das Silberhorn hoch und sagte.
„Ich kann es nicht naher erklaren, Eure Majestat, lediglich, da? ich um Euer Leben bangte.“
Aber Catherines Arger war ohnedies, fasziniert von Rods Benehmen, bereits verraucht. „Was“, sie deutete auf die konische Dolchscheide, „ist das?“
„Das Horn eines Einhorns“, erwiderte Rod und schaute Durer an, dessen Augen vor Wut brannten. „Analysiert“, meldete Gekab aus dem Mikrophon hinter Rods Ohr. „Substanz fur menschlichen Metabolismus todlich.“ Rod lachelte grimmig und druckte auf den Knopf an der Scheidenspitze.
Das Horn des „Einhorns“ farbte sich purpurrot.
Ein Stohnen des Schreckens wurde im ganzen Raum laut, denn jeder kannte die Legende, da? ein Einhornshorn purpurn anlauft, wenn man Gift hineingibt.
Catherine wurde totenbleich und pre?te die Hande zusammen, um das Zittern ihrer Finger moglichst zu verheimlichen.
Loguire ballte die Fauste. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Wicht!“ wandte er sich an Durer. „Wenn das dein Tun ist…“
„Mylord, Ihr saht doch selbst, da? ich das Glas nur hielt“, krachzte Durer. Aber seine brennenden Augen waren auf Rod gerichtet und schienen ihm zu drohen.
Rod wurde als eine der vier Wachen eingeteilt, die Catherine von ihren Gemachern zum Audienzsaal eskortieren sollten.
Unterwegs naherte sich Durer der Konigin. Er verbeugte sich dreimal tief und sagte: „Eure Majestat, gestattet mir Euch zu raten, Euch ohne Verzogerung die Petition der Hohen Lords anzuhoren.“
Catherine blickte ihn finster und von oben herab an. „Weshalb glaubst du, es wurde zu einer Verzogerung kommen?“
„Nun, Majestat, ich horte, da? heute zwei Bauern vor Gericht erscheinen werden…“
„Ein Fall, den du mir hochstpersonlich aufgedrangt hast, Durer“, unterbrach ihn Catherine.
Durers Augen leuchteten kurz boshaft auf, doch sogleich verbeugte er sich wieder zutiefst. „Ich hatte gehort — ich furchtete…“
„Was?“
„Eure Majestat sind in letzter Zeit so um die Bauern besorgt, da? ich furchtete, Eure Majestat wurden vielleicht…“
„Vor den Hohen Lords die Bauern anhoren?“
„Das durfen Eure Majestat nicht!“ Durer lie? sich vor ihr auf die Knie fallen. „Ihr durft heute nichts tun, was die Hohen Lords beleidigen konnte, denn tut Ihr es, konnte leicht Euer Leben in Gefahr kommen.“
„Haltst du mich fur feige? Und jetzt heb dich hinweg!“ Sie wandte sich ab und schritt durch die gewaltige Eichentur, die weit fur sie geoffnet wurde. Rod riskierte einen Blick uber die Schulter. Durers Gesicht war vor Hohn und Triumph verzerrt.
Ja, dachte Rod, die besten Ergebnisse erzielt man bei einem Teenager, wenn man ihm etwas verbietet, denn dann tut er es erst recht.
Die Wachen postierten sich zu beiden Seiten des vergoldeten Thrones auf einer etwa einen Meter hohen Plattform. Catherine schaute auf die Versammlung hinunter. In der ersten Reihe sa?en die zwolf Lords auf Holzstuhlen in Stundenglasform in einem Halbkreis um die Stufen zur Plattform. Hinter ihnen standen vierzig oder funfzig Manner mittleren Alters in Braun, Grau oder Dunkelgrun gekleidet mit Samtkragen an den Wamsern und kleinen eckigen Filzhuten. Silber oder Goldketten hingen von ihren imposanten Bauchen. Vermutlich die hiesigen Burger — Beamte, Kaufleute, Gildenmeister, also die Bourgeoisie, nahm Rod an. Ihnen schlossen sich die Geistlichen in schwarzen Kapuzenumhangen an, und wiederum hinter ihnen Landleute in Flickenkleidung. Rod war ziemlich sicher, da? man sie aus der Burgkuche hierher beordert hatte, damit alle Klassen vertreten waren.
Die Bauern hatten in der Mitte einen freien Platz gelassen und dort standen, zwischen vier Soldaten im Grun und Gold der Konigin, zwei Bauern, deren Gesichter vor Angst verzerrt waren und die ihre Hute in den Handen fast zerquetschten. In ihrer Begleitung befand sich ein Priester. Aller Augen ruhten auf der Konigin. Broms Stimme hallte durch den ganzen Saal: „Wer sucht heute die Gerechtigkeit Ihrer Majestat der Konigin?“
Ein Herold las von einer Schriftrolle zwanzig Petitionen ab. Die erste war die der zwolf Hohen Lords, die letzte die von Durers zwei Bauern.
Catherins Hande verkrampften sich um die Thronlehne. Mit hoher, klarer Stimme rief sie: „Gott, unser Herr, sagte: Die Niedrigen werden erhoht werden; und die letzten werden die ersten sein. Also wollen wir uns zuerst die Aussagen der beiden Bauern anhoren.“
Einen Augenblick herrschte schockiertes Schweigen, dann erhob sich Lord Loguire und donnerte: „Aussagen! Bedurft Ihr ihrer Aussagen so sehr, da? Ihr diese Bauerntolpel vor den hochsten Eurer Edlen anhoren wollt?“
„Mein Lord!“ fauchte Catherine. „Ihr verge?t Euren Platz auf meinem Hof!“
„Nein, Ihr seid es, die den Respekt und die Tradition vergessen hat, die Ihr auf den Knien Eures Vaters lerntet! Nie hatte der alte Konig seine Lehnsmanner so gedemutigt!“
„Ihr scheint zu vergessen, alter Mann, da? mein Vater tot ist und ich jetzt regiere!“
„Regieren!“ Die Lippen Loguires verzogen sich bitter. „Nicht regieren kann man es nennen, sondern tyrannisieren!“
Erschrocken hielten alle den Atem an, dann erhob sich ein immer lauter werdendes Flustern: „Hochverratverratverrat…“
Brom O'Berin stand mit zitternden Beinen auf. „Mylord Loguire, Ihr mu?t die Konigin auf den Knien um Verzeihung bitten, wollt Ihr nicht als Verrater gelten!“
Loguires Gesicht schien zu Stein zu erstarren, doch noch ehe er etwas zu sagen vermochte, erklarte Catherine mit angespannter Stimme: „Unnotig, um Vergebung zu bitten, denn es wird keine gewahrt werden. Ihr, Mylord Loguire, werdet von nun aus Unserem Hof verbannt, um Uns nie wieder vor die Augen zu treten.“
„Kind“, murmelte der alte Mann, und Rod sah Tranen in seinen Augen glitzern, „willst du den Vater genauso behandeln wie den Sohn?“
Catherines Gesicht wurde leichenbla?. „Geht, Mylord Loguire, oder ich mu? die Hunde auf Euch hetzen!“ sagte Brom mit vor Grimm zitternder Stimme.
Noch einmal schaute Lord Loguire zu Catherine mit Trauer in den Augen hoch. „So wollt Ihr mich denn Euren Feind nennen Catherine blickte uber die Nasenspitze auf ihn hinab. Loguire bi? die Zahne zusammen. Kalter Stolz loste die Trauer ab. Wortlos drehte er sich auf dem Absatz und schritt zum Portal. Uberlegend blieb er stehen, dann wandte er sich noch einmal um. Seine Stimme, die jetzt wieder sanft und gutig klang, fullte den ganzen Saal. „Eines noch, Catherine, die ich einst meine Nichte nannte — solange ich lebe, habt Ihr die Soldaten Logui-res nicht zu furchten.“ Dann stapfte er mit wallendem Umhang zur Tur hinaus. Wie ein Mann erhoben sich
