Traumbild seiner Jugend!
Aber ihm war Tuan vom ersten Augenblick an sympathisch gewesen. Wie konnte er sie beide mogen, wenn sie Gegner waren? Gewi?, es war moglich, da? Tuans Charme nur Tunche war, doch irgendwie bezweifelte es Rod. Nein, wenn Tuan wirklich am Thron interessiert gewesen ware, hatte er Catherine den Hof machen und um sie freien konnen, und ganz sicher hatte er ihre Gunst gewonnen.
Also unterstutzte Tuan die Konigin. Wie er glaubte, ihr mit seiner Demagogie helfen zu konnen, war Rod zwar nicht klar, aber zweifellos war Tuan uberzeugt, da? er es konnte.
Warum dann dieser ausgefallene Plan, Rod in das Haus Clovis zu locken? Naturlich, um ihn auf die Probe zu stellen, ob er als Leibwachter der Konigin vertrauenswurdig war! Das ergab auch Sinn, wenn Tuan mit Brom O'Berin zusammenarbeitete, denn es war genau Broms
Art, auf diese ungewohnliche Weise fur eine Volksunterstutzung der Konigin zu sorgen. Doch warum dann diese Propagierung eines Marsches zur Burg? Vermutlich hatte Tuan eine Antwort darauf, und wenn er schon gerade bei Antwort war, mu?te er nun auch endlich seine geben.
Er grinste Tuan an und erhob sich, mit der Hand um den Degengriff. „Ich werde mich euch nicht anschlie?en. Lieber versuche ich mein Gluck mit Rapier und Magie.“
Tuans Augen leuchteten auf. Er griff nach Rods Arm. „Ich hatte gehofft, da? Ihr so reden wurdet, Freund Gallowglass.
Bleibt sitzen und hort die Wahrheit meines Komplotts.“
Rod schuttelte seine Hand ab. „Zieht Euer Schwert!“
„Nein, das wurde ich nie gegen einen Freund. Ich habe Euch einen Streich gespielt, aber es war zu einem guten Zweck. Ihr sollt alles erfahren!“
„Ich horte, was ich wollte.“ Rod machte sich daran, den Degen zu ziehen. Wieder griff Tuan nach Rods Unterarm, und diesmal lie? er sich nicht abschutteln. Langsam, aber unaufhaltsam, wurde sein Rapier in die Scheide zuruckgezwungen.
„Setzt Euch!“ sagte Tuan und druckte Rod so leicht, da? man meinen konnte, er sei ein Kind, auf den Stuhl zuruck. Dann lie? er seinen Arm los und lachelte ihn herzlich an, als ware nichts geschehen. „Die Konigin gibt uns Geld, und die Bettler wissen es, aber immer Almosen annehmen zu mussen, erweckt brennenden Grimm in den Beschenkten. Wenn wir Freunde fur Catherine gewinnen wollen, mussen wir einen Weg finden, diesen Arger in Dankbarkeit zu verwandeln. Also mussen wir die Unterstutzung der Konigin als etwas anderes denn ein Geschenk erscheinen lassen.“
„Und Ihr habt diesen Weg gefunden?“
„Nicht ich“, gestand Tuan, „sondern der Spotter. Er stellte mir das Ratsel:,Wann ist ein Geschenk kein Geschenk? Und als ich die Antwort nicht wu?te, loste er es selbst:,Wenn es dem, der es bekommt, rechtma?ig zusteht! „
Tuan breitete die Hande aus. „Ihr seht also, wie einfach es ist. Die Bettler marschieren zur Burg und verlangen von der Konigin Brot und Fleisch, weil es ihnen rechtma?ig zusteht. Sie wird es ihnen geben, und sie werden dafur dankbar sein.“ Rod lachelte. „Sehr schlau ausgedacht.“ Er nickte, aber insgeheim dachte er: Wenn es funktionierte! Aber es wird nicht! Menschen mit Geld spenden gern fur wohltatige Zwecke, aber sie geben keinen Cent, wenn man ihnen sagt, sie mu?ten es. Und wie dankbar werden die Bettler sein, wenn sie ihre Forderung zuruckweist und ihre Armee ruft, um sie zu vertreiben? Doch selbst wenn sie auf ihr Verlangen einginge, was dann? Was war dann mit dem Machtgefuhl, das sie ihnen damit gabe? Bettler, die eine Konigin zu etwas zwingen! Sie wurden nicht bei Brot und Fleisch haltmachen. Schon in einer Woche kamen sie mit weiteren Forderungen an — mit oder ohne Tuan! O ja, es war ein schlauer Plan, und man hatte Tuan damit ganz schon eingeseift. Der Spotter konnte nur gewinnen — und mit ihm die au?erplanetaren Totalitarsten, die dahintersteckten.
Aber Tuan meinte es gut. Er strahlte geradezu von innen heraus. Zwar war er ein wenig naiv, was Politik betraf, aber wie gesagt, seine Absicht war wohlgemeint. Rod hob seinen Krug zu einem tiefen Schluck. „Und doch behaupten einige, da? das Haus Clovis Catherine sturzen will.“ „Nein! Nein!“ rief Tuan erschrocken. „Ich liebe die Konigin!“ Rod studierte das ehrliche, offene Gesicht des Jungen. „Ich auch“, sagte er, leider wahrheitsgetreuer, als ihm lieb war. „Trotzdem erkenne selbst ich, da? sie nicht sehr klug handelt.“ Tuan seufzte tief und murmelte: „Das stimmt. Sie meint es so gut, aber sie geht nicht richtig vor. Sie versucht, an einem Tag gutzumachen, was ihre Vorfahren in Jahrhunderten falsch gemacht haben. Es gibt so viel Unrecht in dem Konigreich, doch ein Haufen Unrat la?t sich nicht mit einem Schaufelhub beseitigen.“
„Vor allem kann der Salpeter darunter sich als ungemein explosiv erweisen“, brummte Rod.
„Die Hohen Lords begreifen nicht, da? sie den Teufel vertreibt“, fuhr Tuan fort. „Sie sehen nur, da? sie diesem Land nur eine Stimme geben will — ihre!“
„Nun“, Rod hob seinen Krug. Sein Gesicht war duster vor Resignation. „Auf sie! Hoffen wir, da? sie es schafft!“
„Wenn Ihr glaubt, da? das moglich ist, seid Ihr ein gro?erer Narr als ich — dabei bin ich weit und breit als ausgesprochener Tor verschrien.“
Rod senkte den Krug, ohne getrunken zu haben. „Sprecht Ihr aus allgemeiner Uberzeugung, oder denkt Ihr an Einzelheiten?“
Tuan druckte eine Zeigefingerkuppe an die andere. „Ein Thron ruht auf zwei Beinen: erstens auf den Ed-. len, die alles Neue ablehnen und deshalb gegen die Konigin sind. In Ruhe gelassen, wurden sie sich vielleicht mit ihr abfinden, aus Verehrung fur ihren Vater. Aber da sind noch die Ratgeber.“
„Ich nehme an, die Hohen Lords tun, was die ihnen raten?“
„Oder was sie ihnen raten, nicht zu tun. Was in etwa auf das gleiche heraus kommt. Und die Ratgeber sprechen mit nur einer Stimme — Durers!“
„Durer? Wer ist er?“ fragte Rod stirnrunzelnd.
„Der Ratgeber Lord Loguires.“ Tuans Lippen verzogen sich bitter. „Er hat Einflu? auf Loguire, was ein wahres Wunder ist, denn der Herzog ist ein ausgesprochen eigensinniger Mann.
Solange Loguire lebt, hat Catherine eine Chance. Doch wenn er stirbt, fallt sie, denn Loguires Erbe ha?t die Konigin. Der Lord hat zwei Sohne. Der jungere ist ein Narr, der seinen schlimmsten Feind fur seinen besten Freund halt. Und der altere ist ein Hitzkopf, der unter Durers Schmeicheleien dahinschmilzt. Und so wird der Titelerbe, Anselm Loguire, tun, was Durer ihm sagt.“
Wieder hob Rod den Krug. „Dann wollen wir Lord Loguire ein langes Leben wunschen.“
„Ja“, erwiderte Tuan inbrunstig. „Denn Anselm hegt einen tiefen Groll gegen die Konigin.“
„Wieso?“ fragte Rod.
„Ich wei? es nicht“, antwortete Tuan bedruckt.
„Er und Durer wollen also den Sturz der Konigin? Und die anderen Lords tun, was sie vorschlagen — wenn der alte Loguire erst tot ist. Das also ist ein Bein des Thrones. Und das andere?“
„Zweitens“, fuhr Tuan fort, „das Volk: die Bauern, Handwerker und Kaufleute. Sie alle lieben sie, weil sie ihnen das Leben erleichtert, aber sie furchten sie auch, ihrer Hexen wegen.“
„Ah ja. Ihre — Hexen.“ Rod bemuhte sich, wissend auszusehen, wahrend sich in seinem Kopf alles drehte. Hexen als politisches Element!
„Seit Jahrhunderten“, erklarte Tuan, „wurden die Hexen Folterungen unterzogen, bis sie dem Teufel ent sagten, oder sie mu?ten die Wasserprobe erdulden. Und wenn alles versagte, Wurden sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“
Einen Augenblick empfand Rod ein ungeheures Mitleid mit ganzen Generationen von Espern, diesen Menschen mit ubersinnlichen Fahigkeiten, die es hier also alles andere als leicht gehabt hatten.
„Aber die Konigin beschutzt sie jetzt, und man munkelt sogar, da? sie selbst eine Hexe ist.“
Es gelang Rod, seine geistige Benommenheit lange genug abzuschutteln, um zu krachzen: „Ich nehme an, da? diese Tatsache das Volk nicht gerade zu Begeisterungssturmen und unerschutterlicher Loyalitat veranla?t?“
Tuan bi? sich auf die Lippe. „Sagen wir, es ist unsicher…“
„Es hat die Hosen voll“, ubersetzte Rod. „Aber mir ist aufgefallen, da? Ihr die Bettler nicht als Teil des Volkes gezahlt habt.“
Tuan schuttelte den Kopf. „Nein, sie stehen abseits. Keiner sieht sie gern, alle schauen auf sie herab. Doch aus diesem
