fehlerhaften Holz beabsichtige ich, ein drittes Bein fur den Thron der Konigin zu schreinern.“
Rod lehnte sich zuruck. „Vielleicht habt Ihr da etwas, das die Konigin in der Tat braucht.“ Er nahm einen tiefen Schluck Wein. „Ich nehme an, da? die Ratgeber alles tun, um die Furcht des Volkes noch zu schuren?“
Tuan schuttelte verwirrt den Kopf. „Nein, nichts dergleichen.
Man konnte fast glauben, sie wu?ten uberhaupt nicht, da? es das Volk gibt.“ Er spielte mit seinem Becher. „Aber es ist gar nicht notig, das Volk darauf aufmerksam zu machen, da? es Grund zur Furcht hat, denn alle sehen, da? die Hexen nicht imstande sind, das Gespenst vom Burgdach zu vertreiben.“
Rod schaute ihn verwundert an. „Na, so soll es sich doch heiser schreien auf den Zinnen, wenn es ihm Spa? macht. Es tut ja niemandem etwas, oder?“
Tuan schuttelte erstaunt den Kopf. „Kennt Ihr denn die Bedeutung dieses Gespensts nicht, Rod Gallow-glass? Wenn sich eines dieser Art auf dem Dach zeigt, stirbt jemand im Haus. Und jedesmal, wenn das Gespenst uber die Zinnen wandelte, ist die Konigin dem Tod nur durch Haaresbreite entronnen.“
„Oh?“ Rod hob eine Braue. „Durch den Dolch? Einen fallenden Stein? Gift?“
„Gift.“
Rod rieb das Kinn. „Gift, die Waffe der Aristokraten. Die Armen konnen es sich nicht leisten. Wer unter den Hohen Lords ha?t Catherine so sehr?“
„Keiner!“ rief Tuan entsetzt. „Nicht einer wurde so tief sinken, es ware ehrlos!“
„Aha, die Ehre gilt hier also noch etwas, hm? Vergessen wir also die Edlen. Doch es mu? jemand sein, der auf ihrer Seite ist. Wie ware es mit den Ratgebern? Aber was gewinnen sie durch ihren Tod? Au?er, naturlich, einer legt es darauf an, seinen Herrn als Monarchen zu sehen und so selbst zum
Ratgeber des Konigs aufzusteigen…“
Tuan nickte. „Das wunschen sie sich vielleicht alle, Freund Gallowglass.“
In Gramayre war eine au?erplanetare Kraft am Werk mit einer hoheren Technologie und sophistischer Politischer Philosophie. Die Edlen wurden allmahlich gespalten und das Volk durch das Haus Clovis gegen die Aristokraten aufgewiegelt. Die zwolf Herzogtumer wurden zu Baronien aufgeteilt werden und diese wiederum zu kleinen Gemeinden, bis echte Anarchie vorherrschte. Zweifellos waren die Ratgeber die Agenten dieser au?erplanetaren Macht, und arbeiteten systematisch auf die Anarchie hin. Die Frage war nur, weshalb? Doch das Warum konnte warten. Von momentaner Bedeutung war, da? Schurkerei, die neben Lord Loguire sa? und deren Name Durer war, am Werk war. Und Durers vorrangiges Ziel war Catherines Tod.
Ein Schatten am Burgtor klammerte eine Hand um Rods Schienbein.
„Halt, Rod Gallowglass, Ihr mu?t sofort zur Konigin als Nachtwache“, brummte Brom O'Berin.
Rod fragte sich immer noch, wie Brom gewu?t haben konnte, woher er gerade kam, als sie zum Audienzsaal der Konigin gelangten. Naturlich hatte er seine Spitzel im Haus Clovis, aber wie konnten sie ihn vor ihm erreicht haben? Rod folgte Brom in den prachtigen Saal. Zwei schwere, geschnitzte Sessel standen zu jeder Seite des Kamins, zwei weitere am Tisch. Catherine sa? in einem der letzteren, mit dem Kopf uber ein ledergebundenes Buch gebeugt. Etwa ein halbes Dutzend ahnliche lagen aufgeschlagen daneben. Catherine hob den Kopf und sah Rod an. „Willkommen“, sagte sie. Ohne die schwere Krone, die sie auf dem Tisch abgelegt hatte, wirkte sie irgendwie kleiner. „Wart Ihr im Haus Clovis?“ erkundigte sie sich.
Rod nickte bejahend mit leicht spottischem Lacheln.
„Genau wie Ihr sagtet, meine Konigin.“ Broms Stimme klang grimmig. „Aber woher wu?tet Ihr…“
„Daruber solltet Ihr Euch nicht den Kopf zerbrechen, Brom O'Berin.“
„Woher?“ echote Rod. „Durch Spitzel, naturlich. Ein ausgezeichnetes Informantennetz mu? es sein, da? sie so schnell davon erfuhr.“
„Nein“, versicherte ihm Brom selbst verwirrt. „Wir haben nur sehr wenige Spione, denn Loyalitat ist etwas Seltenes in diesem dunklen Zeitalter, und wir haben uberhaupt keine Spitzel im Haus Clovis.“
„Nein“, bestatigte Catherine, „und doch wei? ich, da? Ihr heute von Tuan von den Bettlern hortet.“ Ihre Stimme klang fast sanft, als sie den Zwerg anschaute. „Brom…?“
Der Troll lachelte, verbeugte sich und verlie? den Raum.
Catherine schritt zum Kamin und starrte in das Feuer. Ihre Schultern hingen herab, und sie wirkte einen Augenblick so zerbrechlich und einsam — und so wunderschon im Schein der Flammen, da? es Rods Kehle zuschnurte. Doch dann straffte sie die Schultern, und ihr Kopf drehte sich ihm scharf zu. „Ihr seid nicht, was Ihr zu sein vortauscht, Rod Gallowglass. Sagt mir, was Ihr seid!“
Rod zuckte hilflos die Schultern und versuchte, so unschuldig wie nur moglich auszuschauen. „Ein Soldner, nicht mehr und nicht weniger, Eure Majestat.“
„Aber nur als Nebenberuf, und weil es Euch Spa? macht. Und nun verratet mir, was Eure wirkliche Profession ist!“
Rods Gedanken uberschlugen sich. Er uberlegte sich mehrere Lugen, doch dann entschlo? er sich zu der simpelsten Antwort: „Meine Profession ist, Euer Leben zu schutzen, Majestat.“
„Tatsachlich!“ Catherines Augen wirkten spottisch. „Und wer hat Euch dazu ausgebildet? Wer halt so viel von mir, da? er Euch geschickt hat?“
Plotzlich sah Rod durch den Spott und die au?ere Harte. Es war alles nur eine Maske, ein Schild, hinter dem sich ein sehr verangstigtes, sehr einsames kleines Madchen verbarg, das sich nichts mehr wunschte, als jemandem vertrauen zu konnen. Aber sie hatte zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, als da? sie es wagte, uberhaupt noch jemandem zu trauen.
Er schaute ihr in die Augen mit seinem sanftesten, ehrlichsten Blick und sagte: „Ich habe keinen Herrn uber mir, meine Konigin. Ich selbst habe mich geschickt, aus Liebe zu Catherine, der Konigin, und Loyalitat gegenuber dem Land Gramayre.“
Etwas wie Verzweiflung flackerte in ihren Augen. Ihre Hande verkrampften sich in der Sessellehne. „Liebe!“ murmelte sie, doch schon glitzerte wieder der Spott aus ihrer Miene. „Ja, Liebe — fur Catherine, die Konigin.“ Sie schaute ins Feuer.
„Doch sei es, wie es mag. Ich glaube ehrlich, da? Ihr ein Freund seid, doch ich kann nicht sagen, wieso ich es wei?. Was fuhrte Euch heute abend ins Haus Clovis?“
Stimmt, auch das hatte sie gewu?t. Ob sie Gedanken lesen konnte? Er konzentrierte sich darauf, Gekab zu rufen und kratzte sich am Kinn, denn so wurde das Mikrophon den Laut aufnehmen. „Ja, Rod?“ fragte eine au?erhalb seines Kopfes unhorbare Stimme.
„Woher wi?t Ihr, da? ich dort war?“
Catherine widmete ihm einen verachtlichen Blick. „Nun, ich wu?te, da? Ihr mit Tuan Loguire gesprochen habt — und wo sonst, als im Haus Clovis?“
Und woher wu?te sie, da? er mit Tuan zusammengewesen war? Tuan — Loguire? Loguire! „Verzeiht, Majestat, sagtet Ihr tatsachlich Tuan Loguire? Ich dachte, sein Name sei — uh -
McReady.“
Catherine lachte. „O nein! Er ist der zweite Sohn des Hohen Lords Loguire. Wu?tet Ihr das denn nicht?“
Zweiter Sohn! Dann war Tuan selbst der Narr, den er als solchen bezeichnet hatte! Und sein alterer Bruder war der Mann, der einen „alten Groll gegen die Konigin“ hegte und der eine der Hauptbedrohungen fur den Thron war. „Nein“, murmelte Rod. „Das wu?te ich nicht.“ Gekabs Stimme murmelte: „Die Daten deuten auf das Vorhandensein eines ausgezeichneten Nachrichtendienstes hin.“ Rod stohnte innerlich. Roboter waren vielleicht eine Hilfe! Er starrte Catherine an: „Ihr sagtet, Ihr hattet keine Spione im Haus Clovis, und wenn anzunehmen ist, da? Ihr die Wahrheit sprecht, bedeutet das…“
Er lie? den Satz unbeendet. Gekab wurde schon fur den Rest sorgen. Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann summte es heftig hinter Rods Ohr, und schlie?lich klickte es. Rod fluchte lautlos. Wenn Catherine keine Spione hatte, konnte sie logischerweise nicht wissen, was sie wu?te. Er hatte damit also Gekab wieder einmal ein Paradoxon zu losen gegeben, und der Schaltkreis des Roboters war kurzgeschlossen. Epileptische Roboter konnten einem schon zur Verzweiflung bringen! Catherine funkelte ihn an. „Naturlich spreche ich die Wahrheit!“
„Das bezweifle ich auch nicht. Aber Ihr seid schlie?lich eine Herrscherin und so erzogen. Und gewi? war eine der ersten Lektionen, zu lugen, ohne eine Miene zu verziehen.“ Catherines Gesicht erstarrte. Sie beugte den Kopf und betrachtete ihre Hande. Als sie wieder hochschaute, waren ihre Zuge gespannt, und sie hatte die Maske abgelegt. Ihre Augen wirkten gequalt. „Wieder einmal trog meine Ahnung mich nicht“, murmelte sie. „Ihr versteht mehr als nur das Soldatenhandwerk, Rod Gallowglass!“
