nahe.“ „Selbst an den Polen?“
„Ab einer Entfernung von etwa hundertfunfzig Kilometern. Die Polklappen sind erstaunlich klein. Die sichtbare Fauna beschrankt sich auf Amphibien und eine Unzahl von Insekten. Es ist anzunehmen, da? die Gewasser reich an Fischen sind.“
Rod rieb sich das Kinn. „Hat ganz den Anschein, als befinde der Planet sich in einer ziemlich fruhen geologischen Entwicklungsstufe.“
„Steinkohlenzeit“, bestatigte der Roboter. „Und wie sieht es auf der gro?en Insel aus? Da sind wir doch gelandet, oder?“
„Richtig. Hier gibt es keine einheimische Flora und Fauna. Alle Lebensformen sind typisch fur die des spaten terranischen Pleistozans.“ „Wie spat?“
„Menschheitsgeschichtlich.“
Rod nickte. „Mit anderen Worten, eine Gruppe von Kolonisten kam hierher, eignete sich die Insel an, rottete die einheimische Flora und Fauna aus und siedelte terranische Tiere und Pflanzen an. Hast du eine Ahnung, weshalb sie ausgerechnet diese Insel auswahlten?“
„Sie ist gro? genug fur eine annehmbare Bevolkerungszahl, und klein genug, da? die Probleme der okologischen Angleichung minimal bleiben. Au?erdem liegt die Insel in einer polaren Meeresstromung, die die vorherrschende Temperatur etwas unterhalb des terranischen Mittelwerts senkt.“
„Sehr gunstig. Das erspart ihnen die Unannehmlichkeiten der Klimakontrolle. Irgendwelche Uberreste, die auf Stadte der Galaktischen Union hinweisen?“ „Keine, Rod.“
„Keine?“ Rods Augen weiteten sich vor Uberraschung. „Das pa?t aber so gar nicht recht ins Bild. Bist du sicher, Gekab?“ Das Entwicklungsmuster einer verlorenen oder abgeschnittenen Kolonie — also einer, die seit Jahrtausenden und mehr von der galaktischen Zivilisation getrennt war — unterschied drei deutlich gekennzeichnete Stadien. Erstens das der Grundung der Kolonie um eine moderne Stadt mit hochentwickelter Technologie. Zweitens, das Versagen der Kommunikationsmittel und so die Trennung von der galaktischen Kultur, gefolgt von einer Ubervolkerung der Stadt, die zu einer Massenauswanderung ins Land ringsum fuhrte und zu einer agrarischen Selbstversorgung. Und drittens, der Schwund und Verlust technologischer Kenntnisse, die in steigendem Ma?e von Aberglauben begleitet wurden. Dieser Aberglaube belegte schlie?lich auch die Dampfmaschinentechnologie mit einem Tabu und verbot sie. Die Gesellschaftsordnung erstarrte, und allmahlich entwickelte sich ein Kastensystem. Kleidung und Architektur wurden mit der Zeit zu Karikaturen der in der Galaktischen Union ublichen, wie beispielsweise kleine halbkugelformige Holzhauser den gewaltigen galaktischen, geodatischen
Kuppeln nachgeahmt wurden.
Doch immer blieben Ruinen der Stadt zuruck, die als standiges Symbol und Basis einer Mythologie galten.
„Bist du wirklich sicher, Gekab? Ganz und vollig sicher, da? nirgends Uberreste einer Stadt zu finden sind?“
„Ich bin immer sicher, Rod.“
„Hm, das stimmt.“ Rod zupfte an seiner Unterlippe.
„Manchmal irrst du dich zwar, aber von Zweifeln bleibst du verschont. Also legen wir die Sache mit der Stadt einstweilen ad acta. Vielleicht versank sie in einer Flutwelle. Wir wollen uns vorsichtshalber noch ein letztesmal vergewissern, da? die Lebensformen hier auch tatsachlich terranischen Ursprungs sind.“
Kopfuber tauchte Rod durch den Einmeterkreis der Schleuse.
Er schlug einen Purzelbaum und landete auf den Knien.
Bedachtsam holte er das Partisanenmesser aus seiner vom Gurtel hangenden Hulle.
Die Scheide war ein schlanker Kegel aus wei?em Metall mit einem kleinen Kopf an der Spitze. Rod zupfte mehrere Grashalme aus dem Boden, schob sie in die Scheide und drehte den Knopf. Der Miniaturempfanger, der in die Seiten eingebaut war, untersuchte das Gras mit Schallwellen, um seine Molekularstruktur zu analysieren, und ubermittelte die Daten an Gekab, der uberprufte, ob irgendwelche Molekule fur den menschlichen Metabolismus unvertraglich waren. Ware das Gras fur Rod giftig gewesen, hatte Gekab der Hulle ein Signal gesendet, woraufhin das wei?e Metall sich purpur verfarbt hatte.
Aber in diesem Fall blieb die Scheide silbern.
„Das ist der Beweis!“ erklarte Rod. „Es ist terranisches Gras, hochstwahrscheinlich von Terranern geflanzt, und das Ganze ist eine terranische Kolonie. Aber wo ist die Stadt?“
„Im Vorgebirge einer Bergkette im Norden befindet sich eine gro?e Stadt mit etwa drei?igtausend Einwohnern.“
„Hm…“ Rod rieb sich das Kinn. „Das ist zwar nicht, was ich mir vorgestellt hatte, aber doch besser als nichts. Wie sieht sie denn aus?“
„Sie liegt an den unteren Hangen eines ziemlich gro?en Berges, von dessen Kuppe sich ein Bauwerk erhebt, das an terranische Burgen des Mittelalters erinnert.“ „Des Mittelalters?“ Rod runzelte die Stirn. „Die Stadt selbst besteht aus mit Stukkatur verzierten Holzhausern, deren erster Stock uber die schmalen Stra?en — Gassen ware zutreffender — hinausragt.“ „Holz und Stukkatur!“ Rod stand auf. „Warte mal! Warte! Gekab, sag mal, erinnert diese Architektur dich an was?“ Der Roboter schwieg einen Augenblick, dann erwiderte er: „Nordeuropaische Renaissance.“
„Das“, murmelte Rod, „ist absolut nicht der typische Stil einer abgeschnittenen Kolonie. Wie sehr ahnelt diese Architektur terranischer Renaissance, Gekab?“
„Sie ist ihr bis ins letzte Detail angeglichen.“ „Also Absicht! Was ist mit der Burg? Ist sie auch Renaissance?“ Wieder schwieg der Roboter einen Moment. „Nein, Rod. Sie konnte eine genaue Kopie der im dreizehnten Jahrhundert in Deutschland ublichen Burgen sein.“
Rod nickte eifrig. „Wie sieht es mit der Mode aus?“ „Wir befinden uns augenblicklich auf der Nachtseite des Planeten, genau wie bei der Landung. Die drei Trabanten des Planeten sorgen zwar fur eine gute Beleuchtung, aber es sind verhaltnisma?ig wenige Personen unterwegs… Allerdings sehe ich einen kleinen Trupp Soldaten — Reiter — auf terranischen Pferden. Ihre Uniformen sind exakte Kopien der — uh — englischen Beefeaters, also der koniglichen Leibwache im Tower.“ „Sehr gut! Sonst noch jemand auf der Stra?e?“ „Hm… Ein paar Manner mit Umhangen uber engen Wamsern und Beinkleidern, glaube ich, und — ja, eine kleine Gruppe von Landleuten, die Kittel und Kniehosen mit auf der Brust uberkreuzten
Hosentragern anhaben…“
„Das reicht“, unterbrach ihn Rod. „Das ist ein Gemisch aus den verschiedensten Stilrichtungen. Jemand hat versucht, sich hier seine Vorstellung einer Idealweit aufzubauen. Gekab, hast du schon mal von den Emigranten gehort?“
Erneut schwieg der Roboter kurz, um sich in seine Datenbanke zu vertiefen, dann leierte er: „Gegen Ende des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts gab es zahllose Unzufriedene, die ihres Lebens uberdrussig wurden. Sie wandten sich in erster Linie dem Mystizismus zu, in zweiter der Fluchtliteratur und den Vergnugungen. Allmahlich wurde das Pseudomittelalter die vorherrschende Interessensbasis.
Schlie?lich legte eine Gruppe wohlhabender Burger ihr Vermogen zusammen. Sie erstanden einen ausrangierten Linienraumer, und verkundeten der Welt, sie seien die Romantischen Emigranten, die die Herrlichkeit des Mittelalters auf einem unbesiedelten Planeten neu aufleben lassen wollten. Sie erklarten sich auch bereit, eine beschrankte Zahl von Emigranten als Leibeigene und Kleinhandler mitzunehmen. Es meldeten sich weit mehr Interessenten, als auf dem Schiff untergebracht werden konnten. Und so wurden die Emigranten nach ihrer,Seelenpoesie' ausgewahlt — was immer das hei?t!“ „Es bedeutet, da? sie sich gern Schauermarchen anhorten“, erklarte Rodney. „Und wie ging es weiter?“ „Die Passagierliste war schnell zusammengestellt. Die dreizehn Bonzen, die die Vater der Expedition waren, gaben bekannt, da? sie ihre Nachnamen ablegen und dafur die Familiennamen gro?er Geschlechter des Mittelalters annehmen wurden, wie Bourbon, Medici, und so weiter.
Dann startete das Schiff ohne Bekanntgabe des Bestimmungsplaneten,um die Versuchung durch die materialistische Welt zu verhindern'. Es wurde nie wieder etwas von ihnen gehort.“
Rod lachelte grimmig. „Nun, ich glaube, wir haben sie jetzt entdeckt. Wie vereinbart sich das mit deinen Dioden?“ „Ganz gut, Rod. Tatsachlich ergibt eine statistische Analyse der Wahrscheinlichkeit, da? dies die Kolonie der Emigranten sein konnte, folgendes…“
„Nicht jetzt“, unterbrach ihn Rod hastig. Statistiken waren Gekabs Steckenpferd. Wenn man leichtsinnig
