„Zumindest ist mein Gehirn wieder klar“, erwiderte der Roboter, „und meine Basisprogrammierung hat sich um ein zusatzliches Konzept erweitert.“
„Oh!“ Rod spitzte die Lippen. „Meine Beobachtung stimmt also?“
„Allerdings. Sie fliegen tatsachlich!“
Die fliegende Meute schien sich wieder an den ursprunglichen Zweck ihres Ausflugs zu erinnern. Schreiend und lachend naherten sie sich erneut der Wiese. Sie hielten schwebend uber dem Kreis kahler Erde an, dann landeten sie, einer nach dem anderen, ringsum.
„Besteht wohl wenig Zweifel an dem Grund ihres Hierseins, hm?“ Rod hatte es sich im Schneidersitz auf dem Boden
bequem gemacht und lehnte mit dem Rucken an Gekabs Vorderbeinen. „Uns bleibt nichts anderes ubrig, als abzuwarten, nehme ich an.“ Er drehte den Stein seines Siegelrings um neunzig Grad und richtete ihn auf die kleine Versammlung. „Ubertrag es, Gekab.“
Der Siegelring diente nun als ein ungemein leistungsfahiges Richtmikrophon, das seine Aufnahmen durch Gekab in den Empfanger hinter Rods Ohr ubertrug.
Aber Rod verstand hochstens jedes zweite Wort, und so mu?te Gekab den Dolmetscher spielen. „Einer sagte:.Sollen wir es der Konigin melden? Und ein anderer antwortete;,Nein, sie wurde sich nur unnotig aufregen! „
Rod runzelte die Stirn. „Komisch, es ist Englisch, und doch komme ich nicht so ganz zurecht damit.“
„Es ist elisabethanisches Englisch, Rod.“
„Deshalb schickt DUFT immer einen Menschen mit einem Roboter! Die Sprache beweist also, da? dies die Emigrantenkolonie ist!“
„Ja, naturlich“, bestatigte Gekab ein wenig pikiert.
„Na, na, alter Symbiont, maul nicht. Ich wei?, da? du das Offensichtliche nicht fur meldenswert haltst. Aber wenn man offensichtliche Tatsachen ubersieht, fuhrt es leicht dazu, auch Geheimnisse, die offen vor einem liegen, zu ubersehen, richtig? Also, sie erwahnten eine Konigin. Demnach ist ihre Regierungsform eine Monarchie, wie wir vermuteten. Diese Halbwuchsigengruppe bezeichnete sich selbst als Zirkel, das bedeutet wahrscheinlich, da? sie sich fur Hexen halten… Wenn man ihre Fortbewegungsart in Betracht zieht, konnte es sogar stimmen. Aber….“
Er lie? das Aber eine Weile in der Luft hangen. Gekab schaute ihn fragend an.
„Sie zogen auch in Erwagung, der Konigin Meldung zu erstatten. Das la?t darauf schlie?en, da? sie bei ihr ein geneigtes Ohr finden. Soll das tatsachlich hei?en, da? Hexerei
von koniglicher Seite geduldet wird?“
„Nicht unbedingt“, meinte Gekab. „Ein hier vielleicht uberlege nswerter Prazedenzfall ware der des Konigs Saul und der Hexe von Endor…“
„Aber es besteht doch durchaus die Moglichkeit, da? sie Zutritt zum Hof haben.“
„Rod, ziehen Sie nicht voreilige Schlu?folgerungen?“ „Nein, ich habe nur eine brillante Vorstellungskraft.“ „Deshalb schickt DUFT immer einen Roboter mit einem Menschen!“ brummte Gekab.
„Gut gekontert! Aber wenn du richtig ubersetzt hast, sagten sie doch auch, da? es die Konigin nur unnotig aufregen wurde. Vielleicht ist sie uberhaupt schnell erregbar?“ „Vielleicht, ja.“
Plotzlich erklang Musik auf der Wiese — Dudelsacke spielten eine alte Zigeunerweise. Die jungen Leute tanzten auf der kahlen Stelle und etwa einen Meter daruber. „Bayerischer Volkstanz“, murmelte Gekab. „Eine zusammengestuckelte Kultur, aus dem Minderwertigsten, das die alte Erde zu bieten hatte.“ „Das ist ein sehr subjektives Urteil, Rod.“ Rod hob eine Braue. „Magst du vielleicht Dudelsackmusik?“ Er uberkreuzte die Arme, senkte den Kopf auf die Brust und uberlie? es Gekab, dem Nieschlafenden, alles Wichtige aufzunehmen.
Der Roboter horte und schaute der kleinen Gruppe etwa zwei Stunden zu, wahrend derer er geduldig die Daten verdaute. Als die Musik verstummte, setzte Gekab einen Huf auf Rods Hufte.
„Brrr!“ Rod schuttelte sich und war sofort hellwach, wie man es von einem Geheimagenten nicht anders erwartet. „Die Party ist zu Ende, Rod.“
Die Halbwuchsigen hupften in die Luft, um nordost-warts aufzubrechen.
Ein Besenstiel trennte sich von ihnen und scho? in rechtem Winkel mit einer wohlgeformten weiblichen Gestalt davon.
„Bleibt uns nicht wieder so lange fern, Gwendylon!“
„Randal, wenn du eine Maus warst, wurdest du bestimmt um einen Elefanten werben. Lebwohl und sieh zu, da? du kunftig Madchen hofierst, die nicht mehr als sechs Jahre alter sind als du.“
Der Besenstiel scho? geradewegs in Rods Richtung, hob sich uber die Baume, und war verschwunden.
„Mhm, ja!“ Rod leckte sich die Lippen. „Wirklich ein prachtig gebautes Madchen. Und so, wie sie redet, offenbar auch ein wenig alter als diese Kuken…“
„Ich hatte gedacht, Sie waren langst uber solch kleine Eroberungen hinaus, Rod.“
„Eine nette Umschreibung von dir, da? sie mich bestimmt nicht haben mochte! Naja, wenn ich auch nicht kaufen kann, so seh' ich mich doch gern um.“
Der Zirkel jugendlicher Hexen segelte uber den Horizont, und das frohliche Gelachter verlor sich allmahlich.
„Das ist also das.“ Rod stand auf. „Die Party ist zu Ende und wir sind nicht viel kluger als zuvor. Aber zumindest sind wir selbst noch ein Geheimnis. Keiner ahnt, da? unter diesem kahlen Erdfleck ein Raumschiff verborgen ist.“
„Stimmt nicht!“ widersprach ein helles Stimmchen kichernd.
Rod erstarrte, drehte den Kopf und ri? die Augen auf.
Zwischen den Wurzeln einer alten Eiche stand grinsend ein breitschultriger Mann von der beachtlichen Gro?e von drei?ig Zentimetern. Er trug Wams und enges Beinkleid in verschiedenen Braunschattierungen. Seine strahlend wei?en Zahne glanzten und sein Gesicht wies einen spitzbubischen Ausdruck auf.
„Dem Elfenkonig wird Eure Anwesenheit gemeldet werden, Lord Zauberer“, sagte der Kobold.
Rod sprang.
Aber der kleine Mann war bereits verschwunden.
Stumm blieb Rod stehen. Er lauschte dem Wind, der mit den Eichenblattern sauselte, und dem letzten Echo des Kicherns, das sich zwischen den Eichenwurzeln verlor.
„Gekab!“ sagte er. „Gekab, hast du das gesehen?“
Er erhielt keine Antwort. Stirnrunzelnd drehte er sich um.
„Gekab? Gekab!“
Der Kopf des Roboters baumelte wieder einmal zwischen den Vorderbeinen.
„Oh, zum Teufel!“
Eine drohnende Glocke kundete irgendwo in der gro?en, windschiefen Stadt — in die die jugendlichen Hexen, nach Rods und Gekabs Berechnungen ihrer Richtung und Geschwindigkeit, geflogen sein mu?ten — die neunte Stunde.
Aufgrund der Bemerkung uber die Konigin hatte Rod gehofft, hier die Hauptstadt der Insel zu finden.
„Na ja, es war eine reine Vermutung“, entschuldigte sich Rod bei dem Roboter.
„Naturlich“, brummte Gekab. Darauf folgte etwas, das man fur einen geduldigen Seufzer halten konnte.
„Solange wir noch Zeit haben, welchen Namen wurdest du in dieser Kultur fur mich vorschlagen?“
„Warum nicht Rodney d'Armand VII.? Hier ist einer der wenigen Falle, wo Ihr echter Name durchaus passend ist.“
Rod schuttelte den Kopf. „Zu angeberisch. Meine Vorfahren konnten einfach von ihren aristokratischen Neigungen nicht loskommen.“
„Sie waren ja auch Aristokraten, Rod.“
„Ja, aber alle anderen auf dem Planeten ebenfalls, au?er den Robotern. Und sie gehorten schon so lange zur Familie, da? ihnen das Recht auf einige Ehrungen ebenfalls zustand.“
„Es war Ehre genug…“
„Spater“, unterbrach Rod ihn hastig. Gekab hatte seine Standardpredigt uber die noblesse oblige Tradition der
Maximaroboter, die er nur zu gern hielt, sobald man ihm die geringste Gelegenheit dazu gab. „Wir haben immer noch das Namensproblem“, erinnerte er Gekab.
