„Wenn Sie meinen“, brummte der Roboter ein wenig verargert. „Soldner, wieder einmal?“
„Ja, das gibt mir einen guten Vorwand, weit herumzukommen.“
„Sie konnten sich als wandernder Minnesanger ausgeben.“ Rod schuttelte den Kopf. „Minnesanger mussen immer mit den allerletzten Neuigkeiten vertraut sein. Aber es ware vielleicht keine schlechte Idee, mir eine Harfe zu besorgen — vor allem, wenn das Regierungs oberhaupt eine Frau ist. Lieder finden auch dort Einla?, wo Schwerter es nicht konnen…“ „Es ist jedesmal das gleiche… Wie gefallt Ihnen,Gallowglass'? Das war die irische Bezeichnung fur Soldner.“ „Gallowglass…“ Rod rollte das Wort auf seiner Zunge. „Nicht schlecht. Es hat Esprit.“ „Genau wie Sie!“
„Tausche ich mich, oder klang es wirklich ironisch? Aber es ist tatsachlich ein gutes, solides Wort — und man kann es wirklich nicht als schon bezeichnen…“
„Darum pa?t es ja so gut zu Ihnen“, murmelte der Roboter. „Ja, ich wurde sagen, der Name ist genau richtig. Rod Gallowglass. Brrrl“
Rod zerrte am Zugel und runzelte die Stirn. Von irgendwo geradeaus vor ihnen erklang das gedampfte Gemurmel einer Menschenmenge.
„Was das wohl zu bedeuten hat?“ „Rod, darf ich Ihnen zu Vorsicht raten?“ „Keine schlechte Idee. Lauf weiter, aber so leise wie moglich. Achte auf deine Hufe, bitte.“ Gekab trottete durch die schmale, mondhelle Stra?e und hielt sich so dicht es ging im Schatten der verwitterten Hausermauern. An einer Ecke blieb er stehen und schob seinen Pferdeschadel vorsichtig vor. „Was siehst du?“
„Einen Mob.“
„Gro?artige Beobachtungsgabe, Dr. Watson. Noch etwas?“ „Fackellicht und einen jungen Mann, der auf eine Plattform klettert. Wenn Sie mir den Vergleich verzeihen, Rod, es hat viel Ahnlichkeit mit einer Ihrer Studentenkundgebungen.“ „Genau das ist es auch vielleicht.“ Rod schwang sich aus dem Sattel. „Du bleibst hier, alter Freund. Ich gehe mal kundschaften.“
Im stolzen Marschschritt des Soldaten und mit der Hand um den Rapierknauf trat er um die Ecke. Sein erster Eindruck war, da? es sich hier um ein Treffen der Vagabundenunion handeln mu?te. Kein einziges ungeflicktes Wams war zu sehen. Er rumpfte die Nase. Seife und Wasser schienen hier verdammt selten zu sein. Was fur eine Meute!
Der Versammlungsort war ein riesiger freier Platz mit einem Flu? und Hafenanlagen, wo holzerne Schiffe vertaut lagen, an einer Seite. An den anderen drei befanden sich armselige Wohnhauser, Laden mit See- mansbedarf und ahnlichem, und Lagerhauser. Alle Gebaude waren teilweise aus Holz, und bei samtlichen war das erste Stockwerk uberstehend. Der brullende, drangende Mob fullte den gesamten Platz, dem brennende, knisternde Nadelholzzweige ein damonisches Licht verliehen.
Ein naherer Blick auf die Menge offenbarte Augenklappen, verkummerte Gliedma?en, ohrenlose Kopfe — ein auffallender Gegensatz zu der Gestalt, die auf der provisorischen Plattform stand. Es handelte sich bei ihr um einen breitschultrigen, blonden jungen Mann. Sein Gesicht war sauber und ungezeichnet, mit einer Stupsnase und blauen Augen. Es war ein rundes, fast unschuldig wirkendes Gesicht, offen und ehrlich, erfullt von der Uberzeugung eines Mannes, der an seine Mission glaubt. Sein Wams und seine Hose waren erstaunlich sauber, und aus gutem Stoff ma?geschneidert. Ein Schwert hing von seiner Seite.
„Ein Bursche aus gutem Haus“, murmelte Rod. „Was, bei den sieben Hollen, macht er unter diesem Lumpenpack?“
Der Jungling hob die Arme. Die Menge brullte und hielt die brennenden Zweige hoher, um ihm zu leuchten „Welche Schultern tragen die schwerste Last?“ schrie der junge Mann.
„Unsere!“ brullte die Menge.
„Wessen Hande sind narbig und schwielig von hartester Plackerei?“
„Unsere!“
„Wer hat all den Reichtum ermoglicht, den die Adeligen zum Fenster hinauswerfen?“
„Wir!“
„Wer hat ihre hohen Burgen aus Granit erbaut?“
„Wir!“
„Habt ihr euch nicht einen Teil ihres Reichtums und Luxus verdient?“
„Das haben wir!“
„Schon allein in einer einzigen Bucht liegen genug Schatze, um jeden von euch zum Konig zu machen!“
Der Mob tobte.
„Horst du alles, Gekab?“
„Ja, Rod. Konnte eine Mischung von Karl Marx und Huey Long sein.“
„Ungewohnliche Synthese, und doch nicht so ungewohnlich, wenn man es genauer betrachtet.“
„Es sind eure Schatze, es ist euer Reichtum!“ schrie der Jungling. „Ihr habt ein Recht darauf!“
Wieder tobte die Meute.
„Und bekommt ihr, was man euch schuldig ist?“
Plotzlich wurde der Mob still. Ein beunruhigendes Gemurmel breitete sich aus.
„Nein!“ brullte der junge Mann. „Deshalb mu?t ihr es verlangen, es steht euch rechtma?ig zu!“
Er warf die Arme hoch. „Die Konigin hat euch Brot und Wein gegeben, als Hungersnot herrschte, genau wie sie den Hexen, die sie beherbergt, Fleisch und Wein gewahrt.“ Totenstille senkte sich fur eine Weile uber die Menge. Dann verbreitete sich ein Flustern. „Die Hexen! Die Hexen!“ „Ja!“ brullte der Redner. „Selbst den Hexen, den Ausgesto?enen, den Geachteten. Wie viel mehr wird sie dann euch gewahren, die ihr so viel auf euch genommen habt? Sie wird euch geben, was euch zusteht!“ Die Menge brullte.
„Wohin werdet ihr gehen?“ schrie der junge Demosthenes. „Zur Burg!“ rief einer, und andere nahmen seinen Ruf auf. „Zur Burg! Zur Burg!“ Es wurde zum rhythmischen Singsang. „Zur Burg!“
Ein hoher, heulender Laut schrillte durch die Luft. Der Mob verstummte. Eine hagere, verkruppelte Gestalt hinkte zum Rand eines Lagerhausdachs und rief uber den Platz: „Soldaten! Eine Kompanie oder mehr!“
„Zieht euch durch die Gassen und uber die Kais zuruck!“ befahl der junge Mann. „Wir treffen uns in einer Stunde im HausClovis!“
Zu Rods Staunen verhielt die Menge sich vollig ruhig. Sie verlor sich, ohne zu drangen und ohne da? Panik ausbrach, durch die Gassen.
Rod druckte sich in einen Hauseingang und sah zu, wie die brennenden Zweige geloscht wurden. Dutzende um Dutzende von Bettlern rannten leise an ihm vorbei und wurden von den Nebenstra?en und Gassen verschluckt.
Der Platz leerte sich. In der plotzlichen Stille horte Rod naherkommendes Hufgedrohn. Hastig kehrte er zu Gekab zuruck und schwang sich in den Sattel. „Schnell und leise in einen besseren Stadtteil!“ befahl er dem Roboter. Gekab konnte mehrere Zentimeter dicke Gummipolster fur seine Hufe ausfahren, wenn Lautlosigkeit erforderlich war. Er
hatte auch die Luftaufnahmen der Stadt studiert und jede Einzelheit im Gedachtnis behalten. Ein Roboterpferd hat schon seine Vorteile.
Sie flohen durch die Stadt in ein Viertel mit besser gebauten und erhaltenen Hausern. „Was haltst du von der ganzen Sache, Gekab?“
„Eine totalitare Bewegung. Ein Machthungriger, der das Lumpenpack anfuhrt, um der Regierung Bedingungen zu stellen, die sie nicht akzeptieren kann. Die Weigerung der Krone wird den Mob zur Gewalttatigkeit anstacheln, und schon kommt es zur Revolution.“
„Konnte es nicht vielleicht lediglich ein ehrgeiziger Adeliger sein, der den Thron an sich rei?en mochte?“
„Usurpation verlangt die Unterstutzung der oberen Klassen, Rod. Nein, das ist eine proletarische Revolution — ein Praludium zu einer totalitaren Regierungsform.“
Rod spitzte die Lippen. „Glaubst du, da? vielleicht eine hoher entwickelte Gesellschaft von au?erhalb des Planeten ihre Hand im Spiel hat? Ich meine, in dieser Art von Kultur findet man doch normalerweise keine proletarische Revolution, oder?“
„Selten, Rod, und wenn es dazu kommt, ist die Propaganda rudimentar, sie wurde in einer mittelalterlichen Gesellschaft nie auf die Grundrechte hinweisen. Dieses Konzept ist einer solchen Kultur absolut fremd. Die Wahrscheinlichkeit einer Einmischung ist gro?…“
Rod zog die Lippen zu einem wilden Grinsen zuruck.
