Umwandlung harter Strahlung lebten.
Zusatzlich zu den Patienten, deren Anzahl und physiologische Klassifikationen sich standig veranderten, gab es medizinisches sowie Wartungspersonal, das sich aus mehr als sechzig verschiedenen Lebensformen mit ebenso vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen, Korpergeruchen und Lebensanschauungen zusammensetzte.
Die Mitarbeiter des Hospitals konnten sich ruhmen, da? fur sie kein Fall zu gro?, zu klein oder zu hoffnungslos war, und ihr fachliches Konnen und ihre tatkraftige Unterstutzung stand in der gesamten Galaxis hoch im Kurs.
Das hochqualifizierte Personal des Orbit Hospitals erledigte seine Arbeit zwar mit viel Engagement, war aber nicht immer ganz ernsthaft bei der Sache, und Chefarzt Doktor Conway konnte sich nicht von dem Gedanken befreien, da? ihm jemand bei dieser Gelegenheit einen heimtuckischen Streich spielen wollte.
„Selbst jetzt, wo ich es sehe, kann ich es noch nicht recht glauben“, sagte er.
Pathologin Murchison, die neben ihm stand, starrte kommentarlos auf das Bild der Torrance und ihres Schleppguts.
Leicht zitternd haftete Dr. Prilicla mit seinen sechs zerbrechlichen Beinen, die an der Spitze mit Saugnapfen versehen waren, an der Decke des Kontrollraums und sagte: „Immerhin konnte sich das als eine interessante berufliche Herausforderung erweisen, mein Freund.“
Die rollenden Schnalzlaute seiner melodischen cinrusskischen Sprache wurden zunachst von Conways Translator empfangen, dann zum gewaltigen Ubersetzungscomputer im Zentrum des Hospitals ubertragen und schlie?lich ohne merkbare Verzogerung als klang- und emotionsloses Terranisch wieder zu seinem Kopfhorer zuruckgesendet. Wie nicht anders zu erwarten war, fiel seine Entgegnung freundlich, hoflich und jeden Streit vermeidend aus.
Prilicla war ein sechsbeiniges, insektenartiges Wesen mit einem Ektoskelett und zwei schillernden, nicht ganz verkummerten Flugelpaaren.
Diese Wesen besa?en hochentwickelte empathische Fahigkeiten. Nur auf seinem Heimatplaneten Cinruss, auf dem weniger als ein Achtel der Erdanziehungskraft herrschte, hatte eine Insektenspezies zu solcher Gro?e heranwachsen und mit der Zeit Intelligenz und eine fortschrittliche Zivilisation entwickeln konnen. Im Orbit Hospital allerdings befand sich Prilicla den gro?ten Teil seines Arbeitstags in echter Todesgefahr.
Au?erhalb seiner Unterkunft mu?te er uberall Schwerkraftneutralisatoren, sogenannte G-Gurtel, tragen, weil er unter dem Druck der Anziehungskraft, den die Mehrheit seiner Kollegen fur normal hielt, regelrecht zermalmt worden ware. Und wenn sich Prilicla mit irgend jemandem unterhielt, begab er sich sofort au?er Reichweite seines Gegenubers, denn schon durch eine einzige gedankenlose Bewegung eines Arms oder Tentakels seines Gesprachspartners hatte ihm ein Bein abgerissen oder gar sein ganzer zerbrechlicher Korper zerstort werden konnen.
Naturlich wollte niemand im Krankenhaus Prilicla auf irgendeine Weise mutwillig verletzen, denn dazu war er bei allen viel zu beliebt. Durch seine empathischen Fahigkeiten war der kleine Cinrussker dazu gezwungen, zu allen freundlich zu sein und stets die passenden Worte zu finden, um die emotionale Ausstrahlung der Wesen in seiner naheren Umgebung fur sich selbst so angenehm wie moglich zu gestalten.
Ganz anders verhielt es sich, wenn ihn seine dienstlichen Pflichten dazu zwangen, sich Schmerzempfindungen und heftigen Emotionen eines Patienten auszusetzen, und eine solche Situation konnte innerhalb der nachsten Minuten auftreten.
Conway drehte sich plotzlich zu Prilicla um und sagte: „Sie konnen Ihren leichten Schutzanzug tragen, aber halten Sie sich so lange von dem Wesen fern, bis wir Ihnen sagen, da? von ihm keine Gefahr ausgeht, sei es durch eine bewu?te oder unbewu?te Bewegung dieser Kreatur. Wir selbst sollten die schweren Anzuge anlegen, und zwar in erster Linie, weil sie einfach mehr Haken haben, an die wir unsere Diagnoseausrustung hangen konnen.
Ich werde den Arzt der Torrance bitten, das gleiche zu tun.“
Eine halbe Stunde spater schwebten Schiffsarzt Brenner, Murchison und Conway neben der Gestalt des gewaltigen Vogels, wahrend Prilicla, der eine transparente Plastikblase trug, durch die allein sein knocherner Unterkiefer und seine Beine hervorragten, neben der Schleuse ihres Rettungsschiffs trieb.
„Keine feststellbare emotionale Ausstrahlung, mein Freund“, berichtete der Empath.
„Das wundert mich nicht“, warf Murchison ein.
„Das Wesen konnte tot sein. Aber als wir es gefunden haben, lag die Korpertemperatur noch weit me?bar uber dem durchschnittlichen Wert eines Korpers, der lebendig ist, es sei denn, sie waren zufallig von der schwarzen Substanz uberzogen.
Die schwarze Substanz hielt auch chemischen Einwirkungen stand, allerdings nicht die Schalenstucke. Wenn man diese Splitter verschiedenen atmospharischen Bedingungen aussetzte, schienen die Ergebnisse darauf hinzudeuten, da? sie nicht unter exotischen Lebensbedingungen entstanden sind — also nicht in Atmospharen, die auf Methan, Ammoniak oder gar Chlor basieren. Die chemische Zusammensetzung der Stucke weist als Hauptbestandteil Kohlenwasserstoff aus, und sie reagieren auch nicht, wenn sie kurzzeitig einem sauerstoffreichen Gemisch ausgesetzt werden.“
„Erzahlen Sie mir bitte die genauen Einzelheiten der Tests, die Sie durchgefuhrt haben“, bat Murchison, die plotzlich sehr sachlich und ungemein hoflich klang, obwohl der Lieutenant das gar nicht bemerkte.
Conway gab Prilicla ein Zeichen naherzukommen, um die hauptberufliche Pathologin und den Amateurpathologen ihr Gesprach allein weiterfuhren zu lassen.
„Ich glaube nicht, da? sich der Patient bewegen kann“, sagte er zu Prilicla. „Ich wei? nicht einmal, ob er lebt. Lebt er?“
Priliclas Glieder zitterten, als er sich wappnete, eine verneinende Antwort zu geben, wobei er sogar ein ganz klein wenig unangenehm wurde. „Das ist eine irrefuhrende Frage, mein Freund“, entgegnete er. „Alles, was ich sagen kann, ist, da? er nicht ganz tot zu sein scheint.“
„Aber Sie konnen doch auch die emotionale Ausstrahlung eines schlafenden oder in tiefer Bewu?tlosigkeit befindlichen Gehirns wahrnehmen“, erwiderte Conway unglaubig. „Strahlt der Patient denn uberhaupt keine Emotionen aus?“
„Nur in sehr geringen Ma?en, mein Freund“, antwortete der noch immer zitternde Cinrussker, „aber sie sind zu schwach, als da? ich sie identifizieren konnte.
Der Patient ist sich seiner selbst nicht bewu?t, und die kaum wahrzunehmenden Ausstrahlungen stammen nicht aus dem Schadelraum, sondern scheinen vielmehr vom gesamten Korper auszugehen. Einen solchen Eindruck hab ich noch nie gehabt, deshalb kann ich nicht einmal Vermutungen anstellen, da mir ausreichende Informationen oder Erfahrungen fehlen.“
„Wie ich Sie kenne, werden Sie selbstverstandlich trotzdem Mutma?ungen anstellen“, bemerkte Conway lachelnd.
„Naturlich“, entgegnete Prilicla. „Es ware moglich, die emotionale Ausstrahlung, die ich von der Hautoberflache her bis in einigem Abstand darunter wahrnehmen kann, vielleicht damit zu erklaren, da? sich das Wesen in tiefer Bewu?tlosigkeit befindet, wahrend gleichzeitig seine Nervenenden unaufhorlich von heftigen Schmerzen stimuliert werden.“
„Aber das wurde bedeuten, Sie nehmen nur das an der Peripherie befindliche Nervengeflecht wahr, nicht aber das Gehirn“, sagte Conway.
„Das ware ungewohnlich.“
„Hochst ungewohnlich sogar, mein Freund“, erwiderte der Empath.
„Das fragliche Gehirn mu ste von wichtigen Nervenstragen abgetrennt worden sein oder einen schwerwiegenden strukturellen Schaden erlitten haben.“
Kurz gesagt, dachte Conway, haben wir es wahrscheinlich mit einem Patienten zu tun, den irgend jemand langst aufgegeben hat.
Murchison und Brenner entnahmen nicht nur Proben aus dem Innern des Korpers, wobei sie einen sterilen Bohrer benutzten, sondern sammelten und kennzeichneten auch Spane von der Schale und der schwarzen Substanz, von denen der Patient uberzogen war — richtiger gesagt, Murchison entnahm die Proben, wahrend der Lieutenant die winzigen Offnungen, die der Bohrer hinterlie?, wieder verschlo?. Conway kehrte mit Prilicla zum Rettungsschiff zuruck, um die Unterkunft fur den Patienten herzurichten, soweit dies aufgrund ihres begrenzten Wissens uber dessen Erfordernisse moglich war — ein leergeraumtes Zimmer, gro? genug, da? das Wesen hineinpa?te, mit Vorkehrungen, um es notfalls bandigen zu konnen, und mit einer auf Sauerstoff basierenden Atmosphare. Kurz darauf kamen auch Murchison und Brenner wieder an Bord.
