Brenner bekam nun zum erstenmal den leibhaftigen Inhalt des Raumanzugs der Pathologin zu sehen, und Prilicla begann sichtlich zu zittern.
Wenn sie nicht gerade von einem schweren Anzug mit einem eingepa?ten, undurchsichtigen Sonnenfilter im Visier verdeckt war, dann wies die Pathologin Murchison eine Kombination physiologischer Merkmale auf, die es jedem mannlichen terrestrischen Mitglied des Personals unmoglich machte, bei ihrem Anblick eine Haltung zu bewahren, die auch nur entfernt an kuhle Gelassenheit erinnerte. Schlie?lich gelang es dem Lieutenant, seinen Blick von ihr abzuwenden, und er bemerkte Priliclas Zittern.
„Stimmt irgend etwas nicht, Doktor?“ fragte er mit besorgtem Blick.
„Ganz im Gegenteil, Freund Brenner“, antwortete der Empath, der immer noch heftig zitterte. „Eine solche unfreiwillige Korperaktivitat meinerseits ist lediglich die Reaktion meiner Spezies auf die gro?e Nahe einer starken, aber nicht unangenehmen emotionalen Strahlungsquelle, die normalerweise mit dem biologischen Drang sich zu paaren in Verbindung gebracht wird…“
Der Cinrussker brach ab und horte auf zu zittern, denn das plotzlich rot leuchtende Gesicht des Schiffsarztes stand in einem ausgesprochen unharmonischen Gegensatz zu seiner grunen Uniform, und Prilicla spurte seine Verlegenheit.
Murchison lachelte mitfuhlend und sagte: „Vielleicht sind ja auch meine emotionalen Ausstrahlungen der Grund fur Priliclas Zittern, Lieutenant Brenner. Ich empfinde namlich gro?e Freude daruber, da? mir Ihre vorausgegangenen Tests und Schlu?folgerungen fast vier Stunden Arbeit in einem sehr lastigen Raumanzug erspart haben. Oder stimmt das etwa nicht, Doktor Prilicla?“
„Aber sicher doch“, antwortete der Empath, dem das Lugen im Blut lag, solange es irgend jemanden, besonders ihn selbst, glucklich machte.
„Wissen Sie, Empathie ist nicht annahernd so exakt wie Telepathie, und Fehler dieser Art treten recht haufig auf.“
Conway rausperte sich und sagte: „Sobald wir den Patienten in einem luftleeren Schleusen- und Lagerraum auf Ebene einhundertdrei untergebracht haben, werden wir uns mit O'Mara zusammensetzen. Ich hab ihn bereits informiert. Wir werden den Traktorstrahl des Rettungsschiffs benutzen, um den Patienten in das Hospital zu uberfuhren. Wenn Sie also an Bord der Torrance gebraucht werden, Lieutenant, dann konnen Sie jetzt…“
Brenner schuttelte den Kopf. „Der Captain wurde hier gerne noch einige Zeit verbringen, und mir geht es genauso, wenn ich Ihnen nicht im Weg bin.
Es ist das erstemal, da? ich das Orbit Hospital besuche. Sind unter dem medizinischen Personal eigentlich noch… ehm… einige andere Menschen?“
Wenn Sie solche Menschen wie Murchison meinen, lautet die Antwort nein, dachte Conway etwas selbstgefallig. Laut sagte er: „Wir wurden Ihre Hilfe naturlich begru?en. Aber Sie wissen ja gar nicht, worauf Sie sich da einlassen, Lieutenant. Au?erdem fragen Sie andauernd nach Menschen im Mitarbeiterstab. Sind Sie vielleicht fremdenfeindlich eingestellt, wenn auch nur ein wenig? Fuhlen Sie sich in der Nahe von Extraterrestriern unwohl?“
„Bestimmt nicht“, antwortete Brenner mit Nachdruck und fugte dann hinzu: „Naturlich wurde ich keinen davon heiraten wollen.“
Prilicla begann wieder mit dem leichten Zittern. Die rollenden Schnalzlaute in der melodischen Sprache des Cinrusskers bildeten eine angenehm klingende Hintergrundmelodie zu seiner ubersetzten Stimme, als er sagte: „Aus der plotzlichen Flut angenehmer emotionaler Ausstrahlungen, fur die ich in der gegenwartigen Situation und der eben erfolgten Unterhaltung keinen ersichtlichen Grund entdecken kann, entnehme ich, da? jemand von Ihnen das gemacht hat, was Menschen einen Witz nennen.“
Auf Ebene einhundertdrei verabschiedete sich Prilicla, um auf seinen Stationen nach dem Rechten zu sehen, wahrend die anderen den Transport des gro?en Vogels mit den steifen Flugeln in den Lagerraum uberwachten.
Die pfeilformigen, teilweise angewinkelten Flugel und der starr gereckte Hals erinnerten Conway an eins der altertumlichen Spaceshuttles. Seine Gedanken schweiften plotzlich ab; er hatte einen interessanten, aber etwas lacherlich anmutenden Geistesblitz, und er mu?te sich daran erinnern, da? Vogel im All nicht fliegen konnen.
Obwohl Murchison den Patienten unter einem Ge kunstlicher Schwerkraft bereits ruhiggestellt hatte, brauchte sie weitere drei Stunden, bevor sie alle benotigten Proben und Rontgenaufnahmen beisammen hatte.
Ein Teil der Verzogerung entstand, weil alle Beteiligten in Druckanzugen arbeiten mu?ten — wie Murchison es ausgedruckt hatte, wurde nur ein geringes Risiko darin bestehen, den Patienten noch einige weitere Stunden unter luftleeren Bedingungen zu beobachten, bis sie seine atmospharischen Bedurfnisse exakt bestimmt hatten, andernfalls wurde es namlich unter Umstanden darauf hinauslaufen, nur noch seinen Verwesungsproze? beobachten zu konnen.
Doch mit jeder verstreichenden Minute wuchsen ihre Kenntnisse uber den Patienten, und die Testresultate, die direkt aus der Pathologie zu dem portablen Kommunikator neben ihnen ubermittelt wurden, waren nicht nur aufschlu?reich, sondern auch au?erst verbluffend. Conway hatte bereits jegliches Zeitgefuhl verloren, als der fest installierte Kommunikator ertonte und um ihre Aufmerksamkeit bat. Gleich darauf wurden sie von Major O'Maras Gesicht aus dem Bildschirm heraus finster angeblickt.
„Conway, Sie hatten mit mir vereinbart, vor siebeneinhalb Minuten bei mir zu sein“, sagte der Chefpsychologe. „Zweifellos wollten Sie sich gerade auf den Weg machen, nicht wahr?“
„Tut mir leid, Sir“, entgegnete Conway, „aber die Voruntersuchung dauert langer, als ich vermutet hab, und ich mochte etwas Greifbares zu berichten haben, bevor ich mich mit Ihnen treffe.“
Ein schwaches Rauschen war zu vernehmen, als O'Mara schwer durch die Nase atmete. Im Gesicht des Chefpsychologen konnte man ungefahr so gut lesen wie in einem verwitterten Stuck Basalt — mit dem es sogar in mancherlei Hinsicht eine gewisse Ahnlichkeit aufwies —, doch seine Augen enthullten einen so scharf analytischen Verstand, da? der Major das besa?, was man fast als telepathische Fahigkeiten bezeichnen konnte.
Als Chefpsychologe eines Hospitals mit vielfaltigen Umweltbedingungen war er fur das geistige Wohlbefinden eines Mitarbeiterstabs verantwortlich, der sich aus mehreren tausend Wesen zusammensetzte, die wiederum mehr als sechzig verschiedenen Spezies angehorten. Obwohl er innerhalb des Monitorkorps nur den Rang eines Majors bekleidete, waren seine Machtbefugnisse innerhalb des Hospitals nur schwer einzugrenzen. Fur ihn waren die Mitarbeiter die eigentlichen Patienten, und eine seiner Aufgaben war es, sicherzustellen, da? jedem einzelnen Patienten der fur ihn geeignete Arzt zugeteilt wurde, sei er nun Terrestrier oder Extraterrestrier.
Selbst wenn man au?erste Toleranz und gegenseitigen Respekt beim Personal voraussetzte, gab es doch noch Anlasse genug zu Reibereien.
Potentiell gefahrliche Situationen entstanden in erster Linie durch Unwissenheit und Mi?verstandnisse, aber auch wenn ein Wesen eine neurotische Xenophobie entwickelte, die seine geistige Stabilitat oder Leistungsfahigkeit oder beides zusammen beeintrachtigte. Ein Arzt von der Erde zum Beispiel, der eine unbewu?te Angst vor Spinnen hatte, wurde einem cinrusskischen Patienten niemals eine angemessene klinische Versorgung zuteil werden lassen konnen, die zu seiner Behandlung notwendig ware. Und wenn jemand wie Prilicla solch einen terrestrischen Patienten zu behandeln hatte, dann… Ein gro?er Teil seiner Arbeit bestand darin, solche Streitigkeiten innerhalb des medizinischen Stabs rechtzeitig zu entdecken und auszuraumen, wahrend andere Mitglieder seiner Abteilung dafur sorgten, da? sich das Problem nicht so weit auswuchs, da? Patienten davon betroffen wurden. Nach O'Maras eigenen Angaben war das hohe Niveau der psychischen Stabilitat innerhalb des bunten Haufens der haufig hochsensiblen Mitarbeiter allein darauf zuruckzufuhren, da? sie schlichtweg viel zuviel Angst vor ihm hatten, um durchzudrehen.
Mit leicht sarkastischem Unterton erwiderte er nun: „Doktor Conway, ich gebe uneingeschrankt zu, da? dieser Patient selbst fur Ihre Ma?stabe ungewohnlich ist, aber Sie mussen doch wenigstens ein paar simple Tatsachen uber ihn und seinen Zustand herausgefunden haben. Lebt er? Ist er krank oder verletzt? Besitzt er Intelligenz? Oder verplempern Sie Ihre Zeit nur an einem etwas zu gro? geratenen Truthahn, der im All tiefgefroren wurde?“
Conway uberhorte O'Maras bissige Randbemerkungen und versuchte, nur die ernst gemeinten Fragen zu beantworten, als er erwiderte: „Der Patient lebt zwar noch, allerdings nur noch sehr schwach. Aber allen Anzeichen nach ist er nicht nur krank — die genaue Natur der Erkrankung ist uns bislang noch unbekannt —, sondern leidet auch an einer schweren Verletzung. Namlich an einem Durchschu? durch den unteren Halsabschnitt und den oberen Brustbereich, der durch ein gro?es Hochgeschwindigkeitsprojektil oder einen stark gebundelten Hitzestrahl hervorgerufen worden sein konnte. Der Ein- und der Ausschu? sind durch die schwarze Bespannung oder den Uberwuchs um den Korper — wir wissen noch nicht, was von beidem zutrifft — verschlossen. Was die Moglichkeit
