Kapitel 7
Das Wetter hatte sich erneut mit der verwirrenden Schnelligkeit geandert, die fur die Inseln und Halbinseln des Sudwestens von Muman typisch ist. Der Himmel zeigte ein klares, fast durchsichtiges Blau, und die Sonne schien mit einer Warme wie an einem der letzten Tage des Sommers und nicht wie im Spatherbst. Von den Sturmen war nur eine Seebrise ubriggeblieben, die boig, aber nicht heftig wehte. Die See war nicht ganz still, sondern kabbelig und unruhig, und sie lie? die Schiffe, die in der Bucht von Ros Ailithir vor Anker lagen, ab und zu an den Tauen zerren. Mowen beherrschten den Himmel, doch dazwischen zogen auch gro?e dunkle Kormorane ihre Kreise und stie?en herab im Kampf um die gro?ten Fische, begleitet von den klagenden oder zornigen Schreien ihrer Artgenossen. Einige wei?bauchige Sturmschwalben, die das Unwetter auf das Meer hinausgetrieben hatte, kehrten zur Kuste zuruck.
Fidelma hockte auf der dicken Steinmauer des Klosters, die einen Umgang wie eine Brustwehr hatte. Sie schaute nachdenklich hinab auf die Bucht. Dort lagen ein paar Fischerboote, einige Kustensegler und ein hochseefahiges Schiff fur den Handel mit Britannien oder Gallien. Sie hatte gehort, es sei ein frankisches Handelsschiff. Doch ihr Interesse galt dem Kriegsschiff des Konigs von Laigin, das bedrohlich nahe am Eingang zur Bucht ankerte.
Fidelma sa? schon lange auf der Mauer und musterte das Schiff. Sie fragte sich, was Fianamail, der junge Konig von Laigin, mit dieser Geste erreichen wollte. Muman einschuchtern? Sie sah darin, da? er Osraige als Suhnepreis forderte, lediglich ein politisches Manover zur Ruckgewinnung verlorenen Landes, und zwar ein ziemlich unverfrorenes. Es wurde doch wohl keiner glauben, da? der Tod des Ehrwurdigen Dacan, auch wenn er ein Vetter des Konigs von Laigin war, die Ruckgabe eines Gebietes unumganglich machte, das uber funfhundert Jahre zu Cashel gehort hatte. Sollte Fianamail deswegen wirklich mit Krieg drohen?
Sie schaute hinab auf das flatternde Seidenbanner der Konige von Laigin, das stolz in der Seebrise wehte, die um den Mast strich. Auf dem Deck ubten sich mehrere Krieger im Gebrauch ihrer Waffen, was wohl eher dazu angetan war, auf die Beobachter an Land Eindruck zu machen, als zur Ertuchtigung der Krieger aus Laigin.
Fidelma wunschte, sie hatte sich mehr mit dem Abschnitt des Buches von Acaill - des gro?en Gesetzeswerkes - befa?t, der sich speziell auf die
Vom Turm her erklang die Glocke, die die Terz verkundete.
Fidelma erhob sich und schritt den holzernen Wehrgang entlang zuruck zur Treppe, die auf den Innenhof von Ros Ailithir hinunterfuhrte. Ein Stuck weiter stand eine bekannte Gestalt auf der Mauer und blickte hinaus auf das Meer. Es war Schwester Eisten. Sie nahm Fidelma nicht wahr, so gebannt schaute sie auf die Bucht.
Fidelma trat unbemerkt neben sie.
»Ein sehr schoner Morgen, nicht wahr, Schwester«, gru?te sie.
Schwester Eisten schrak zusammen und wandte sich uberrascht um. Sie blinzelte und neigte den Kopf.
»Schwester Fidelma. Ja, sehr schon.« Ihre Antwort war ohne Warme.
»Wie geht es dir heute?«
»Mir geht es gut.«
Die knappen, einsilbigen Worte klangen wenig erfreut.
»Das ist schon. Geht es dem kleinen Jungen auch wieder gut?«
Schwester Eisten sah sie verwirrt an.
»Dem kleinen Jungen?«
»Ja. Hat er sich von seinem Alptraum erholt?« Als sie bemerkte, da? Schwester Eisten sie anscheinend immer noch nicht verstand, fugte sie hinzu: »Dem Jungen mit Namen Cosrach. Du hieltest ihn gestern nachmittag in den Armen.«
»Ach ... ja«, antwortete Schwester Eisten unsicher.
»Schwester Fidelma!«
Fidelma wandte sich um. Es war Schwester Necht, die sie gerufen hatte und nun die Treppe heraufeilte. Fidelma hatte das seltsame Gefuhl, da? es ihr nicht recht war, Schwester Eisten und Fidelma zusammen stehen zu sehen.
»Bruder Rumann mochte dich sprechen, Schwester«, verkundete Schwester Necht. »Er erwartet dich dringend im Gastehaus.«
Fidelma zogerte und schaute Eisten an. »Bist du sicher, da? dir nichts fehlt?«
»Alles in Ordnung, danke«, antwortete Eisten ohne Uberzeugungskraft.
»Wenn du eine Seelenfreundin brauchst, wende dich einfach an mich.«
Im Gegensatz zur romischen Kirche, in der jeder seine Sunden einem Priester zu beichten hatte, wies die irische Kirche jeder Person einen
Eisten schuttelte heftig den Kopf.
»Ich habe schon eine Seelenfreundin in der Abtei«, wies sie Fidelma zuruck.
Fidelma seufzte und folgte zogernd Schwester Necht. Naturlich ging es Eisten nicht gut. Etwas angstigte sie weiterhin. Fidelma wollte schon die Treppe hinabsteigen, als Schwester Eistens Stimme sie zuruckhielt.
»Sag mir, Schwester .«
Fidelma wandte sich fragend um. Eisten starrte noch immer duster aufs Meer hinaus.
»Sag mir, Schwester, kann eine Seelenfreundin das Vertrauen brechen, das man ihr geschenkt hat?«
»Wenn sie das tut, dann, meine ich, kann sie keine Seelenfreundin mehr sein«, antwortete Fidelma sofort. »Aber das hangt von den Umstanden ab.«
»Schwester!« drangte Necht am Fu?e der Treppe.
»Reden wir spater daruber«, schlug Fidelma vor. Eisten schwieg, und Fidelma ging langsam die Treppe hinunter zu Necht.
In dem Zimmer, das Fidelma fur ihre Befragungen angewiesen worden war, wartete ungeduldig der Verwalter der Abtei.
Fidelma lie? sich auf dem Stuhl gegenuber Bruder Rumann nieder und bemerkte, da? Cass schon seinen Platz in der Zimmerecke eingenommen hatte. Fidelma sah Schwester Necht an. Sie hatte lange uberlegt, ob es klug sei, sie bei samtlichen Befragungen dabei sein zu lassen. Vielleicht konnte man sich darauf verlassen, da? sie alles fur sich behielt, vielleicht aber auch nicht. Schlie?lich hatte Fidelma entschieden, es sei besser, sie nicht der Versuchung auszusetzen.
»Ich benotige deine Dienste fur eine Weile nicht«, erklarte sie Necht, die sichtlich daruber enttauscht war. »Sicherlich hast du im Gastehaus noch andere Pflichten zu erfullen.«
Bruder Rumann war sehr einverstanden.
»Das hat sie wirklich. Die Zimmer mussen gereinigt und in Ordnung gebracht werden.«
Als Schwester Necht unwillig gegangen war, wandte sich Fidelma wieder dem Verwalter zu.
»Wie lange bist du schon Verwalter der Abtei, Bruder Rumann?« begann sie.
Sein feistes Gesicht verzog sich.
»Seit zwei Jahren, Schwester. Warum?«
»Verzeih die Frage«, meinte Fidelma hoflich. »Ich mochte soviel uber dich erfahren wie moglich.«
»Dann la? dir sagen, da? ich seit dem Erreichen des Alters der Wahl in der Abtei bin - und das war vor drei?ig Jahren.«
In gekranktem Ton umri? er kurz seinen Lebensweg, als habe sie kein Recht, danach zu fragen.
»Dann bist du also siebenundvierzig Jahre alt und seit zwei Jahren Verwalter?« stellte Fidelma
