Completa zu lauten.«
Die Completa war die siebente und letzte Gottesdienststunde des Tages.
Fidelma ri? ihren Blick widerstrebend vom Zimmer los und schaute Conghus an.
»Nur noch eins, Conghus. Die Streifen Leinentuch, mit denen Dacan gefesselt war, wie du sagst - was ist aus denen geworden?«
Conghus zuckte die Achseln.
»Das wei? ich nicht. Ich nehme an, der Arzt hat sie entfernt. Ist das alles?«
»Du kannst jetzt gehen«, stimmte sie zu. »Doch vielleicht will ich spater noch einmal mit dir sprechen.«
Conghus eilte davon.
Fidelma schaute die Novizin an.
»Nun, Schwester Necht, kannst du mir den Arzt suchen, hie? er nicht Bruder Tola?«
»Den Unterarzt? Naturlich«, antwortete die Novizin und wollte sich schon auf den Weg machen.
»Warte!« Fidelma schmunzelte uber ihren Eifer. »Wenn du ihn gefunden hast, bring ihn sofort hierher zu mir. Ich warte auf ihn.«
Die junge Schwester flitzte rasch davon.
Fidelma untersuchte die Einkerbungen in dem Espenholzstab.
»Was bedeuten sie?« fragte Cass neugierig. »Kannst du die alte Schrift lesen?«
»Ja. Verstehst du Ogham?«
Cass schuttelte bedauernd den Kopf.
»Das alte Alphabet habe ich nie gelernt, Schwester.«
»Dies scheint eine Art Testament zu sein. Aber es ergibt nicht viel Sinn. >Moge mein su?er Vetter fur meine Sohne auf dem Felsen Michaels sorgen, wie es mein ehrenwerter Vetter bestimmen wird.< Merkwurdig.«
»Und was soll das hei?en?« fragte Cass.
»Erinnerst du dich, was ich uber das Sammeln von Einzelheiten sagte? Es ist, als wurdest du Zutaten fur ein Gericht sammeln. Hier findest du etwas und dort etwas, und wenn du alles beisammen hast, beginnst du zu kochen. Leider haben wir noch nicht alle Zutaten. Aber ein bi?chen mehr wissen wir schon, zum Beispiel, da? es ein sorgfaltig geplanter Mord war.«
Cass starrte sie an.
»Sorgfaltig geplant? Die Heftigkeit des Angriffs deutet eher darauf hin, da? der Morder in wilder Wut handelte, in einem plotzlichen Zornesausbruch und nicht vorsatzlich.«
»Vielleicht. Aber der alte Mann wurde nicht in einem plotzlichen Zornesausbruch an Handen und Fu?en gebunden. Das hier sieht nach Vorsatz aus. Doch was versetzte den Morder in solche Wut? Ein Fremder, ob Mann oder Frau, der wahllos zustach, konnte kaum eine solche Wut aufstauen.«
Sie schwieg plotzlich, als sei ihr etwas eingefallen.
»Was ist?« drangte Cass, als er merkte, da? sie mit den Gedanken woanders war. Sie blickte stirnrunzelnd in das Zimmer. Schlie?lich ging sie wieder hinein und stellte die Ollampe auf den Schreibtisch, so da? sie den Raum erleuchtete.
»Ich wollte, ich wu?te es«, gestand sie zogernd. »Ich spure, da? an diesem Zimmer irgend etwas nicht in Ordnung ist und da? mir das auffallen mu?te.«
Kapitel 6
Bruder Tola, der Unterarzt der Abtei, hatte silbergraues Haar und weiche, angenehme Zuge, und er lachelte bestandig, als mache er sich uber das Leben lustig. Fidelma erinnerte sich, da? die meisten Arzte und Arztinnen, denen sie begegnet war, die Tragodien des Alltags mit ironischem Humor betrachteten. Vielleicht, schlo? sie, wehrten sie sich damit gegen ihre fortwahrende Beruhrung mit dem Tode, vielleicht hatte sie gerade die Erfahrung des Todes und der menschlichen Tragodie gelehrt, das Leben so intensiv wie moglich zu genie?en, solange man noch am Leben und bei leidlicher Gesundheit war.
»Es sind nur wenige Fragen, die ich dir stellen mochte, Tola«, begann Fidelma, nachdem sie ein paar hofliche Worte gewechselt hatten. Sie standen noch vor der Tur des Zimmers, das Dacan bewohnt hatte.
»Ich tue, was ich kann, Schwester«, sagte Tola lachelnd. »Ich furchte, es wird nicht viel sein, aber stell nur deine Fragen.«
»Ich habe gehort, da? kurz nachdem Bruder Conghus die Leiche des Ehrwurdigen Dacan gefunden hatte, Abt Brocc dich holen lie?, damit du sie untersuchst?«
»Das stimmt.«
»Du bist der Unterarzt der Abtei?«
»Richtig. Bruder Midach ist unser leitender Arzt.«
»Entschuldige, aber warum lie? der Abt dich holen und nicht Bruder Midach?«
Fidelma hatte die Antwort schon gehort, wollte aber sichergehen.
»Bruder Midach war nicht in der Abtei. Er hatte am Abend zuvor eine Reise angetreten und kehrte erst sechs Tage spater zuruck. Wir Arzte werden oft in den Nachbardorfern gebraucht.«
»Nun gut. Kannst du mir genau beschreiben, was vorgefallen ist?«
»Naturlich. Es war kurz nach der Terz, und Bruder Martan, unser Apotheker, hatte gerade bemerkt, da? die Glocke nicht zur Stunde gelautet hatte ...«
Das interessierte Fidelma.
»Die Glocke hatte nicht gelautet? Woher wu?te der Apotheker dann, da? die Terz bereits vorbei war?«
Tola grinste.
»Da gibt’s kein Geheimnis. Martan ist nicht nur Apotheker, sondern interessiert sich auch fur Zeitmessung. Wir haben hier bei uns eine Wasseruhr; den Entwurf dafur hat einer unserer Bruder vor vielen Jahren von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land mitgebracht. Eine Wasseruhr ist .«
Fidelma hob die Hand und unterbrach ihn.
»Ich wei?, was das ist. Also sah der Apotheker auf der Wasseruhr nach .?«
»Nein. Martan vergleicht haufig den Stand der Wasseruhr mit einem noch alteren Me?instrument in seiner Apotheke. Es ist altmodisch, aber es funktioniert. Es ist ein Mechanismus, bei dem Sand von einem Teil in einen anderen rinnt, und der Sand ist so bemessen, da? er in einer bestimmten Zeit durchlauft.«
»Ein Stundenglas?« fragte Cass. »So etwas habe ich schon gesehen.«
»Es funktioniert auf derselben Basis«, stimmte Bruder Tola beilaufig zu. »Martans Me?instrument wurde vor funfzig Jahren von einem Handwerker dieser Abtei gebaut. Es ist gro?er als ein Stundenglas, und der Sand ist erst nach einem
Fidelma hob erstaunt die Brauen. Ein
»Dieses wunderbare Gerat wurde ich gern einmal sehen«, gestand sie. »Aber erzahle weiter.«
»Bruder Martan hatte mir also gerade gesagt, da? es schon uber die Zeit fur die Terz hinaus war, da lie? mich Abt Brocc rufen. Ich ging in sein Zimmer und erfuhr, da? der Ehrwurdige Dacan tot aufgefunden worden war. Brocc wollte, da? ich die Leiche untersuchte.«
»Hattest du Dacan gekannt?«
Tola nickte nachdenklich.
»Wir sind hier eine gro?e Gemeinschaft, Schwester, aber nicht so gro?, da? ein Mann von herausragenden Fahigkeiten unter uns unbemerkt bliebe.«
»Ich meine, hattest du personlichen Kontakt zu ihm?« »Ich nahm die Mahlzeiten am selben Tisch ein wie er, und wir wechselten ein paar Worte, doch sonst hatte ich wenig mit ihm zu tun. Er war kein Mensch, der zur Freundschaft ermunterte, er war kuhl und . na ja, eben kuhl und .«
»Abweisend?« schlug Fidelma vor.
»Genau«, stimmte Tola zu.
»Du gingst also zum Gastehaus«, nahm Fidelma den Faden wieder auf. »Kannst du beschreiben, was du vorfandest?«
»Sicher. Dacan lag auf dem Bett, und zwar auf dem Rucken. Seine Hande waren auf dem Rucken
