»Dacan war ein Mensch mit festen Gewohnheiten. In den zwei Monaten, die er hier wohnte, hatte ich bemerkt, da? er sich den Tag streng einteilte. Man konnte fast die Uhr nach ihm stellen.«

Er hielt inne und dachte nach.

»Zu meinen Pflichten als Torhuter gehort auch das Lauten der Glocken zu den festgelegten Stunden und zu den Gottesdiensten. Die Morgenglocke lautet den Tag ein, dann folgt das jentaculum, die erste Mahlzeit. Weil wir eine gro?e Gemeinschaft sind und unser Speisesaal nicht alle fa?t, essen wir in drei Durchgangen. Dacan a? immer im mittleren Durchgang, wie ich auch. So kann ich meiner Pflicht zum Lauten nachkommen. Nach dem dritten Durchgang des jentaculum laute ich zur Terz, mit der die Arbeit beginnt.«

»Ich verstehe«, sagte Fidelma, als der Torhuter sie fragend ansah, ob sie ihm folgen konne.

»Nun, an diesem bestimmten Morgen vor zwei Wochen, am Luan-Tag, erschien Dacan nicht an seinem Platz zum Fruhmahl. Ich fragte nach, denn es war ungewohnlich, da? er eine Mahlzeit versaumte. Namlich ...«

»Du hast schon erklart, wie streng er seine Gewohnheiten einhielt«, unterbrach ihn Fidelma rasch.

Conghus blinzelte und nickte.

»Ach ja. Also ich erfuhr, da? er auch nicht im ersten Durchgang gewesen war. Nachdem ich gegessen hatte, trieb mich die Neugier, im Gastehaus nach ihm zu sehen.«

»Wo lag sein Zimmer?«

»Im Erdgescho?.« Conghus wollte sich erheben. »Ich kann es dir gleich zeigen .«

Fidelma winkte ihn auf seinen Platz zuruck.

»Etwas spater. Machen wir weiter. Du begabst dich also auf die Suche nach Dacan?«

»Ja. Viel mehr ist nicht zu sagen. Ich ging zu seinem Zimmer und rief nach ihm. Ich erhielt keine Antwort. Also offnete ich die Tur .«

»Wenn keine Antwort kam, mu?test du doch annehmen, da? der Ehrwurdige Dacan nicht in seinem Zimmer war?« unterbrach ihn Fidelma. »Was veran-la?te dich, die Tur zu offnen?«

Conghus runzelte die Stirn.

»Na . na, ich sah unter der Tur ein Licht flackern. Der Gang ist dunkel, deshalb fallt einem jeder Lichtschein auf. Ich dachte, wenn Dacan eine Kerze hatte brennen lassen, dann sollte ich sie loschen. Sparsamkeit gehort auch zur Regel des heiligen Fachtna«, fugte er salbungsvoll hinzu.

»Ich verstehe. Du sahst also ein Licht und dann .?«

»Ich ging hinein.«

»Woher kam das Licht?«

»Von einer Ollampe, die noch brannte.«

»Weiter«, drangte Fidelma, als Conghus zogerte.

»Dacan lag tot auf seinem Bett. Das ist alles.«

Fidelma unterdruckte einen argerlichen Seufzer.

»Stell dir vor, Bruder Conghus«, sagte sie geduldig, »du stehst noch einmal auf der Turschwelle. Beschreibe mir, was du siehst.«

Conghus schien nachzudenken.

»Das Zimmer wurde von der Ollampe erhellt, die auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stand. Dacan war vollstandig angekleidet. Er lag auf dem Rucken. Das erste, was mir auffiel, war, da? er an Handen und Fu?en gefesselt war .«

»Mit Schnuren?«

Conghus schuttelte den Kopf.

»Mit Tuchstreifen, blauroten Streifen von einem Leinentuch. Einen solchen Streifen hatte er auch im Mund. Der diente wohl als Knebel. Dann sah ich Blutflecke auf seiner ganzen Brust. Da begriff ich, da? er getotet worden war.«

»Nun gut. Jetzt erzahle mir, ob es irgendwo ein Messer gab - das Messer, mit dem ihm die Wunden beigebracht wurden?«

»Ich habe keins gesehen.«

»Wurde spater eins gefunden?«

»Nicht, da? ich wu?te.«

»Wie sah Dacans Gesicht aus?«

»Wie bitte?« fragte Conghus verblufft.

»War sein Gesicht ruhig und gelassen? Standen die Augen offen oder waren sie geschlossen? Wie sah er aus?«

»Ruhig, wurde ich sagen. Weder Furcht noch Schmerz zeichneten sich in seinen Zugen ab, wenn du das meinst.«

»Genau das meine ich«, antwortete Fidelma. »Dir war also klar, da? Dacan getotet worden war. Fiel dir sonst noch etwas in dem Zimmer auf? War es durchwuhlt worden? War es wie immer? Wenn Da-can so streng in seinen Gewohnheiten war, deutet das darauf hin, da? er auf peinliche Sauberkeit achtete.«

»Das Zimmer war unverandert, so weit ich mich erinnern kann. Du hast naturlich recht, Dacans Ordnungsliebe war bekannt. Doch daruber kann dir Schwester Necht mehr erzahlen.«

Fidelma vernahm ein Rascheln, drehte sich um und bedeutete der Novizin zu schweigen.

»So.« Fidelma sah wieder Conghus an. »Langsam gewinnen wir ein Bild. Also weiter. Als dir klar wurde, da? Dacan getotet worden war, was tatest du da?«

»Ich ging sofort zum Abt. Ich berichtete ihm, was ich entdeckt hatte. Er lie? Bruder Tola, unseren Unterarzt, holen, der die Leiche untersuchte und bestatigte, was ich schon wu?te. Dann ubergab der Abt die Angelegenheit Bruder Rumann. Als Verwalter der Abtei war es seine Aufgabe, die naheren Umstande des Todes herauszufinden.«

»Eine Frage: Du sagtest, der Abt lie? Bruder Tola, den Unterarzt, holen? Warum lie? er nicht den leitenden Arzt kommen? Schlie?lich war der Ehrwurdige Dacan ein Mann von hohem Rang.«

»Das stimmt. Aber unser leitender Arzt, Bruder Midach, war zu der Zeit nicht in der Abtei.«

»Du sagtest, Dacan habe zwei Monate hier gewohnt«, bemerkte Fidelma. »Wie gut kanntest du ihn?«

Bruder Conghus zog die Brauen empor.

»Wie gut? Der Ehrwurdige Dacan war kein Mensch, den man gut kennenlernt. Er war zuruckhaltend, sogar abweisend, wenn du so willst. Ihm ging der Ruf gro?er Frommigkeit und Gelehrsamkeit voraus. Aber er war von schroffem Wesen und reizbarer Art. Er hatte feste Gewohnheiten - das habe ich schon gesagt - und verbrachte seine Zeit nie mit blo?em Geschwatz. Wenn er sein Zimmer verlie?, dann nur zu einem bestimmten Zweck, und er blieb nie stehen, um Hoflichkeiten auszutauschen oder ein Stundchen zu verplaudern.«

»Du zeichnest ein sehr klares Bild, Bruder Cong-hus«, meinte Fidelma.

Conghus nahm das als ein Kompliment.

»Als Torhuter ist es meine Aufgabe, Menschen einzuschatzen und ihr Verhalten zu beobachten.«

»Wie sah Dacan aus?«

»Er war weit uber sechzig, gro?, hielt sich gerade, trotz seines Alters. Er war hager, als bekame er zu wenig zu essen. Er hatte langes wei?es Haar, dunkle Augen und eine gelbliche Haut. Das einzige Auffallende war seine Knollennase. Er machte meistens ein gramliches Gesicht.«

»Wie ich horte, kam er zum Studium hierher. Wei?t du Genaueres?«

Bruder Conghus schob seine Unterlippe vor.

»Danach mu?test du dich bei der Bibliothekarin der Abtei erkundigen.«

»Und wie hei?t sie?«

»Schwester Grella.«

»Ich horte, der Ehrwurdige Dacan gab auch Unterricht«, sagte Fidelma. »Wei?t du, was er unterrichtete?«

Conghus zuckte die Achseln.

»Er gab Geschichte, glaube ich. Danach fragst du am besten Bruder Segan, unseren Rektor.«

»Da ist noch etwas, was ich nicht verstehe«, fuhr Fidelma fort. »Du nanntest Dacan abweisend. Dieses Wort hast du doch gebraucht?«

Conghus nickte bestatigend.

»Das ist ein interessantes Wort, sehr bildhaft«, fuhr sie fort. »Trotzdem stand er im Ruf, von den Leuten

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