Der fullige Monch nahm eine Kerze von der Wand und ging voran uber den jetzt dunklen Hof in das angrenzende gro?e Gebaude, dem Monche und Nonnen in langen Reihen zustrebten.
»Mach dir keine Sorgen, Schwester«, meinte Bruder Rumann. »Der Abt hat angeordnet, da? du und Cass wahrend eures Aufenthalts hier die Mahlzeiten an seinem Tisch einnehmt.«
»Und weshalb sollte ich mir Sorgen machen?« fragte Fidelma neugierig.
»Wir haben so viele Leute in der Abtei, da? wir in drei Durchgangen essen mussen. Der dritte Durchgang bekommt sein Essen oft kalt, was zu Beschwerden Anla? gibt. Deshalb arbeiten wir gegenwartig am Bau eines neuen Speisesaals am ostlichen Ende der Abtei. Im neuen
»Ein Speisesaal, der mehrere hundert Menschen unter einem Dach fa?t?«
Fidelma konnte den skeptischen Ton ihrer Frage nicht unterdrucken.
»Genau das, Schwester. Eine gro?e Aufgabe, die bald gelost sein wird,
Sie blieben in der Vorhalle des Speisesaals stehen, und ein diensttuender Monch nahm ihnen ihre Schuhe oder Sandalen ab und stellte sie zu den anderen, denn es war in den meisten religiosen Gemeinschaften ublich, sich barfu? zu Tisch zu begeben. Dann fuhrte Rumann sie durch die Halle, deren Tische voll mit Monchen und Nonnen besetzt waren. Der Speisesaal wurde von zahlreichen flackernden Ollampen erhellt, deren durchdringender Geruch sich mit dem schweren Rauch des Torffeuers mischte, das im gro?en Kamin am Kopfende der Halle glomm. Dazu kam noch der Duft des Weihrauchs. Lampen und Feuer zusammen richteten aber wenig aus gegen die Kalte des Herbstabends. Erst nach einer Weile entstand etwas Warme durch die zweihundert dicht gedrangten Korper.
Abt Brocc hatte schon mit dem Gratias begonnen, als Bruder Rumann Fidelma eilig zu einem leeren Platz am Tisch neben Cass fuhrte, der sie mit einem belustigten Lacheln stumm begru?te.
Fidelma kniete rasch nieder, ehe sie sich setzte.
»Hast du verschlafen?« flusterte ihr Cass frohlich zu.
Fidelma schnaubte und ignorierte die Frage, deren Antwort sich von selbst ergab.
Das Gratias war beendet, und das Scharren der Banke auf dem Steinfu?boden erfullte den Raum.
Obwohl sie erst vor vier Stunden gegessen hatten, langten Fidelma und Cass kraftig zu. Es gab gebratenen Fisch mit wildem Knoblauch und
Das Mahl wurde schweigend eingenommen, das, so wu?te Fidelma, schrieb die Regel des heiligen Fachtna vor. An einem erhohten holzernen Pult am Ende des Raumes stand ein Lektor und las Stellen aus der Heiligen Schrift vor. Fidelma lachelte mude, als der Lektor ausgerechnet mit einem Abschnitt aus dem dritten Kapitel des Predigers Salomo begann: »Denn ein jeglicher Mensch, der da i?t und trinkt und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Gottes.«
Die Mahlzeit endete mit einem Glockenschlag, und Abt Brocc erhob sich und sprach erneut das Gratias.
Als sie den Speisesaal verlie?en und ihr Schuhwerk wieder an sich nahmen, trat Brocc zu ihnen, gefolgt von Bruder Rumann.
»Hast du gut geruht, Kusine?« fragte er Fidelma.
»Ja, recht gut«, antwortete Fidelma. »Jetzt hatte ich gern deine Erlaubnis und Vollmacht, mit der Losung meiner Aufgabe zu beginnen.«
»Was soll ich tun? Du brauchst es nur zu sagen.«
»Ich benotige jemanden, der mir hilft, die Leute zu finden, die ich befragen mu?, der sie zu mir bringt und Botengange fur mich erledigt. Er oder sie mu? die Abtei kennen und mich uberall hinfuhren konnen, wohin ich will.«
»Bruder Rumanns Gehilfin, Schwester Necht, soll diese Aufgabe ubernehmen«, sagte der Abt lachelnd und wandte sich an den beleibten Verwalter, der heftig nickte zum Zeichen seines Einverstandnisses. »Was noch, Kusine?«
»Ich brauche ein Zimmer, in dem ich meine Untersuchungen durchfuhren kann. Das Zimmer neben meinem im Gastehaus ware gut dazu geeignet.«
»Es gehort dir, solange du willst.«
»Dafur sorge ich«, erganzte Rumann, auf das Wohlwollen seines Abts bedacht.
»Fangen wir also an.«
»Gott segne eure Arbeit«, sagte der Abt feierlich. »Haltet mich auf dem laufenden.«
Er verlie? den Speisesaal, und Bruder Rumann lief atemlos hinter ihm her.
Schwester Necht, Bruder Rumanns Gehilfin, war die schwerfallig wirkende Novizin, die Fidelma kurz nach ihrem Eintreffen in der Abtei gesehen hatte. Conghus hatte sie ersucht, sich um Schwester Eisten und die Kinder zu kummern. Sie hatte ein frisches Gesicht und rotliches, fast kupferrotes lockiges Haar, das unter ihrer Haube hervorquoll. Ihre Schultern waren etwas zu breit und ihr Kinn zu kantig, als da? man sie hatte hubsch nennen konnen. Fidelma stellte fest, da? sie gern lachelte, aber leicht aus der Fassung zu bringen war. Sie schien jedoch willig und freute sich offensichtlich uber eine Aufgabe, die aus dem Rahmen des streng geordneten Tagesablaufs fiel, der das Leben in der Gemeinschaft bestimmte.
Ein wenig fuhlte sich Schwester Necht offenbar von Schwester Fidelma eingeschuchtert. Offenkundig hatte man ihr erklart, da? Fidelma die Schwester des Thronfolgers des Konigreichs war, eine Kusine des Abts und durch eigenes Verdienst eine angesehene
Nachdem sie sich in dem Zimmer, in dem sie ihre erste Mahlzeit eingenommen hatten, eingerichtet hatten, schickte Fidelma Necht los, um den
»Wir fangen vorn an«, erklarte sie Cass. »Conghus war der erste, der die Leiche des Ehrwurdigen Dacan entdeckte.«
Cass war sich nicht sicher, welche Rolle er jetzt zu spielen hatte. Er besa? keine Ausbildung im Rechtswesen und war nie dabeigewesen, wenn ein
Kurz darauf erschien Schwester Necht etwas atemlos mit dem stammigen Torhuter, Bruder Conghus.
»Ich habe ihn geholt, Schwester«, sagte das Madchen mit tiefer, fast mannlich klingender Stimme, die ihr normaler Tonfall zu sein schien. »Wie du angeordnet hast.«
Fidelma bemuhte sich, ihr Lacheln zu verbergen, und winkte die Novizin zu einem Platz neben Cass.
»Du kannst dort warten, Schwester Necht. Du sprichst nicht, wenn du nicht von mir angesprochen wirst, und verratst keinem etwas von dem, was du in diesem Zimmer horst. Dafur brauche ich deinen heiligen Eid, wenn du mir weiter helfen willst.«
Die Novizin schwor sofort den Eid und setzte sich.
Dann wandte sich Fidelma Bruder Conghus zu, der wartend an der Tur stand.
»Komm herein, schlie? die Tur und setz dich, Bruder«, sagte sie mit Bestimmtheit.
Der Torhuter tat, wie ihm gehei?en.
»Womit kann ich helfen, Schwester?« erkundigte er sich.
»Ich mu? dir ein paar Fragen stellen. Als erstes mochte ich wissen, ob dir bekannt ist, welchem Zweck mein Besuch hier dient?«
Conghus zuckte die Achseln: »Wer wei? das nicht?«
»Gut. Kommen wir zuruck auf den Tag, an dem der Ehrwurdige Dacan starb. Wie ich horte, warst du der erste, der die Leiche entdeckte?«
Die Erinnerung verursachte ihm offenbar Unbehagen.
»Das stimmt.«
»Beschreibe bitte die naheren Umstande.«
