geliebt zu werden. Im allgemeinen gilt ein Mann, der verschlossen und streng ist und sich von allen fernhalt, und das besagt doch wohl das Wort abweisend, nicht als besonders liebenswert.«
»Jeder sagt es so, wie er es sieht, Schwester«, erklarte Conghus. »Vielleicht war sein Ruf, der sicherlich von Laigin ausging, nicht gerechtfertigt?«
»Wenn das so ist, warum warst du dann so besorgt, als Dacan bei einer einzigen Mahlzeit fehlte? Wenn er nicht liebenswert war, ware es doch menschlich, zu sagen, warum sollte ich nach so einem Mann sehen? Warum bist du auf die Suche nach dem Ehrwurdigen Dacan gegangen?«
Conghus schien die Sache unangenehm zu sein.
»Ich bin nicht sicher, ob ich deinem Gedankengang folgen kann, Schwester«, erwiderte er steif.
»Er ist ganz einfach«, erlauterte ihm Fidelma. »Du scheinst uberma?ig besorgt gewesen zu sein, nur weil ein Mann, der dir nicht einmal besonders sympathisch war, sein Fruhmahl versaumte, und machtest dir die Muhe, ihn zu suchen. Kannst du mir das erklaren?«
Der Torhuter starrte sie einen Augenblick an und gab sich dann einen Ruck.
»Eine Woche vor Dacans Tod rief mich der Abt zu sich und wies mich an, besonders auf Dacan zu achten. Deshalb ging ich zu seinem Zimmer, als er nicht zu seiner Mahlzeit erschienen war.«
Nun war es an Fidelma, uberrascht zu sein.
»Hat dir der Abt erklart, warum du besonders auf Dacan achten solltest?« fragte sie. »Furchtete er, dem Ehrwurdigen Dacan konnte etwas zusto?en?«
Conghus antwortete mit einer gleichgultigen Geste.
»Ich bin hier nur der
Fidelma sah ihn nachdenklich an.
»Das ist eine interessante Philosophie, Conghus. Daruber sollten wir einmal in Ruhe miteinander reden. Aber eins mochte ich deutlich festhalten. Es war nur eine Woche vor Dacans Ermordung, als der Abt dir ausdrucklich auftrug, besonders uber ihn zu wachen? Er sagte nicht, warum? Er sagte nicht, da? er einen Grund habe, fur Dacans Sicherheit zu furchten?«
»Es ist so, wie ich dir erzahlt habe, Schwester.«
Fidelma stand so plotzlich auf, da? alle vor Uberraschung zusammenzuckten.
»Nun gut. Gehen wir jetzt hinunter, damit du mir das Zimmer zeigen kannst, das Dacan bewohnte.«
Conghus erhob sich leicht verwirrt. Er fuhrte sie aus dem Zimmer, den Gang entlang und die Treppe hinunter. Cass und Schwester Necht folgten dicht hinter Fidelma. Necht strahlte vor Begeisterung und Erregung, wahrend Cass ratlos dreinschaute.
Conghus blieb vor einer Tur im Erdgescho? des Gastehauses stehen, am anderen Ende des Ganges, auf dem auch Schwester Eisten und die Kinder untergebracht waren.
»Bewohnt gegenwartig jemand das Zimmer?« fragte Fidelma, als Conghus die Hand auf die Turklinke legte.
Conghus zogerte einen Moment.
»Nein, Schwester. Es ist seit dem Tode Dacans leer geblieben. Auf Befehl des Abts sind sogar seine personlichen Sachen darin nicht angeruhrt worden. Ich glaube, die Abgesandten von Dacans Bruder, Abt Noe von Fearna, haben ihre Ruckgabe gefordert.«
»Warum sind sie dann noch hier?« schaltete sich Cass ein. Er sprach zum erstenmal, seit Conghus befragt wurde.
Conghus sah ihn an, etwas uberrascht von seiner unerwarteten Einmischung.
»Ich nehme an, weil der Abt entschieden hat, da? nichts angeruhrt werden darf, bis die
Conghus offnete die Tur und wollte in den dunklen Raum eintreten, doch Fidelma hielt ihn zuruck.
»Gib mir eine Ollampe.«
»Es steht eine neben dem Bett, die kann ich anzunden.«
»Nein«, beharrte Fidelma. »Ich will nichts beruhren oder bewegen, falls das nicht schon jemand getan hat. Schwester Necht, reich mir die Ollampe dort hinter dir.«
Die junge Novizin hob rasch die Lampe vom Haken an der Wand.
Fidelma nahm sie, hielt sie hoch, trat ins Zimmer und sah sich um.
Das Zimmer war beinahe so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
In einer Ecke befand sich das Bett, ein Holzgestell mit einem Strohsack und Decken. Daneben stand ein kleiner Tisch mit einer Ollampe darauf. Auf dem Boden darunter lag ein Paar abgetragener Sandalen. An einer Reihe von Haken hingen drei ziemlich gro?e Ledertaschen. Auf einem anderen Tisch am Fu?e des Bettes lagen ein paar wachsbeschichtete holzerne Schreibtafelchen und ein
Sie zogerte einen Augenblick, um sicherzugehen, da? sie nichts ubersehen hatte. Dann trat sie an den Tisch und nahm die Wachstafelchen genauer in Augenschein. Sie waren leer, ihre Oberflache war wieder geglattet worden, stellte sie enttauscht fest.
Sie wandte sich an Conghus.
»Ich nehme an, du hast nicht bemerkt, ob die Tafeln leer oder beschrieben waren, als du Dacans Leiche entdecktest?«
Conghus schuttelte verneinend den Kopf.
Fidelma seufzte und prufte die Pergamentblatter. Auch sie waren unbeschrieben.
Auf den Decken, die noch immer unordentlich auf dem Bett lagen, waren dunkle Flecken. Man brauchte nicht viel Scharfsinn, um sie als getrocknetes Blut zu erkennen. Sie besah sich die Haken an der Wand und untersuchte den Inhalt der an ihnen hangenden Ledertaschen. Sie enthielten Wasche zum Wechseln, einen Mantel, einige Hemden und weitere Kleidungsstucke, ferner Rasierzeug und andere Toilettenartikel.
Nun lie? sich Fidelma zur Uberraschung der Zusehenden auf die Knie nieder und untersuchte, die Ollampe in der Hand, sorgsam den Fu?boden.
Er war von einer feinen Staubschicht uberzogen. Bruder Conghus hatte anscheinend recht, wenn er sagte, da? seit dem Mord niemand mehr das Zimmer betreten hatte. Plotzlich langte Fidelma unter das Bett und holte etwas hervor, einen achtzehn Zoll langen Espenholzstab mit Einkerbungen. Er war so unauffallig, da? man ihn leicht ubersehen konnte.
Sie horte, wie jemand erschrocken tief Luft holte, drehte sich um und sah, wie Schwester Necht sie anstarrte.
»Kennst du das?« fragte sie die junge Novizin schnell und hielt den Stab ins Licht.
Necht schuttelte sofort den Kopf.
»Es war ... nein, ich dachte, es ware etwas anderes. Ich hab mich geirrt. Ich hab ihn noch nie gesehen.«
Fidelma hielt noch ihren Fund in der Hand, als ihr Blick auf den kleinen Tisch neben dem Bett fiel. Mit der freien Hand hob sie die darauf stehende Ollampe hoch. Sie war schwer und offensichtlich gut gefullt.
Sie ging zur Tur, wo die anderen standen.
Noch einmal schaute sie ins Zimmer, langsam und grundlich lie? sie ihre Blicke durch den Raum wandern.
Es war eine dunkle Zelle. Es gab nur ein kleines Fenster, hoch in der Mauer uber dem Bett, durch das offenbar sehr wenig Licht fiel. Das Fenster war nicht nur klein, sondern ging auch nach Norden. Das Licht, uberlegte sie, mu?te kalt und grau sein. Wollte man in diesem Zimmer arbeiten, mu?te es standig beleuchtet werden. Sie wandte sich um und untersuchte die Tur. Hier gab es nichts Ungewohnliches, kein Schlo? und keinen Riegel, nur die ubliche Klinke.
»Brauchst du mich noch fur irgend etwas, Schwester?« fragte Bruder Conghus. »Es wird Zeit fur mich, zur
