von Schach, und so wei? ich ganz genau, da? manbei diesem Spiel nicht mogeln kann. Also lassen wir die Partie stattfinden. «Er zog
seinen Geldbeutel aus der Tasche.»Setzen Sie funfzig Pfund fur mich. Auf die Meister.«
Am Freitag um 21 Uhr war der Queen's Room voll von Passagieren und Schiffsoffizieren undBesatzungsmitgliedern, die keinen Dienst hatten. Auf Jeff Stevens' Ersuchen hin waren zwei Raume fur die Partiebereitgestellt worden. Der eine Schachtisch stand im Queen's Room, der andere im Salon nebenan. Vorhange trennten diebeiden Raume.
«Damit die Spieler nicht voneinander abgelenkt werden«, erlauterte Jeff.»Wir wurden die Zuschauer auchbitten, bis zum Ende der Partie in dem von ihnen gewahlten Raum zubleiben.«
Seile waren um diebeiden Tische gespannt worden, um die Menge zuruckzuhalten. Die Zuschauer wurden etwas Einmaliges erleben, da waren sie sicher. Sie wu?ten nichts von der schonen, jungen Amerikanerin. Sie wu?ten nur, da? es unmoglich war, simultan gegen Negulescu und Melnikow zu spielen und dabei ein Remis gegen einen von ihnen herauszuholen.
Jeff stellte Tracy kurz vorBeginn der Partie denbeiden Meistern vor. Tracy erinnerte an eine griechische Statue mit ihrem langen, flie?enden, lindgrunen Chiffon?Kleid, das eine Schulter frei lie?.
Mihail Negulescubetrachtete sie grundlich.»Sie haben noch kein einziges nationales Turnier verloren, sagt Mr. Stevens. Stimmt das?«
«Ja«, antwortete Tracy wahrheitsgema?.
Negulescu zuckte die Achseln.»Nie von Ihnen gehort.«
Boris Melnikow war ahnlich ungehobelt.»Ihr Amerikaner wi?t nicht, was ihr mit euren Moneten anfangen sollt«, sagte er.»Ich mochte Ihnen im voraus danken. Der Gewinn wird meine Familie sehr glucklich machen.«
Tracys Augen waren von tiefem Jadegrun.»Noch haben Sie
nicht gewonnen, Mr. Melnikow.«
Melnikows Lachen drohnte durch den Queen's Room.»Meine liebe Dame, ich wei? nicht, wer Sie sind, aber ich wei?, wer ichbin. Ichbin der gro?eBoris Melnikow.«
Es war 22 Uhr. Jeff schaute sich inbeiden Raumen um und sah, da? siebis auf den letzten Platzbesetzt waren.»Fangen wir an«, sagte er.
Tracy nahm gegenuber von Melnikow Platz und fragte sich zum hundertsten Mal, wie sie eigentlich in diese Sache hineingeraten war.
«Es ist wirklich nichts dabei«, hatte Jeff ihr versichert.»Vertrauen Sie mir.«
Und sie hatte ihm vertraut. Ich mu? nicht ganz zurechnungsfahig gewesen sein, dachte Tracy. Sie spielte gegen den amtierenden und gegen den ehemaligen Schachweltmeister und hatte keinen Schimmer von diesem Spiel — abgesehen von dem, was Jeff ihr in vier Stundenbeigebracht hatte.
Der gro?e Moment war gekommen. Tracy spurte, wie ihr die Knie zitterten. Melnikow wandte sich der erwartungsvollen Menge zu und grinste. Erbefahl einen Steward zu sich.»Bringen Sie mir einen doppelten Cognac.«
«Um allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«, hatte Jeff zu Melnikow und Negulescu gesagt,»wurde ich vorschlagen, da? Sie, Mr. Melnikow, Wei? spielen und damit den ersten Zug haben und da? Mi? Whitney dannbei der Partie mit Mr. Negulescu Wei? spielt und den ersten Zug hat.«
Beide Meister hatten zugestimmt.
Wahrend die Menge in Schweigen verharrte, streckteBoris Melnikow die Hand aus und lie? seinen Damenbauern zwei Felder vorrucken. Ich werde diese Frau nicht nur schlagen. Ich werde sie amBoden zerstoren.
Erblickte Tracy an. Siebetrachtete das Schachbrett, nickte und erhobsich, ohne eine von den Figuren zuberuhren. Ein
Stewardbat die Menge, beiseite zu treten und Tracy den Weg frei zu machen. Sie schritt in den Salon, wo Mihail Negulescu am zweiten Schachtisch sa?. Tracy nahm gegenuber von ihm Platz.
«Na, mein Taubchen? Haben Sie Melnikow schon geschlagen?«Mihail Negulescu lachte schallend uber seinen eigenen Witz.
«Ich arbeite daran, Mr. Negulescu«, sagte Tracy ruhig. Sie streckte die Hand aus und lie? ihren Damenbauern zwei Felder vorrucken. Negulescu schaute sie an und grinste. Er wollte sich in einer Stunde massieren lassen, aber er hatte die Absicht, schon lange vorher mit dieser Partie fertig zu sein. Er lie? seinen Damenbauern ebenfalls zwei Felder vorrucken. Tracybetrachtete das Schachbrett. Dann stand sie auf. Ein anderer Stewardbat die Menge, ihr den Weg frei zu machen.
Tracy kehrte in den Queen's Room zuruck, setzte sich an den Tisch und machte ihren Zug: schwarzer Damenbauer zwei Felder vor. Sie sah, wie Jeff im Hintergrund fast unmerklich nickte.
Ohne zu zogern, setzteBoris Melnikow den wei?enBauern vor seinem Damenlaufer ein Feld vor.
Drei Minuten spater setzte Tracy an Negulescus Schachtisch ihren wei?enBauern vor dem Damenlaufer ein Feld vor.
Negulescu zog mit dem Konigsbauern.
Tracy erhobsich und kehrte in den Queen's Room zu Melnikow zuruck. Sie zog mit dem Konigsbauern.
Aha, sie ist also doch kein hoffnungsloser Fall, dachte Melnikow verblufft. Erbrachte seinen Damenspringer heraus.
Tracybeobachtete seinen Zug, nickte, ging zu Negulescu und wiederholte Melnikows Zug.
Negulescu lie? seinen Konigslaufer zwei Felder vorrucken. Tracybegabsich zu Melnikow zuruck und wiederholte Negulescus Zug.
Im Laufe der Zeit mu?ten diebeiden Meister feststellen, da?
sie es mit einerbrillanten Gegnerin zu tun hatten. Wie raffiniert ihre Zuge auch sein mochten — diese Amateurin war nie um einen klugen Gegenzug verlegen.
Weil sie in zwei verschiedenen Raumen sa?en, hattenBoris Melnikow und Mihail Negulescu keine Ahnung, da? sie in Wirklichkeit gegeneinander spielten. Was Melnikow auch tat, wiederholte Tracybei Negulescu. Und was Negulescu dagegen unternahm, wiederholte siebei Melnikow.
Als die Meister ins Mittelspiel eintraten, waren sie nicht mehrblasiert. Sie kampften um ihren guten Ruf. Sie schritten unruhig hin und her, wahrend sie uber den nachsten Zug nachdachten, rauchten nervos, stie?en wilde Qualmwolken aus. Nur Tracy schien vollig gelassen.
Die Partie dauertebereits vier Stunden. Aus denbeiden Raumen war kein einziger Zuschauer abgewandert. Sie harrten alle aus wie gebannt.
Jederbedeutende Schachspieler hat in seinem Hirn Hunderte von Partien gespeichert, die andere Gro?e vor ihm gespielt haben. Und als diese Partie nun langsam dem Endspiel entgegen ging, erkannten Melnikow und Negulescu wechselseitig die Hand des anderen.
Dieses Mistweib, dachte Melnikow, die hatbei Negulescu gelernt.
Und Negulescu dachte: Melnikow hat sie unter seine Fittiche genommen. Der alte Drecksack hat ihr gezeigt, wie er's macht.
Je verbissener sie gegen Tracy kampften, desto deutlicher merkten sie, da? sie diese Frau einfach nicht schlagen konnten.
In der sechsten Stunde der Partie traten die Meister ins Endspiel ein. Auf denbeiden Schachbrettern standen nur noch je dreiBauern, ein Turm und der Konig. Keine Seite konnte gewinnen. Melnikow sann lange, lange uber die Lage nach. Dann holte er tief Luft und sagte mit erstickter Stimme:»Ichbiete ein Remis an.«
Ein Aufschrei ging durch die Menge, und Tracy erwiderte:»Akzeptiert.«
Sie erhobsich und schritt in den Salon. Als sie Platz nehmen wollte, sagte Negulescubeinah tonlos:»Ichbiete ein Remis an.«
Und wieder ein Aufschrei. Die Menge konnte es nicht fassen, was sie hier miterlebt hatte. Eine Frau war aus dem Nichts aufgetaucht, um in einer Simultanpartie diebeiden gro?ten Schachspieler der Welt au?er Gefecht zu setzen.
Jeff erschien an Tracys Seite.»Kommen Sie«, sagte er grinsend,»wir habenbeide einen Drink notig.«
Als sie gingen, sa?enBoris Melnikow und Mihail Negulescu immer noch wie zwei Haufchen Elend auf ihren Stuhlen und stierten mit leeremBlick das Schachbrett an. Dann erwachten sie fast gleichzeitig aus der Erstarrung und fegten die Figuren vom Tisch.
Tracy und Jeff sa?en in derBar im Oberdeck in einer Nische fur zwei.
