ihrer Villa, um sich selbst zu spielen. Sie sind etwas extravagant, also haben ihre Matzchen niemanden erstaunt.«

»Und was wolltet ihr auf Neu-Kuweit machen?«, erkundigte ich mich.

»Auf keinen Fall euch retten… Ich wei? es nicht, Stasj leitet die Operation. Aber selbst wenn ich es wusste, wurde ich nichts sagen.«

»Ihr wolltet euch sicher mit der Prasidentin des Inej treffen und sie dabei toten?«, uberlegte Lion. »Aber…«

»Aber alle sagen, dass man sie nicht toten kann.« Alex nickte. »Das ist es. Es ware nicht schlecht, das herauszufinden.«

»Und, ist es euch gelungen?«, fragte Lion weiter.

»Gar nichts ist gelungen. Die Prasidentin hat uns nicht empfangen, sie hat ihre Berater vorgeschickt. Um auf dem Platz ihre Prophezeiungen unters Volk zu bringen, dafur hat ihre Zeit gereicht…« Alex’ Gesicht war wutend und angespannt. Er wusste naturlich, wie Tien erniedrigt worden war. Das konnte er Inna Snow nicht verzeihen.

Ich fand, dass Alex eigentlich gar nicht so ubel war. Boshaft — das stimmt, aber was konnte man schon erwarten, wenn einer von Geburt an in Zucht gehalten wird und lernt, sich zu verstellen und zu toten. Alex kannte ja nicht einmal seine Eltern, er wurde praktisch im Reagenzglas geboren. Er kannte nur Erzieher und Lehrer. Bis zum dritten Lebensjahr auch noch die Kinderfrauen, sie allein durften liebevoll mit den kleinen Phagen umgehen.

Danach war Schluss.

Sie wurden gelobt, wurden gefordert, doch sie zu umarmen oder zu streicheln wurde nicht empfohlen.

Aber so ist das Leben: Die Kampfer gegen das Bose haben es nicht einfach. Naturlich nur dann, wenn es keine Streifenpolizisten sind, die fur Ordnung in der Stadt sorgen, sondern solche Supermanner wie die Phagen oder die Garde des Imperators. Die wird ebenfalls von Kindesbeinen an ganz besonders erzogen.

Irgendwann einmal hatte Stasj einen Satz gesagt, der mich kichern lie?, dessen Sinn ich in Wirklichkeit aber nicht verstand: »Um gegen das ungeheuer Bose zu kampfen, muss man ungeheuer gut sein.«

Wenn ich mir Alex jetzt anschaute, verstand ich das. Au?erdem wusste ich, dass ihn Stasj niemals streicheln oder ihm eine Kopfnuss geben wurde. Hochstens bei einer Aufgabe wie der jetzigen, wo Stasj den besorgten Vater spielte, aber dieses »So tun, als ob« war etwas ganz anderes. Und Alex selbst erwartete auch nicht, dass man ihn umarmen oder ihm etwas Liebevolles sagen wurde.

Er war ein Soldat.

Er war die kleine Verkorperung des ungeheuer Guten.

Auch wenn ich auf einem elenden Planeten aufgewachsen war und nicht einmal einen zehnten Teil dessen, was Alex gelernt hatte, wusste oder konnte, auch wenn er jetzt ein Held war und ich nur ein Junge, der den Helden zwischen den Fu?en herumlief — er tat mir leid. Er war viel unglucklicher, als ich jemals gewesen war.

Wie gut, dass ich kein Phag war!

»Wisst ihr, wie die Karriere von Inna Snow in Wirklichkeit begonnen hat?«, fragte wahrenddessen Alex. »Nein? Wir mussten alle Archive durchsieben, um es herauszufinden. Sie beendete ihr Studium der Soziologie, arbeitete als Soziologin und Psychologin und schrieb ihre Magisterarbeit. Dann begann auf Inej eine Wirtschaftskrise, Inna Snow verlor ihre Arbeit, fing aber als Nachrichtensprecherin beim Fernsehen an. Sie war au?erst ansehnlich…«

»Also hat sie ein normales Gesicht?«, fragte Lion interessiert. »Denn sie versteckt es die ganze Zeit unter einem Schleier…«

»Ein hubsches Gesicht«, bestatigte Alex nachdrucklich. »Als Nachrichtensprecherin war sie sehr popular. Aber vor sieben Jahren horte sie auf, selbst vor der Kamera zu stehen, und ubernahm eine Tatigkeit in der Marketingabteilung, um zu erforschen, welche Sendungen den Zuschauern besser gefallen, und dann entsprechende Empfehlungen zu erarbeiten. Danach wurden die Fernsehprogramme vom Inej ungeheuer beliebt. Das waren Kindersendungen wie ›Die Bastion des Imperiums‹, Fernsehserien fur Hausfrauen, Shows fur Manner und Bildungssendungen, zum Beispiel, wie man in zehn Minuten ein Mittagessen kocht.«

Ich erinnerte mich, dass ich auch manchmal »Lecker!« geschaut hatte — eine Sendung, in der lustige junge Schauspieler allerlei schmackhafte Gerichte zubereiteten und gleichzeitig Mundharmonika oder Gitarre spielten, jonglierten oder auf andere Art und Weise das Publikum unterhielten. Also gab es sogar bei uns einige Programme vom Inej.

»Bestimmt ist sie sehr talentiert«, dachte Alex laut. Wiederholte er die Meinung von Stasj oder hatte er selbst daruber nachgedacht? Ich wusste es nicht. »Sie hatte ein Gespur dafur, was bei den Zuschauern ankam und was nicht. Das konnte man naturlich schon vor ihr feststellen, aber sie war besser als alle anderen. Wie sie jedoch dazu kam, Programme in die Menschen einzuschleusen und wie sie diese in den Sendungen verstecken konnte — das wissen wir bislang noch nicht. Vielleicht hat ihr dabei jemand geholfen. Sie konnte ja auch ohne jegliche Programmierung Menschen davon uberzeugen, ihr zu helfen. Und mit den Programmen erst… Zunachst erreichte sie, dass sie zur Prasidentin des Inej gewahlt wurde.

Sie war nur sehr wenig als Politikerin in Erscheinung getreten, lediglich einige Male auf dem Bildschirm zu sehen — und mit einem Mal wurde sie von allen verehrt! Der Prasident selbst ging in den Ruhestand und veranlasste vorgezogene Wahlen. Konnt ihr euch das vorstellen? Damals war noch niemandem klar, was vor sich ging. Sie hatte das Programm auf ihrem Heimatplaneten aktiviert. Und es begann…«

»Alex«, meinte ich, »sag mal, hat man bereits herausgefunden, wie diese Programme funktionieren?«

Er nickte. »Ja, man hat es herausgefunden. Durch ihn…« Er nickte in Richtung Lion, der vor Stolz rot wurde. »Das Gehirn des Menschen kann arbeiten wie ein Computer. Dieser Effekt wird bei Onlinerechenoperationen genutzt, aber dabei berechnet das Gehirn eine funfdimensionale Navigation, und hier schafft es eine virtuelle Welt, in der der Mensch zu leben beginnt. Alle diejenigen, bei denen das Programm funktionierte, bemerkten es nicht. Als sie aufwachten, glaubten sie, dass sie lebten wie zuvor, Inna Snow ihre Prasidentin war und der Imperator plotzlich beschlossen hatte, alle zu verdrangen, worauf der Krieg begann. In einer Nacht durchlebten sie ein ganzes Leben. Und dieses Leben uberzeugte sie davon, dass Inna Snow zu den Guten gehorte, dass sie die beste Regierungschefin sei…«

»Und hatten alle die gleichen Traume?«

»Naturlich nicht. Wie konnen die Traume gleich sein bei einem Akademiker, einer Hausfrau und einem dreijahrigen Kind? Alle hatten verschiedene Traume. Diejenigen, die von Abenteuern traumten, zogen in den Kampf. Wer von Reichtum und einem Leben in einem Penthouse traumte, wurde reich und lebte dort. Wer von Liebe traumte, verliebte sich… Aber immer waren Inna Snow und der Imperator prasent. Snow verkorperte das Gute, der Imperator das Bose.«

»Aber dann endete der Traum«, meinte ich und schaute aus den Augenwinkeln auf Natascha. Die war vollig mit den Cremes, Parfums und Pudern beschaftigt. Wie ist sie nur im Wald ohne das alles zurechtgekommen?

»Der Traum ging zu Ende und geriet in Vergessenheit«, sagte Alex nickend. »Das war auch so vorgesehen. Allerdings hatte bereits eine Charakterveranderung stattgefunden. Am wenigsten wirkten diese Traume auf altere Menschen. Sie hatten bereits viel erlebt, und es war schwer, deren Ansichten zu andern. Einige uberstanden es nicht, wurden verruckt oder versanken in Katalepsie. Dafur veranderte sich die Jugend, besonders die Kinder, deren Charakter noch nicht ausgepragt war, sofort so, wie Inej beabsichtigt hatte. Also nicht Inej, sondern Inna Snow!«

»Dann ist sie allein an allem schuld?«, fragte Lion, der Alex aufmerksam zuhorte.

Der junge Phag nickte. »Ja, es sieht ganz danach aus. Das gibt es selten in der Geschichte, dass ein einzelner Mensch derma?en viel Boses anrichten konnte. Wir haben virtuelle Geschichtssimulatoren, die recht zuverlassig sind. Wenn du einen gro?en Diktator oder einen Gelehrten aus der Geschichte entfernst, verandert sich wenig. So wurde zum Beispiel der Zweite Weltkrieg lediglich funf Tage kurzer sein. Oder an Stelle von Deutschland wurde ein anderes Land den Krieg beginnen… Oder Napoleon hatte in Waterloo gesiegt, dafur aber fast seine gesamte Armee verloren und man hatte ihn im Herbst abgesetzt. Alles in allem bleibt das Resultat ziemlich gleich. Als wir jedoch versuchten, Inna Snow herauszunehmen, anderte sich alles. Inej blieb ein normaler, friedlicher Planet. Keine Aufstande, keine Programmierung der Psyche.« Er schwieg und bekannte dann unlustig: »Und es sieht danach aus, dass man Snow nicht toten kann.«

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