»Wieso das denn?«, wollte ich wissen.
»Es scheint ganz so, als habe sie sich klonen lassen und ihr Gedachtnis den Klonen uberschrieben. Also, wenn man eine Inna Snow totet, erscheint unmittelbar darauf eine andere. Eine identische. Das ist naturlich keine Unsterblichkeit, aber es gibt keinen Machtwechsel.«
»Ich habe gehort, dass der Gro?vater unseres Imperators ebenfalls ein Klon war«, au?erte Lion. Herausfordernd schaute er zu Alex. »Es gab solche Geruchte.«
Der Phag rang mit sich und gab dann zu: »Ja. Uns wurde davon erzahlt. Aber das war etwas anderes. Der vorherige Imperator konnte keine Kinder bekommen. Deshalb schuf er einen Klon und erzog ihn wie einen Erben.«
»Und wodurch ist er dann besser als Snow?«, fragte Lion aufgebracht.
»Aber er hat ihm doch nicht sein Bewusstsein ubertragen!« Alex regte sich auf. »Sein Klon fuhrte eine vollig andere Politik. Unter ihm schlossen wir Frieden mit den Tzygu und uberhaupt… Kennt ihr euch denn nicht in Geschichte aus?«
In Geschichte kannten wir uns wirklich nicht besonders aus. Deshalb stritten wir auch nicht.
Trotzdem fuhr Alex fort uns zu belehren: »Personliche Unsterblichkeit existiert trotzdem nicht. Dafur ware es notwendig, dass das Bewusstsein eines Menschen ununterbrochen auf seinen Klon uberschrieben wird, der Klon dabei keine eigenen Gedanken fassen wurde, sondern in Bereitschaft ware… na, so wie eine Sicherheitskopie fur Dateien im Computer. Solche Technologien gibt es nicht und sie befinden sich bestimmt nicht in der Entwicklung…«
In diesem Moment kam Stasj herein. Ich betrachtete ihn bereits als Stasj, ungeachtet der fremden Stimme, des unbekannten Gesichts und des soliden Bauchleins.
Kaum im Zimmer widersprach er: »Das ist nicht ganz exakt, Praktikant. Eine entsprechende Technologie wurde theoretisch durchgespielt, aber in der Praxis ware eine technische Revolution erforderlich, um ihre Umsetzung zu ermoglichen.«
Alex nickte und fragte: »Ist alles verbrannt?«
»Alles. Zu Asche. Seid ihr bereit, Kinder?«
Natascha wischte schnell die uberflussige Creme von der Nase.
»Du brauchst dich nicht zu beeilen«, beruhigte sie Stasj. »Ich werde dir jetzt eine Injektion zur Vorbereitung der Anabiose geben. Wir haben wenig Zeit, also benutze ich eine konzentrierte Losung, du musst es schon ertragen. Aber geh zuerst noch auf die Toilette… Das betrifft ubrigens alle! Alex, sieh mal nach, in der Hausapotheke mussten gro?e Pampers sein.«
»Wozu?«, fragte Lion misstrauisch.
»Ihr musst fast zwolf Stunden ohne Bewegung uberstehen. Toiletten sind in Koffern nicht eingebaut, nicht einmal in den teuersten.«
Alex lachte auf und kroch in den Schrank. Natascha wurde knallrot, sagte aber nichts. Erst jetzt wurde mir klar, dass sich Stasj keinen Illusionen hingab. Ein Kamin voller Asche und das eigenartige Verhalten des Oligarchen konnten die Spionageabwehr des Inej verwirren, aber letztlich nicht an der Nase herumfuhren. Er handelte aufgrund der winzigen Chance, dass Elli wirklich ein Verbindungsglied der Widerstandsbewegung war, die vom Besuch Bermanns erfahren hatte und ihn zu toten beschloss.
Wir vertrauten Stasj blind. Wenn er sich etwas uberlegt hatte, dann wurde es funktionieren. Er hatte uns ja schon einmal aus Neu-Kuweit gerettet!
Auch Natascha wurde von diesem Optimismus angesteckt.
Glaubte Alexander an einen Erfolg? Ich wusste es nicht. Als Phag konnte er seine Gefuhle verbergen.
Also empfanden wir bis auf ein gewisses Unwohlsein nichts, als wir verpackt wurden. Nicht das kleinste Angstgefuhl.
Natascha hatte es am besten getroffen. Sie wurde in die Anabiosekapsel gesteckt, die fur Alex vorgesehen war. Diese war bequem, sogar gemutlich mit ihrem einseitig durchsichtigen Fenster in Gesichtshohe. Das Kleid, das sie sich von dem jungen Phagen geliehen hatte, stand ihr, sie sah in ihm einfach gro?artig aus. Alex erklarte ihr noch, wie man in der Kapsel die Musik einschalten konnte, um sich bequem die Zeit zu verkurzen, aber Stasj schuttelte streng den Kopf und befahl, den Player nicht zu benutzen.
Lion hatte weniger Gluck. Er wurde in eine gro?e Tasche gepackt, musste sich aber hinhocken. Damit er nicht hin und her schwankte und die Gepacktrager keinen Verdacht schopften, stopfte Stasj etliche Kleidungsstucke um ihn herum. Die engen Jeans, die ihm Alex mit einem Grinsen gegeben hatte, passten naturlich nicht uber die Pampers. Also hatte Lion in der Tasche lediglich Pullover und Windel an und hockte auf seiner Hose.
Ich bekam den unbequemsten Platz in einem wurfelformigen Koffer, der an eine alte Truhe erinnerte. Hinhocken konnte ich mich nicht, da er zu niedrig war. Hinlegen war unmoglich, der Koffer war zu kurz. Daher legte ich mich auf den Boden und faltete mich wie ein Taschenmesser zusammen.
»Wirst du es uberstehen?«, fragte Stasj besorgt.
»Sicher. Ich bin zah.«
Stasj schuttelte zweifelnd den Kopf und packte allerlei leichte Sachen auf mich. Ich machte mir keine Sorgen, sondern trostete mich damit, dass es mir gelungen war, meine weiten Sporthosen uber die damliche Windel zu ziehen. Vielleicht entdeckten sie uns doch? In diesem Fall ware es extrem peinlich, wie ein Saugling in Pampers aus dem Koffer zu klettern…
Das waren naturlich nur dumme Gedanken. Aber in diesem Augenblick lenkte ich mich gerade damit ab, als ob ich nicht verstehen wurde, dass bei unserer Entlarvung die beschamende Windel unser kleinstes Problem sein wurde.
Uber meinem Kopf schnappten die Schlosser zu, um mich herum wurde es dunkel.
Nur durch die kleinen Locher drangen feine Lichtstrahlen herein.
»Hort aufmerksam zu«, sagte Stasj mit gedampft klingender Stimme. »Wir werden jetzt die Gepacktrager rufen, das Gepack wird aufgeladen und zum Kosmodrom geschafft. Verhaltet euch ruhig. Bewegt euch nicht. Atmet gleichma?ig und ruhig. Sprecht kein einziges Wort. Auch wenn euch scheint, dass ihr entdeckt seid, ruhrt euch nicht. Was immer passiert — unternehmt nichts! Verlasst euch auf mich!«
Er schwieg kurz und fugte dann hinzu: »In sechs Stunden, wenn das Gepack in die Kajute gebracht wurde, konnt ihr herauskommen. Wahrscheinlich noch vor dem Abflug. Aber selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, euch bis zum Start herauszulassen, wenn man uns beispielsweise als Ehrenpassagiere in die Kapitanskajute bittet, haltet aus und schweigt. Die Belastungen werden rein symbolisch sein, das ist eine moderne Touristenjacht mit Gravikompensatoren. Zwischen dem Eintreten in den Orbit und dem Zeitsprung wird mindestens eine Stunde vergehen. Wir werden es also schaffen, Natascha vollstandig auf die Anabiose vorzubereiten.«
Ich zuckte innerlich zusammen, als mir klar wurde, dass wir wahrend des Zeitsprungs durchaus auch im Gepack sein konnten. Und Natascha wurde sofort sterben, wenn sie nicht in Anabiose gelegt wurde.
»Alles wird gut gehen«, wiederholte Stasj noch einmal. »Vertraut uns.«
Danach umfing uns Stille. Stasj und Alex hatten den Raum verlassen. Ich lag da und uberlegte, ob ich mit Lion sprechen konnte — seine Tasche stand direkt neben mir. Ich entschied mich dafur, das Verbot von Stasj nicht zu ubertreten. Und das war gut so — ich hatte nicht bemerkt, wie sich eine Tur offnete, horte lediglich Stimmen:
»Nein, schau dir das an, so viel Kram… Und das sollen wir alles zu zweit schaffen?«
»Das ist unser Job. Fang an…«
Ich erkannte gleich, dass der erste der Sprechenden ein normaler Mensch, der zweite ein Hirnamputierter war. Sie naherten sich und hoben die Truhe an, wobei der Normale leise fluchte. Und sie schleppten.
Ich wurde so geschaukelt, dass mir sogar ein bisschen ubel wurde. Die Truhe stellte man grob und rucksichtslos ab, und au?erdem musste ich mal fur kleine Jungs, als ob ich nicht gerade vor zwanzig Minuten war. So ein Pech aber auch! Ich nahm mir fest vor auszuhalten und begann aufmerksam zu horchen.
Um mich herum herrschte ein Durcheinander. Entweder waren wegen der Abreise der Bermanns zusatzliche Dienstboten gekommen oder die wenigen Wachmanner machten so einen Larm. Die ganze Zeit uber befand sich jemand in unserer Nahe. Zwei Stimmen erorterten den Spleen des »alten Kauzes«, im dekorativen Kamin jede Menge Zeugs zu verbrennen.
»Das stank, als ob sie dort Leichen verbrannt hatten«, schimpfte jemand.
»Und diesem Untier gegenuber darf man nicht einmal eine Andeutung machen!«
»Wenn er abgereist ist, verfassen wir einen Bericht.« Diese Stimme kannte ich. Es war die Frau, die bereits
