»Ich muss doch bitten! Ich habe ebenfalls einen Zwillingsbruder, Herr Cargomeister.«

Es gab eine kurze Pause.

»Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber ich kann nicht noch weitere siebenhundert Kilogramm Gepack in die Kajuten laden! Es wurde das Gleichgewicht des Raumschiffes storen und die Navigation im Tunnel gefahrden.«

»Vierhundert Kilogramm.«

»Ihr Mister Smith wiegt fast anderthalb Zentner! Und dazu noch seine Tochter und deren personliche Sachen mit uber einhundert Kilo! Wir mussen sie wahrend des Starts sowieso schon in den Salon treiben. Ich habe eine kleine, schnelle Jacht, kapieren Sie? Gab es bei Ihnen auf dem Kosmodrom schon einmal Havarien?«

»Und was schlagen Sie vor?« Der Schichtleiter drohte zu explodieren. »Den besonders wichtigen Passagieren, die mir vom Prasidialamt avisiert wurden, mitzuteilen, dass ihr Gepack auf dem Planeten zuruckbleibt? Einverstanden, unterschreiben Sie Ihre Weigerung. Ich wasche meine Hande in Unschuld. Unterschreiben Sie!«

Das also nennt sich hohere Gewalt! Wer hatte denn gedacht, dass einem Multimillionar die Beforderung seines Gepacks verweigert wurde? Ich stellte mir vor, wie die Sachen in die Gepackaufbewahrung kamen, dort von Stasj abgeholt wurden und wir auf ein anderes Raumschiff warten mussten… Mir wurde allein schon von dem Gedanken daran schlecht, dass nun alle Leiden vergeblich waren.

»Gehen wir doch die Dinge bedachtig an«, meinte der Cargomeister, der fur die gesamte Ladung eines Raumschiffs zustandig war, schon ruhiger. »Was haben wir denn hier? Vier Gepackstucke?«

»Ja.«

»Zwei Koffer, eine Tasche und eine Anabiosekammer… Was sind das nur fur Verruckte? In jeder Kajute ist eine Anabiosekammer der Luxusklasse. Aber nein, sie schleppen ihre eigene Kammer durch die ganze Galaxis mit sich herum! Also in den zweiten Frachtraum wurden noch rund dreihundert Kilogramm passen…«

»Wir haben vierhundert.«

»Einen Teil lassen wir hier. Schicken Sie es mit dem Abendflug nach, mit den entsprechenden Entschuldigungen.«

Der Schichtleiter lachte spottisch. »So? Haben Sie uberhaupt eine Ahnung davon, welche Querelen so ein Passagier machen kann, wenn ihm ein Koffer fehlt?«

»Sie konnen mir glauben, dass ich es ahne. Nehmen Sie eine?«

»Ah… ja. Danke. Von der Erde?«

»Genau. Echter Tabak wachst nur auf der Erde.«

»Ich wurde nicht sagen, dass der vom Edem schlechter ist.«

»Er ist nicht schlechter, er ist ganz anders. Andere Sonne, anderer Boden, anderes Wasser… Also was, verstauen wir es in den Laderaum?«

»Wenn ich mich nicht irre, kann man den zweiten Frachtraum wahrend des Fluges nicht betreten.«

»Stimmt. Nicht so schlimm, sie werden es schon mal zwei Tage lang ohne einen zusatzlichen Smoking aushalten. Na los, laden wir diesen Eisschrank ein… soll Miss Smith den dazugehorenden, im Raumschiff eingebauten, benutzen, das schadet nichts. Und noch die Tasche und den Koffer. Und den da schickt ihr abends nach. Vielleicht vermissen sie ihn gar nicht sofort!«

Mir brach der Schwei? aus. Nicht etwa deshalb, weil der Koffer, in dem ich lag, derjenige sein konnte, der auf Neu- Kuweit zuruckblieb.

Zum Frachtraum gab es wahrend des Flugs keinen Zutritt! Das bedeutete, dass Natascha zwar in der Anabiosekammer, aber nicht in Anabiose in den Zeittunnel eintreten wurde. Ihre Zellen wurden spuren, dass sich die Welt um sie herum verandert hat… und sterben.

Was nun?

Was sollte ich nur machen? Schreien? Aber Stasj hatte befohlen, auf keinen Fall Larm zu schlagen!

Und Natascha ahnte sicher nicht einmal etwas von der drohenden Gefahr! Das Fenster in der Anabiosekammer war schallisoliert.

Was sollte ich machen?

»Sagen Sie, wo haben Sie diese Zigaretten her? Ich bin kein gro?er Kenner, aber mein Schwiegervater…«

»Sie sind naturlich geschmuggelt. Auf Inej-3 wurde eine gro?e Menge beschlagnahmt und auf einer Auktion zum Nominalpreis ans Personal verkauft.«

»Aha.« In der Stimme des Schichtleiters klang Neid. »Bei uns gibt es so etwas nicht.«

»Beschweren Sie sich bei der Gewerkschaft. Diese Ausverkaufe sind auf Inej ublich. Sie steigern spurbar die Aufmerksamkeit des Personals. Ha-ha!«

Der Schichtleiter fiel in das Lachen ein. Dann sagte er:

»Gerade solche, die nicht kontrolliert werden, schmuggeln.«

»Manchmal. Einmal hatten wir den Botschafter von Geraldika, das ist so ein unbedeutender Planet, befordert… Hallo, kommt hierher! Das, das und das in den Frachtraum, in den zweiten! Festzurren braucht ihr nicht, ich kummere mich selbst ums Gepack.«

»Und das«, gemeinsam mit dem Koffer schwankte ich von einem leichten Sto?, »in die Gepackaufbewahrung, vorubergehend!«

Mir war nach Schreien zumute. Mir war au?erordentlich nach Schreien zumute, als der Koffer mit mir irgendwohin getragen wurde, manchmal gegen Tureinfassungen schlug und letztendlich fluchend auf dem Boden abgestellt wurde.

Aber ich schwieg. Stasj hatte befohlen zu schweigen, egal, was passieren wurde. Ich schwieg und schaffte es sogar, lautlos zu weinen. Ich bemuhte mich um Haltung wie ein Erwachsener, ein richtiger Mann, ein Phag.

Nur dass ich erneut in die Windel machte, ich konnte es nicht langer aushalten.

Kapitel 4

Ich hasse es, hilflos zu sein. Insbesondere dann, wenn es sich dabei um korperliche Hilflosigkeit handelt. Wenn mich zum Beispiel ein alterer Schuler schnappte, den gerade ein Knirps von den oberen Stockwerken aus mit Wasserbomben beworfen hatte, meinen Kopf in ein volles Waschbecken steckte, mich darin festhielt und dabei dozierte: »Das bekommst du nicht dafur, dass du mein Hemd schmutzig gemacht hast, sondern weil ihr kleinen Dummkopfe gutes Wasser vergeudet!« Dann versuchte ich in dieser Situation, den Mund voller Wasser und der altere Schuler doppelt so gro? und stark, zu beweisen, dass ich gar keine Dummheiten gemacht, sondern lediglich daneben gestanden und zugesehen hatte. Das Schlimmste an dieser Hilflosigkeit ist jedoch die Ausweglosigkeit, wenn man ganz genau wei?: Alle Anstrengungen sind umsonst, und ganz egal, was man macht, es ist immer falsch. Namlich dann, wenn man sein Schluchzen zuruckdrangt und dem Fiesling erklart, dass man uberhaupt nicht die Wasserbomben auf ihn geworfen, sondern nur zugesehen hat, dann wird man zur Belohnung nochmals mit dem Kopf ins Becken getaucht. Dieses Mal deshalb, weil man zugesehen hat, ohne die Kleinen von ihrem Tun abzuhalten. Jetzt befand ich mich in derselben Situation. Ich sa? im Koffer wie Schrodingers Katze in ihrer Kiste. Solange ich nicht gehandelt hatte, war nicht klar, wie ich hatte handeln mussen. Sollte ich Larm schlagen, um Natascha zu retten? Oder lieber still bleiben und mich darauf verlassen, dass Stasj alles rechtzeitig aufklarte und in Ordnung brachte?

Ich musste nur einen Laut von mir geben und schon wurde Schrodingers Kiste geoffnet. Und sofort wurde sich herausstellen, dass ich genau das Falsche gemacht, alles verhunzt und alle verraten hatte.

Wenn ich jedoch keinen Laut von mir gabe, wurde ich trotzdem irgendwann gefunden. Der Koffer wurde geoffnet, und ich musste erfahren, dass ich hatte schreien sollen, um Natascha zu retten, damit Stasj hatte einen Weg finden konnen, um alle Probleme zu losen…

Kurz gesagt, ich hatte ganz einfach Angst, eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung dafur zu ubernehmen. Aber ich hatte mich schon vor langer Zeit davon uberzeugen konnen, dass ich, wenn ich vollig hilflos war und nicht wusste, was ich machen sollte, besser gar nichts machte. Dann war der Schaden am geringsten. Wenn es jedoch eine auch noch so kleine Moglichkeit des Gelingens gab, dann ware es besser, zu handeln…

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