empfehle Ihnen, es Ihrem Freunde gleichzuthun.«
Auf Khamis konnte man sich ja verlassen: er wurde keine Minute unaufmerksam sein.
Llanga legte sich neben Max Huber nieder. John Cort wollte seiner Mudigkeit trotzen. Eine Viertelstunde unterhielt er sich noch mit dem Foreloper. Beide sprachen von dem unglucklichen Portugiesen, mit dem Khamis schon lange in Verbindung gestanden hatte, und dessen vortreffliche Eigenschaften auch im Laufe des letzten Zuges haufig genug hervorgetreten waren.
»Der Ungluckliche, meinte Khamis, hatte den Kopf verloren, sobald er sich von den schurkischen, feigen Tragern verlassen und beraubt sah.
– Der arme Mann!« murmelte John Cort.
Das waren aber die letzten Worte, die er sprach. Von der Mudigkeit uberwaltigt, sank er auf das Gras nieder und schlief auch sofort ein.
Khamis wachte bis zum Tagesanbruch. Er allein hielt die Augen offen, lauschte gespannten Ohres auf das leiseste Gerausch, wahrend er immer das Gewehr bei der Hand hatte.
Sein Blick suchte die finstere Umgebung zu erkennen, zuweilen erhob sich der Mann, um da und dort sich zu uberzeugen, wie es unter den Baumen der nachsten Umgebung aussah, und immer blieb er bereit, seine Gefahrten rasch zu wecken, wenn es nothig werden sollte, sich zu vertheidigen.
Aus einzelnen Zugen hat der Leser bereits erkennen konnen, welcher Unterschied im Charakter der beiden Freunde, des Franzosen und des Amerikaners, herrschte.
John Cort war sehr ernster und praktischer Natur, was man ja gewohnlich an den eingebornen Bewohnern Neuenglands beobachtet. Ein in Boston geborner Yankee, hatte er von einem solchen doch nur die ruhmenswerthen Eigenschaften an sich.
Mit Vorliebe beschaftigte er sich mit Fragen der Geographie und Anthropologie, und das Studium der verschiedenen Menschenrassen interessierte ihn im hochsten Grade. Mit diesen Vorzugen vereinigte er einen gro?en Muth und ware fur die, die er seine Freunde nannte, gewi? der au?ersten Aufopferung fahig gewesen.
Max Huber, ein Pariser Kind, und ein solches noch immer auch in den fernen Landern, wohin ihn der Zufall im Leben verschlagen hatte, stand an Kopf und Herz gegen John Cort nicht zuruck. Er war dagegen weniger praktischen Sinnes, man hatte sagen konnen, er »lebte in Versen,« wahrend John Cort
»in der Prosa« lebte. Sein Temperament verlockte ihn zu den au?ergewohnlichsten Dingen. Wie sich schon gezeigt hat, hatte er sich gern zu den bedauerlichsten Unbesonnenheiten verleiten lassen, sobald seine Phantasie ihm ein merkwurdiges Ziel vorgaukelte, wenn sein klug abwagender Begleiter ihn nicht davon zuruckgehalten hatte. Seit der Abreise aus Libreville war dazu schon wiederholt Gelegenheit gewesen.
Libreville ist die Hauptstadt des franzosischen Congogebiets.
Am linken Ufer der Gabonmundungen 1849 gegrundet, zahlt es jetzt zwischen funfzehn- und sechszehnhundert Einwohner.
Es ist der Sitz des Gouverneurs der Colonie, andere eigentliche Gebaude als das Wohnhaus des hohen Beamten darf man hier freilich nicht suchen. Hochstens ware noch das Krankenhaus und die Niederlassung der Missionare zu nennen; im ubrigen besteht die Stadt dann aber, in ihren dem Handel und der Industrie dienenden Theilen, aus Kohlenschuppen, Magazinen und aus den Werftanlagen.
Drei Kilometer von der Hauptstadt liegt jedoch eine Art Vorort, das Dorf Gla?, wo sich bluhende deutsche, englische und amerikanische Factoreien befinden.
Hier hatten sich Max Huber und John Cort vor funf oder sechs Jahren kennen gelernt und bald mit einander Freundschaft geschlossen. Ihre Familien waren an der amerikanischen Factorei in Gla? ziemlich stark betheiligt, und an dieser nahmen beide jungen Manner mehr hervorragende Stellungen ein. Das Etablissement stand in voller Bluthe; es war dem Handel mit Elfenbein, Arachidenol, Palmenwein und sonstigen Erzeugnissen des Landes gewidmet, z. B. dem mit der losend und belebend wirkenden Gurunu?, mit der Kaffabeere, die ein durchdringendes Aroma und starkende Eigenschaften hat, u. s. w. Alle diese Erzeugnisse wurden in gro?er Menge nach den Markten Europas und Amerikas ausgefuhrt.
Vor drei Monaten hatten nun Max Huber und John Cort den Plan entworfen, die ostlich vom franzosischen Congo und von Kamerun gelegenen Gebiete zu besuchen. Bei ihrer ausgesprochenen Jagdlust zogerten sie keinen Augenblick, sich einer Karawane anzuschlie?en, die eben im Begriffe war, von Libreville aufzubrechen, um nach diesen Landestheilen zu ziehen, wo es, vorzuglich jenseit des Bahar-el-Abiad bis zu den Grenzen von Baghirmi und Darfur, noch sehr viele Elefanten giebt. Beide kannten den Leiter dieser Karawane, den Portugiesen Urdax, der aus Loango geburtig war und allgemein fur einen erfahrenen Handler galt.
Urdax hatte seiner Zeit zu der Gesellschaft von Elfenbeinjagern gehort, der Stanley, als sie eben aus dem nordlichen Congogebiete zuruckkehrte, zwischen 1887 und 1889 bei Ipoto begegnet war. Der Portugiese stand aber nicht in dem schlechten Rufe seiner Genossen, die – wenigstens die meisten – unter dem Vorwande, Elefanten zu jagen, die Eingebornen niedermetzeln, um sie zu berauben, so da?, wie der unerschrockene Erforscher Aequatorial-Afrikas sich ausdruckt, das Elfenbein, das sie heimbrachten, gewohnlich mit Menschenblut besudelt war.
Nein, ein Franzose und ein Amerikaner konnten, ohne sich etwas zu vergeben, der Gesellschaft Urdaxens und auch des Forelopers beitreten, des Fuhrers der Karawane, den wir unter dem Namen Khamis kennen gelernt haben und auf dessen Ergebenheit und Eifer man sich unter allen Umstanden verlassen konnte.
Der Jagdzug war, wie der Leser wei?, bisher recht erfolgreich gewesen. Des Klimas schon gewohnt, hatten John Cort und Max Huber die Muhsal und die Anstrengungen der Reise ganz vorzuglich ausgehalten. Wenn auch etwas abgemagert, waren sie auf dem Ruckwege vollig wohlauf, als der ungluckliche Zwischenfall ihren weiteren Zug so grauenvoll unterbrach.
Jetzt, wo sie noch bis Libreville eine Strecke von reichlich zweitausend Kilometern zuruckzulegen hatten, fehlte ihnen sogar der Leiter der ganzen Karawane.
Den »Gro?en Wald« hatte Urdax den Wald von Ubanghi, dessen Grenzen sie eben uberschritten hatten, genannt, und seine Ausdehnung rechtfertigte auch diesen Namen.
In den bekannten Theilen der Erde giebt es mehrfach solche mit Millionen von Baumen bedeckte und so gro?e Flachen, da? die meisten Staaten Europas darauf bequem Platz fanden.
Unter den ausgedehntesten Waldgebieten der Welt nennt man vor allem vier, die in Nordamerika, in Sudamerika, in Sibirien und in Centralafrika zu suchen sind.
Der erste erstreckt sich in nordlicher Richtung bis zur Hudsonbai und zur Halbinsel Labrador hinauf, und bedeckt, in den Provinzen Quebec und Ontario, nordlich vom Lorenzostrome, ein Gebiet von zweitausendsiebenhundertfunf-zig Kilometer Lange und sechzehnhundert Kilometer Breite.
Der zweite findet sich im nordwestlichen Brasilien im Thale des Amazonenstromes in einer Ausdehnung von dreitausenddreihundert Kilometer Lange bei zweitausend Kilometer Breite.
Der dritte, mit den Seitenlangen von viertausendachthundert und zweitausendsiebenhundert Kilometern, ragt mit seinen ungeheueren, bis hundertfunfzig Fu? hohen Coniferen (Nadelholzern) im mittleren Theile von Sibirien empor, und zwar vom Becken des Obi im Westen an bis zum Thale des Indighiska im Osten, einer Gegend, die vom Jenissei, vom Olamk und von der Lena und Yana bewassert wird.
Der vierte endlich reicht vom Congothale bis zu den Quellen des Nils und des Sambesi; er umfa?t eine fast unbegrenzte Flache, wahrscheinlich eine gro?ere, als einer der anderen Riesenwalder. Hier dehnt sich die ungeheuere, noch fast unbekannte Landmasse aus, der mittlere zu beiden Seiten des Aequators liegende Theil Afrikas, der im Norden des Congo und des Ogue wohl eine Million Quadratkilometer – zweimal die Oberflache Frankreichs – einnimmt.
Wie fruher erwahnt, hatte der Portugiese Urdax niemals beabsichtigt, durch diesen Wald zu ziehen, sondern er wollte ihn nach Westen zu, umgehen. Wie hatten auch der Wagen und das Ochsengespann inmitten dieses Labyrinths vorwarts kommen konnen! Eine Verlangerung ihres Marsches um einige Tage in den Kauf nehmend, sollte die Karawane an dessen Saume hin einem bequemen Wege folgen, der nach dem rechten Ufer des Ubanghi fuhrte, von dem aus dann die Factoreien von Libreville ohne Schwierigkeit zu erreichen waren.
Jetzt hatte sich die Sachlage freilich geandert. Das Hinderni? eines zahlreichen Personals und eines umfanglichen Gepacks war plotzlich weggefallen… jetzt war von keinem Wagen, keinem Ochsen, von keinem Lagermaterial mehr die Rede…
nur drei Manner und ein Knabe – ein halbes Kind – waren noch ubrig, und diesen fehlte es fur die funfhundert Lieues bis zur Kuste des Atlantischen Oceans an jedem Transportmittel.
