Was sollte nun geschehen? Sollten sie dem von Urdax vorgeschlagenen Wege nachgehen, oder etwa, wenn auch unter ungunstigen Verhaltnissen, als Fu?ganger versuchen, schrag durch den Wald zu dringen, wo Begegnungen mit Nomaden weniger zu furchten waren und wodurch der Weg nach dem franzosischen Congogebiet nicht unbetrachtlich abgekurzt wurde?

Das war die nachstliegende wichtigste Frage, die am folgenden Morgen, wenn Max Huber und John Cort erwacht waren, erwogen und entschieden werden mu?te.

Khamis hatte die langen Stunden uber redlich Wacht gehalten. Kein Zwischenfall hatte die Ruhe der Schlafer gestort oder einen nachtlichen Ueberfall befurchten lassen. Wiederholt war der Foreloper, den Revolver in der Hand, ein Stuck weit hineingegangen und hatte sich durch das Buschwerk geschlichen, sobald er in der Umgebung ein verdachtiges Gerausch vernahm. Immer war es nur das Abbrechen eines abgestorbenen Zweiges gewesen, der Flugelschlag eines gro?en Vogels, der sich in den Baumkronen bewegte, das Stapfen eines Wiederkauers in der Nahe des Halteplatzes, oder es hatte von dem unbestimmbaren Waldesraunen hergeruhrt, wenn der Nachtwind das obere Laubdach bewegte.

Sobald die beiden Freunde die Augen aufschlugen, waren sie auch schon auf den Fu?en.

»Wie steht es mit den Eingebornen? lautete John Cort’s erste Frage.

– Sie sind nicht wieder sichtbar geworden, erwiderte Khamis.

– Finden sich denn keine Spuren von ihrem Wegzuge?

– Das ware wohl moglich, Herr Cort, wahrscheinlich naher am Rande…

– Wir wollen uns gleich davon uberzeugen, Khamis.«

Alle drei, und mit ihnen Llanga, gingen nach der Seite der Ebene hin. Drei?ig Schritte weiter fehlte es nicht an den vermutheten Merkzeichen: vielfache Fu?abdrucke, am Fu?e der Baume niedergetretenes Gras, halb verbrannte harzige Zweige, Aschenhausen, worin noch immer einzelne Funken glitzerten, Dorngestrupp, aus dem da und dort noch ein leichter Rauch aufwirbelte. Im ubrigen aber fand sich kein menschliches Wesen unter den Baumen oder an den Stellen, wo sich funf bis sechs Stunden vorher die schwankenden Flammen gezeigt hatten.

»Davongezogen… sagte Max Huber.

– Oder sie haben sich wenigstens von hier entfernt, meinte Khamis, und ich glaube, wir haben hier nichts mehr zu befurchten…

– Na, wenn die Eingebornen sich auch entfernt haben, bemerkte John Cort, so sind die Elefanten wenigstens ihrem Beispiele nicht gefolgt.«

In der That tummelten sich die machtigen Pachydermen noch immer in der Nahe des Waldes umher. Manche davon bemuhten sich hartnackig, die Baume am Rande durch Anprallen daran umzusturzen. Was die Tamarindengruppe anging, konnten Khamis und seine Leidensgefahrten erkennen, da? sie vollig umgelegt war. Der seiner Baumzierde beraubte Hugel bildete nur noch eine leichte Erhebung uber der Flache der Ebene.

Auf den Rath des Forelopers hin vermieden es John Cort und Max Huber, sich zu zeigen, in der Hoffnung, da? sich auch die Elefanten davontrollen wurden.

»Das wurde uns gestatten, noch einmal nach dem Lager zuruckzukehren, sagte Max Huber, und dort die Ueberreste unserer Habseligkeiten zu sammeln, vielleicht einige Kistchen mit Conserven, Munition…

– Und dazu, fiel John Cort ein, konnten wir dem unglucklichen Urdax ein ehrliches Begrabni? bereiten.

– An alles das ist nicht zu denken, so lange die Elefanten sich noch am Saume des Waldes tummeln, erklarte Khamis. Was ubrigens das Material aller Art betrifft, so durfte das wohl in formlose Trummer verwandelt sein.«

Der Foreloper sollte recht behalten, und da die Elefanten keine Anstalt machten, abzuziehen, handelte es sich nun darum, zu entscheiden, was begonnen werden sollte. Khamis, John Cort und Max Huber kehrten also nach dem Ruheplatze zuruck.

Dabei gelang es Max Huber noch, ein hubsches Stuck Wild zu erlegen, das die Ernahrung der kleinen Gesellchaft fur zwei bis drei Tage zu sichern versprach.

Es war ein Inyala, eine Art Antilope mit grauem, von braunen Haaren durchsetztem Fell, ein ziemlich gro?es Exemplar mannlichen Geschlechts, mit gewundenen Hornern und mit einer Art Mahne an der Brust und der Unterseite des Leibes. Die Kugel hatte das Thier getroffen, als dieses gerade den Kopf durch das Gestrauch vorstreckte.

Der Inyala mochte zweihundertfunfzig bis dreihundert Pfund wiegen. Als er ihn zusammenbrechen sah, war Llanga wie ein Jagdhund darauf zugelaufen. Naturlich konnte er ein so schweres Stuck Wild nicht allein tragen und man mu?te ihm dabei zu Hilfe kommen.

Der in solchen Dingen geubte Foreloper zerlegte das Thier und behielt davon nur die brauchbaren Stucke zuruck, die nach einem schnell zurecht gemachten Feuerherd geschafft wurden.

John Cort schuttete einen Armvoll durres Holz auf, das in wenigen Minuten hell aufflackerte. Nachdem sich dann eine Schicht gluhender Kohlen gebildet hatte, legte Khamis mehrere Schnitte des leckeren Fleisches darauf.

Auf Conserven und Zwieback, wovon die Karawane viele Buchsen und Kisten mit sich gefuhrt hatte, mu?te man freilich verzichten; jedenfalls hatten die entflohenen Trager sich auch diese Vorrathe angeeignet. Zum Gluck ist in den wildreichen Waldern Centralafrikas ein Jager immer in der Lage, die nothige Nahrung zu erbeuten, wenn er sich nur mit gebratenem oder gerostetem Fleisch begnugt.

Dazu gehort naturlich, da? ihm die Munition nicht ausgeht.

John Cort, Max Huber und Khamis waren nun jeder mit einem Pracisionsgewehr und einem Revolver ausgerustet. Diese Feuerwaffen konnten ihnen bei geschickter Benutzung gro?e Dienste leisten, nur machte es sich nothig, die Patronentaschen ordentlich zu fullen. Alles in allem verfugten sie aber, obwohl sie vor dem Verlassen des Wohnwagens ihre Taschen gehorig vollgestopft hatten, doch nicht uber mehr als funfzig Schu?.

Das war, wie man zugeben wird, ein durftiger Vorrath, vorzuglich wenn die Wanderer auf dem sechshundert Kilometer langen Wege bis zum rechten Ubanghiufer auch noch in die Nothlage kamen, sich gegen Raubthiere oder nomadisierende Eingeborne zu vertheidigen. Von dem genannten Flusse aus konnten sich Khamis und seine Begleiter entweder in den Dorfschaften und den Niederlassungen der Missionare, oder auch an Bord von Flottillen, die den gro?en Nebenflu? des Congo befahren, leicht mit allem nothigen versorgen.

Nachdem sie sich an dem Fleische des Inyala tuchtig gesattigt und sich mit dem klaren Wasser eines zwischen den Baumen verlaufenden Baches erquickt hatten, traten alle drei zur Berathschlagung ihrer weiteren Schritte zusammen.

John Cort begann die Verhandlung mit folgenden Worten:

»Bisher, Khamis, ist Urdax unser Leiter und Chef gewesen.

Er hat uns stets bereit gefunden, seinen Rathschlagen zu folgen, denn wir hatten auf ihn ein unbedingtes Vertrauen.

Dasselbe Vertrauen flo?en Sie uns durch Ihren Charakter und Ihre Erfahrung ein. Erklaren Sie, was Sie, in der Lage, worin wir uns befinden, zu thun fur richtig halten, und Sie durfen unserer Zustimmung sicher sein.

– Gewi?, bekraftigte Max Huber die Worte seines Freundes, daruber wird zwischen uns niemals ein Zwiespalt aufkommen.

– Ihnen, Khamis, ist das Land hier bekannt, fuhr John Cort fort. Seit einer Reihe von Jahren haben Sie Karawanen durch diese Gebiete, und zwar mit einer Ergebenheit gefuhrt, die wir selbst an Ihnen schatzen zu lernen Gelegenheit hatten. An diese Ergebenheit, diese Treue appellieren auch wir, und ich wei?, da? wir damit keine Fehlbitte thun.

– Herr Cort und Herr Huber, Sie konnen auf mich rechnen«, erwiderte der Foreloper einfach.

Er druckte die ihm entgegengestreckten Hande der jungen Manner und reichte auch Llanga noch die Hand.

»Was ist nun Ihre Ansicht? nahm John Cort wieder das Wort.

Sollen wir, wie Urdax es wollte, den Wald an der Westseite umwandern oder nicht?

– Wir mussen vielmehr durch diesen ziehen, erklarte der Foreloper ohne Zogern. Dabei werden wir vor unliebsamen Begegnungen mehr geschutzt sein. Auf wilde Thiere konnten wir ja treffen, auf Eingeborne aber nicht. Weder Pahuins oder Denkas, noch Funds oder Bughos haben sich jemals in dessen Inneres gewagt, so wenig wie uberhaupt eine Volkerschaft aus Ubanghi. Auf der Ebene sind wir, vorzuglich durch Nomaden, weit mehr Gefahren ausgesetzt. Durch den Wald hier, in dem eine Karawane mit ihren Zugthieren niemals vorwarts kame, konnen sich Fu?ganger schon einen Weg bahnen. Ich wiederhole also: brechen wir nach Sudwesten hin

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