Eingang des Kindergartens endete. Amir begann sofort und in den hochsten Tonen zu heulen, aber das kummerte uns nicht. Wir fuhren ab. Der Fratz soll nur ruhig heulen. Das kraftigt die Stimmbander.
Nach einer Weile, vielleicht eine volle Minute spater, wurden wir nachdenklich. In unseren Herzen stieg die bange Frage auf, ob er denn wohl noch immer weinte.
Wir fuhren zum Kindergarten zuruck. Amir hing innen am Gitter, die kleinen Handchen ins Drahtgeflecht verklammert, den kleinen Korper von Schluchzen geschuttelt, aus dem die Rufe »Mami« und »Papi« klar hervordrangen.
Eine Stunde spater wu?te man in der ganzen Nachbarschaft, da? Amir zu Hause war und nicht im Kindergarten.
Und dann trat eine Wendung ein. Wir verbrachten den Abend bei den Birnbaums, zwei netten alteren Leuten. Im Lauf der Unterhaltung kamen wir auch auf Amir und das
Kindergartenproblem zu sprechen und schlossen unsern Bericht mit den Worten:
»Kurz und gut - er will nicht.«
»Naturlich nicht«, sagte Frau Birnbaum, eine sehr gescheite, feingebildete Dame. »Sie durfen ihm Ihren Willen nicht aufnotigen, als ware er ein dressierter Delphin. So kommt man kleinen Kindern nicht bei. Auch unser Gabi wollte anfangs nicht in den Kindergarten gehen, aber es ware uns nie eingefallen, ihn zu zwingen. Hatten wir das getan, dann ware aus seiner Abneigung gegen den Kindergarten spaterhin eine Abneigung gegen die Schule geworden und schlie?lich gegen das Lernen uberhaupt. Man mu? Geduld haben. Zugegeben, das hat gewisse Schwierigkeiten im Haushalt zur Folge, es kostet auch Zeit und Nerven, aber die seelische Ausgeglichenheit eines Kindes ist jede Muhe wert.«
Meine Frau und ich wurden gelb vor Neid: »Und hat Ihr System Erfolg?«
»Das will ich meinen! Wir fragen Gabi von Zeit zu Zeit ganz beilaufig: >Gabi, wie war's morgen mit dem Kindergarten?< Und das ist alles. Wenn er nein sagt, dann bleibt's eben beim Nein. Fruher oder spater wird er schon einsehen, da? man nur sein Bestes will.«
In diesem Augenblick steckte Gabi den Kopf durch die Ture: »Papi, bring mich ins Bett.«
»Komm doch erst einmal her, Gabi«, forderte ihn mit freundlichem Lacheln Herr Birnbaum auf. »Und gib unseren Freunden die Hand. Auch sie haben einen kleinen Sohn. Er hei?t Amir.«
»Ja«, sagte Gabi. »Bring mich ins Bett.«
»Gleich.«
»Sofort.«
»Erst sei ein lieber Junge und begru?e unsere Gaste.«
Gabi reichte mir fluchtig die Hand. Er war ein hubscher Kerl, hochgewachsen und wohlgebaut, etwa 1,80 in gro? und eigentlich langst erwachsen.
»Jetzt mussen Sie uns entschuldigen«, sagte Vater Birnbaum und verlie? mit seinem Sohn das Zimmer.
»Gabi! « rief Frau Birnbaum hinterher. »Mochtest du morgen nicht in den Kindergarten gehen?«
»Nein.«
»Ganz wie du willst, Liebling. Gute Nacht.«
Wir blieben mit der Mutter allein.
»Es stort mich nicht im geringsten, da? er nicht in den Kindergarten gehen will«, sagte sie. »Er ist ohnehin schon zu alt dafur. Nachstes Jahr wird er zum Militardienst einberufen. Was soll er da noch im Kindergarten?«
Ein wenig betreten verlie?en wir das Birnbaumsche Haus. Bei allem Respekt vor den erzieherischen Methoden unserer Gastgeber schien uns das Ergebnis denn doch nicht so furchtbar gut. Ich wurde nachdenklich. Immer dieser dumme Kindergarten. Wo steht denn geschrieben, da? es Kindergarten geben mu?? Bin ich als kleines Kind vielleicht in den Kindergarten gegangen?
Jawohl. Also?
Wir mu?ten den Alpdruck endlich loswerden. Am nachsten Tag suchten wir unsern Hausarzt auf, um uns mit ihm zu beraten. Er teilte unsere Bedenken und fugte abschlie?end hinzu: »Au?erdem ist es gar nicht ungefahrlich, den Kleinen jetzt in den Kindergarten zu schicken. Wir haben den Erreger dieser neuen Sommerkrankheit noch nicht entdeckt - aber es besteht gro?te Ansteckungsgefahr. Besonders wenn viele Kinder beisammen sind.«
Das war die Entscheidung. Das war die Erlosung. Zu Hause angelangt, machten wir Amir sofort mit der neuen Sachlage vertraut: »Du hast Gluck, Amirlein. Der Onkel Doktor erlaubt nicht, da? du in den Kindergarten gehst, weil du dir dort alle moglichen Krankheiten holen konntest. Die Bazillen schwirren nur so in der Luft herum. Das war's. Den Kindergarten sind wir los.«
Seither gibt es mit Amir keine Schwierigkeiten mehr. Er sitzt den ganzen Tag im Kindergarten und wartet auf die Bazillen. Und er wurde um keinen Preis auch nur eine Minute fruher nach Hause gehen, als er mu?.
Zum Nachmittagstee kamen die Lustigs, die wir eingeladen hatten, und brachten ihren sechsjahrigen Sohn Schragele mit, den wir nicht eingeladen hatten. Aber Schragele war ein netter, wohlerzogener Knabe, obwohl er uns ein wenig nervos machte, da er sich pausenlos in samtlichen Raumen unseres Hauses herumtrieb.
Wir sa?en mit seinen Eltern beim Tee und unterhielten uns uber alles mogliche.
Plotzlich horten wir, da? Schragele, nun ja, die Wasserspulung unserer Toilette in Betrieb setzte.
An sich ware das nichts Au?ergewohnliches gewesen. Warum soll ein gesundes Kind im Laufe eines Nachmittags nicht das Bedurfnis verspuren, auch einmal... man versteht, was ich meine... und warum soll es danach nicht die Wasserspulung... wie gesagt: Das ist nichts Au?ergewohnliches.
Au?ergewohnlich wurde es erst durch das Verhalten der Eltern. Sie verstummten mitten im Satz, sie verfarbten sich, sie sprangen auf, sie schienen von plotzlichen Krampfen befallen zu sein, und als Schragele in der Ture erschien, brullten sie beide gleichzeitig: »Schragele - was war das?«
»Der Schlussel zum Kleiderschrank vom Onkel«, lautete die ruhig erteilte Auskunft des Knaben.
Frau Lustig packte ihn an der Hand, zog ihn unter heftigen Vorwurfen in die entfernteste Zimmerecke und lie? ihn dort mit dem Gesicht zur Wand stehen.
»Wir sprechen nur ungern daruber.« Herr Lustig konnte dennoch nicht umhin, sein bekummertes Vaterherz mit gedampfter Stimme zu erleichtern. »Schragele ist ein ganz normales Kind - bis auf diese eine, merkwurdige Gewohnheit. Wenn er einen Schlussel sieht, wird er von einem unwiderstehlichen Zwang befallen, ihn... Sie wissen schon... ins Klo zu werfen und hinunterzuspulen. Nur Schlussel, nichts anderes. Immer nur Schlussel. Alle unsere Versuche, ihm das abzugewohnen, sind erfolglos geblieben. Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen. Freunde haben uns geraten, gar nichts zu unternehmen und das Kind einfach nicht zu beachten, dann wurde es von selbst zur Vernunft kommen. Wir haben diesen Rat befolgt - mit dem Ergebnis, da? wir nach einiger Zeit keinen einzigen Schlussel mehr im Haus hatten...«
»Komm einmal her, Schragele!« Ich rief den kleinen Tunichtgut zu mir. »Nun sag doch: warum wirfst du alle Schlussel ins Klo?«
»Wei? nicht«, antwortete Schragele achselzuckend. »Macht mir Freude.«
Jetzt ergriff Frau Lustig das Wort:
»Wir haben sogar einen Kinderarzt konsultiert. Er verhorte Schragele zwei Stunden lang und bekam nichts aus ihm heraus. Dann fragte er uns, ob wir den Buben nicht vielleicht als Baby mit einem Schlussel geschlagen hatten. Naturlich ein Blodsinn. Schon deshalb, weil ja ein Schlussel fur so etwas viel zu klein ist. Das sagten wir ihm auch. Er widersprach; und wir fingen an, daruber zu streiten. Mittendrin horten wir plotzlich die Wasserspulung: Schragele hatte uns eingesperrt, und erst als nach stundenlangem Telefonieren ein Schlosser kam, konnten wir wieder hinaus. Der Kinderarzt erlitt einen Nervenzusammenbruch und mu?te einen Arzt aufsuchen.«
In diesem Augenblick erklang abermals das Rauschen der Spulung. Unsere Nachforschungen ergaben, da?
