wiederhergestellt hatte, wurden diese Verletzten von den Arzten der eigenen Spezies behandelt, die im Industriekomplex des Meneldensystems arbeiteten, und dann auf provisorische Stationen gebracht, wo sie auf den Transport zum jeweiligen Heimatplaneten zur weiteren Behandlung oder Erholung warteten.
Nur die wirklich schweren Falle verlegte man ins Orbit Hospital.
Die Nachricht vom Unfall im Meneldensystem hatte das Hospital gerade rechtzeitig erreicht, um Conway die Auseinandersetzung mit einem anderen ernsthaften Problem zu ersparen, obwohl es nach Conways eigenem Dafurhalten weder bewundernswurdig noch selbstlos war, einen schweren Unfall als willkommenen Vorwand fur das Verschieben einer besonders beunruhigenden Begegnung zu nehmen.
Allmahlich hatten die Schulungsbander namlich einen derart starken Einflu? auf ihn genommen, da? er kaum noch sagen konnte, ob bestimmte Gefuhle von ihm selbst oder von einem oder allen seiner Gehirnpartner stammten. Dieser Zustand wirkte sich bereits so stark auf ihn aus, da? er, je naher die dienstfreie Zeit ruckte, in zunehmendem Ma?e die Zusammenkunft mit Murchison furchtete, wenn sie sich unter Umstanden, die zwangslaufig zu korperlichen Intimitaten fuhrten, in ihrer Unterkunft begegneten. Er wu?te einfach nicht, wie er auf seine Lebenspartnerin reagieren sollte, wie gut er — wenn uberhaupt — die Situation in den Griff bekommen konnte und, was am wichtigsten war, wie Murchison seine Reaktionen aufnehmen wurde.
Da wurde die Rhabwar plotzlich zum Meneldensystem gesandt, um die Rettungsaktion zu koordinieren und die schwerer Verletzten ins Hospital zu bringen, und Murchison, ein ma?gebendes Mitglied des medizinischen Teams, befand sich an Bord.
Zuerst war Conway uberaus erleichtert. Doch als fruherer Leiter des medizinischen Teams des Schiffs war er sich der Gefahr bewu?t, die Murchison von solch einem Unfall drohte, der im Verlauf einer gro?angelegten Rettungsaktion sehr leicht passieren konnte, und er machte sich allmahlich Sorgen. Anstatt sich zu freuen, ihr etwa einen Tag lang nicht begegnen zu mussen, sah er sich auf die Unfallaufnahmeschleuse zusteuern, kurz bevor das Ambulanzschiff nach dem ersten Ruckflug andocken sollte.
Er erspahte Naydrad und Danalta, die bei der Schleuse fur den Weitertransport standen und einen recht gro?en Abstand zum Unfallaufnahmeteam hielten, das bei seiner Tatigkeit offenbar keinerlei Hilfe benotigte.
„Wo ist Pathologin Murchison?“ wollte Conway sofort wissen, als eine Trage mit etwas vorbeikam, das wie ein Tralthaner mit einer mehrfachen, durch Gewalteinwirkung herbeigefuhrten Amputation aussah. Das Wissen vom FGLI-Band drangte sich in seinem Gehirn in den Vordergrund und schlug eindringlich Behandlungsmethoden fur diesen Patienten vor. Conway schuttelte unwillkurlich den Kopf, um klare Gedanken zu fassen, und sagte in bestimmterem Ton: „Ich will Murchison sprechen!“
Der neben der vollig untypisch schweigsamen Naydrad stehende Danalta nahm langsam die Korperkonturen einer weiblichen Terrestrierin an, die von den Umrissen und der Gro?e her denen der Pathologin entsprachen. Als er Conways Mi?fallen spurte, sackte er wieder zur eigenen Unformigkeit zusammen.
„Befindet sie sich an Bord?“ fragte Conway in scharfem Ton.
Das Fell der Schwester krauselte sich und zog sich zu unregelma?igen Buschelmustern zusammen, die Conways kelgianischem Alter ego verrieten, da? sie au?erst abgeneigt war zu antworten und mit Unannehmlichkeiten rechnete.
„Ich habe ein kelgianisches Band im Kopf gespeichert“, klarte Conway sie leise auf und deutete auf ihr verraterisches Fell. „Was bereitet Ihnen denn solches Kopfzerbrechen, Schwester?“
„Pathologin Murchison hat es vorgezogen, lieber an der Unglucksstelle zu bleiben, um Doktor Prilicla beim Sortieren der Unfallopfer behilflich sein zu konnen“, antwortete Naydrad schlie?lich.
„Beim Sortieren der Unfallopfer?“ stie? Conway unglaubig aus. „Prilicla sollte sich nicht Dingen aussetzen, die. Verdammter Mist! Ich fliege am besten selbst dorthin, um vor Ort zu helfen. Hier sind ja genugend Arzte zur Behandlung der Verletzten und falls. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“
Naydrads Fell bildete eine neue und dringendere Folge von Buscheln und Wellen.
„Doktor Prilicla ist der Leiter des medizinischen Teams“, sagte die Kelgianerin. „Sein angemessener Platz ist am Unglucksort, um die Rettungsaktion und die Aufteilung der Verletzten zu koordinieren, egal, welche korperlichen oder seelischen Schaden moglicherweise daraus erwachsen. Die Anwesenheit eines fruheren Teamleiters konnte als indirekte Kritik an seinen beruflichen Fahigkeiten angesehen werden, mit der dortigen Situation nicht fertig zu werden, was er bislang aber vorbildlich gemeistert hat.“
Da er die Bewegungen des ausdrucksfahigen Fells der Kelgianerin beobachtete, war Conway nicht uber das Mitgefuhl erstaunt, das Naydrad fur einen Vorgesetzten bewies, der sich erst wenige Tage im Dienst befand. Es lag in der Natur der Dinge, da? Vorgesetzte respektiert und manchmal gefurchtet wurden und ihre Untergebenen ihnen normalerweise widerwillig gehorchten. Doch hatte Prilicla den Beweis erbracht, da? es durchaus moglich war, die Leitung innezuhaben und dennoch Treue entgegengebracht zu bekommen, indem er die Untergebenen durch eine ganz bestimmte Art Furcht zum Gehorsam bewegte — namlich durch die Angst, versehentlich die Gefuhle des Chefs verletzen zu konnen.
Als Conway nicht reagierte, fuhr Naydrad fort: „Wir haben Ihr Hilfsangebot vorausgesehen. Deshalb ist Murchison dortgeblieben, um Prilicla zu helfen. Durch seine empathischen Fahigkeiten braucht der Cinrussker, wie Sie ja selbst wissen, nicht in unmittelbarer Nahe der Verletzten arbeiten. Darum kann er einen relativ hohen Sicherheitsabstand einhalten, wahrend sich Murchison unter die Verletzten begibt, wie Sie es getan hatten, wenn Sie an den Unglucksort geflogen waren.“
„Doktor“, brach Danalta sein langes Schweigen, „Pathologin Murchison erhalt abwechselnd von mehreren gro?en, au?erst muskulosen Lebewesen ihrer eigenen oder anderer Spezies Hilfe, die in schweren Rettungstechniken ausgebildet sind. Diese Lebewesen sind dafur verantwortlich, die Verletzten auf Anweisung der Pathologin aus den Trummern zu bergen und dafur zu sorgen, da? Murchison nicht von denselben Trummern gefahrdet wird.
Ich erwahne das nur, Doktor, um Sie bezuglich der Sicherheit Ihrer Lebensgefahrtin zu beruhigen“, fugte Danalta hinzu.
Nach den eher barschen Worten Naydrads klang der hofliche und respektvolle Ton Danaltas beinahe unterwurfig. Doch auch die TOBS hatten als notwendige Erganzung zu ihren Fahigkeiten zur defensiven und offensiven Schutzanpassung ein gewisses Ma? an Empathie entwickelt, und Respekt bewirkte bei ihnen eine Verwandlung, ob diese nun wirklich oder nur vorgetauscht war.
„Das war sehr rucksichtsvoll von Ihnen, Danalta“, bedankte sich Conway bei dem Gestaltwandler und wandte sich dann wieder an Naydrad. „Wenn ich mir allerdings Prilicla beim Sortieren der Verletzten vorstelle, dann.“
Allein die Vorstellung genugte, um Conway und jeden anderen, der den kleinen Empathen kannte, schaudern zu lassen.
Schon als der Empath Mitglied des medizinischen Teams der Rhabwar gewesen war, hatten die Reichweite und die Empfindlichkeit seiner empathischen Fahigkeiten unschatzbaren Wert besessen, und obwohl Prilicla jetzt das Team leitete, hatte sich an den au?eren Umstanden nichts geandert. Der Empath konnte die emotionale Ausstrahlung der Verletzten in einem Wrack spuren, insbesondere von denen, die sich nicht ruhrten, schwer verwundet waren und anscheinend nicht mehr lebten, und mit absoluter Genauigkeit feststellen, in welchen Schutzanzugen Leichen und in welchen Uberlebende steckten. Das gelang ihm, indem er sich auf die restliche emotionale Ausstrahlung des Gehirns des oftmals tief bewu?tlosen Verletzten einstellte. Durch die Wahrnehmung der Empfindungen des bewu?tlosen Gehirns und die Analyse der Ergebnisse konnte er erkennen, ob Hoffnung darauf bestand, den noch vorhandenen Lebensfunken neu zu entfachen. Wenn ein Uberlebender zum Retten ubrigbleiben sollte, mu?te man sich mit Raumunfallen auf dem schnellsten Wege befassen, und Priliclas empathische Fahigkeiten hatten dabei entscheidende Zeit gespart und sehr viele Leben gerettet.
Diese Fahigkeiten forderten jedoch einen hohen Preis, denn in vielen Fallen mu?te Prilicla mit jedem der Verletzten lange oder kurze Zeit leiden, bevor derartige Diagnosen oder Beurteilungen abgegeben werden konnten. Aber die Opfer des Unfalls im Meneldensystem zu sortieren wurde fur Prilicla bedeuten, auf emotionales Leid von einer vollig neuen Gro?enordnung zu sto?en. Zum Gluck konnten Murchisons Empfindungen fur den kleinen Empathen nur als geradezu blindwutig mutterlich bezeichnet werden, und sie wurde bestimmt sicherstellen, da? der Cinrussker dem Sturm emotionaler Ausstrahlungen — all die Schmerzen und die panische Angst und das Leid der Verletzten und ihrer am Leben gebliebenen Freunde —, der in dieser zerstorten Wohneinheit tobte, nur aus allergro?ter Entfernung und so kurz wie moglich ausgesetzt war.
Zum Sortieren von Unfallopfern war die Anwesenheit eines Chefchirurgen am Ort des Geschehens erforderlich. Prilicla zahlte zu den besten Chirurgen des Hospitals, wobei ihm eine Pathologin zur Seite stand, die nur von denjenigen Pathologen ubertroffen wurde, die den Rang eines Diagnostikers einnahmen. Mit vereinten
