Kraften mu?ten die beiden in der Lage sein, die besonders entsetzliche Aufgabe, den Zustand der Verwundeten zu beurteilen, ohne Verzogerung oder Unschlussigkeit zu bewaltigen.

Dabei wurden sie sich nach Verfahren richten, die in ferner Vergangenheit fur umfangreiche medizinische Notfalle festgelegt worden waren, zu einer Zeit also, als Luftangriffe, Bombardements, terroristische Bombenanschlage und ahnliche Auswirkungen als Folge der bei verschiedenen Spezies vorkommenden Massenpsychose namens Krieg die Zahl der Todesopfer reiner Naturkatastrophen unnotig vergro?ert hatten. In solchen Zeiten konnte man weder medizinische Mittel noch Zeit und Muhe fur hoffnungslose Falle verschwenden, und das war auch der Grundgedanke, der hinter dem Sortieren von Verletzten steckte.

Dabei wurden die Unfallopfer nach der Schwere der Verletzungen eingeschatzt und in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste enthielt die Verungluckten mit oberflachlichen oder nicht todlichen Verletzungen, diejenigen, die an einem seelischen Trauma litten, sowie diejenigen, die nicht sterben wurden, selbst wenn sich die Behandlung verzogern sollte, und warten konnten, bis der Transport zu den Krankenhausern ihrer Heimatplaneten moglich war. Die zweite Gruppe umfa?te die Wesen, die so schwer verwundet waren, da? ihr Zustand trotz aller Ma?nahmen zum Tod fuhren wurde, und denen man die letzten Augenblicke vor dem Lebensende nur so angenehm wie moglich gestalten konnte. In der dritten und wichtigsten Gruppe befanden sich schlie?lich diejenigen, die zwar schwer verletzt waren, aber recht gute Uberlebenschancen besa?en, wenn die angezeigte Behandlung ohne Verzogerung vorgenommen werden konnte.

Bei den Verletzten, die man ins Orbit Hospital schickte, handelte es sich um die der dritten Gruppe, dachte Conway, als er gerade auf eine weitere vorbeikommende Trage einen Blick warf, deren Druckhulle aufgeblasen war. Der darunter liegende organische Inhalt war von den Geraten zur Lebenserhaltung derma?en verdeckt, da? man nicht einmal mit Sicherheit seine physiologische Klassifikation bestimmen konnte. Nach Conways Auffassung handelte es sich bei dem Patienten um einen Grenzfall zwischen den Gruppen zwei und drei.

„Das ist der letzte Verwundete dieses Flugs, Doktor“, sagte Naydrad schnell. „Wir mussen gleich wieder los, um den nachsten Schub zu holen.“

Die Kelgianerin machte sich davon und naherte sich mit wellenformigen Bewegungen dem Bordtunnel der Rhabwar. Danalta nahm wieder die Form einer dunkelgrunen Kugel an, die au?er einem Auge, mit dem er Conway betrachtete, und einem Mund, mit dem er ihn ansprach, keine weiteren Merkmale aufwies.

„Sie werden bereits bemerkt haben, Doktor, da? Chefarzt Prilicla die chirurgischen Fahigkeiten seiner Kollegen au?erst hoch einschatzt und au?erdem uberaus abgeneigt ist, auch nur einen der Verletzten in die Gruppe der hoffnungslosen Falle einzuordnen.“

Als der JOBS schnell hinter Naydrad herrollte, wurde der Mund zu einer glatten Flache, und das Auge zog sich in die Kugel zuruck.

13. Kapitel

Von der Ruckkehr der Rhabwar mit der letzten Fuhre von Verletzten aus dem Meneldensystem erfuhr Conway, als er gerade seine erste Diagnostikerversammlung besuchen wollte. Da er das neueste Mitglied auf Probe war, hatte man eine plotzliche Absage, nur um ein paar Worte mit Murchison zu wechseln, hochstwahrscheinlich fur unhoflich und geradezu aufsassig gehalten, und darum sollte sich seine nachste Zusammenkunft mit Murchison erneut verzogern. Daruber empfand er zwar in erster Linie Erleichterung, wofur er sich allerdings insgeheim furchtbar schamte. Er nahm Platz und rechnete nicht damit, in einer solch erlauchten Runde irgendeinen bedeutenden Beitrag leisten zu konnen.

Nervos blickte er zu O'Mara hinuber — dem einzigen au?er ihm sonst noch anwesenden Nichtdiagnostiker —, der neben dem riesigen Thornnastor zur einen Seite und der Kalte ausstrahlenden kugelformigen Druckhulle von Semlic zu anderen, dem methanatmenden SNLU-Diagnostiker von den kalten Ebenen, geradezu winzig wirkte. Der Chefpsychologe erwiderte Conways Blick mit einem ausdruckslosen Starren. Genausowenig waren auch die Gesichtszuge der Diagnostiker zu entschlusseln, die auf den fur ihre korperliche Bequemlichkeit gebauten Mobeln im Raum verteilt sa?en, kauerten, von ihnen herabhingen oder sie sonstwie belegten, obwohl mehrere von ihnen Conway neugierig musterten.

Ergandhir, einer der anwesenden melfanischen ELNTs, ergriff als erster das Wort. „Gibt es, bevor wir uns uber die Unfallopfer aus dem Meneldensystem unterhalten, die bei uns eingewiesen worden sind und deren Behandlung von gro?ter Dringlichkeit ist, weniger eilige Angelegenheiten, die einer allgemeinen Diskussion und einer Anleitung bedurfen? Conway, Sie mussen doch als das neueste Mitglied unseres Clubs der freiwillig Verruckten auf das eine oder andere Problem gesto?en sein, nicht wahr?“

„Und ob, auf einige sogar“, bestatigte Conway und fugte zogernd hinzu: „Im Moment handelt es sich dabei eher um technische Schwierigkeiten, um Dinge also, die zur Zeit au?erhalb meines Bereichs liegen, oder um vollkommen unlosbare Probleme.“

„Bitte erlautern Sie das etwas genauer“, forderte ihn ein unbekannter Diagnostiker vom anderen Ende des Raums auf. Das konnte einer von den Kelgianern gewesen sein, deren Sprechoffinungen sich wahrend eines Gesprachs kaum bewegten. „Es ist zu hoffen, da? all diese Probleme nur vorubergehend unlosbar sind.“

Einen Augenblick lang fuhlte sich Conway wieder wie ein Assistenzarzt, der von einem ranghoheren Lehrer wegen unlogischen und gefuhlsbetonten Denkens gerugt wird, und diese Kritik war wohlverdient. Er mu?te sich wieder in den Griff bekommen und anfangen, mit all seinen funf Gehirnen folgerichtig und logisch zu denken.

Klar und deutlich sagte er: „Die technischen Schwierigkeiten ergeben sich aus der Notwendigkeit, geeignete Umweltbedingungen und Behandlungseinrichtungen fur den Beschutzer des Ungeborenen bereitzustellen, bevor das Junge zur Welt kommt und.“

„Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Conway“, fiel ihm Semlic ins Wort, „aber es ist unwahrscheinlich, da? wir Ihnen bei diesem Problem direkt helfen konnen. Bei der Bergung des Wesens aus seinem Schiff waren Sie behilflich, mit dem intelligenten Embryo standen Sie in kurzer telepathischer Verbindung, und deshalb sind Sie das einzige Lebewesen, das uber ausreichende Kenntnisse aus erster Hand verfugt, um dieses Problem zu losen. Vielleicht darf ich Ihnen — bei allem Mitleid — sagen, da? Sie dieses Problem gern fur sich behalten konnen.“

„Obwohl ich nicht imstande bin, Ihnen direkt zu helfen“, mischte sich Ergandhir ein, „kann ich Ihnen Informationen uber die Physiologie und das Verhalten einer ahnlichen melfanischen Lebensform zur Verfugung stellen, die wie der junge Beschutzer voll entwickelt und verteidigungsfahig geboren wird. Die Mutter gebart nur einmal im Leben, und zwar stets vier Junge. Diese Jungen greifen die Mutter an und versuchen, sie zu fressen, doch gewohnlich gelingt es der Mutter, sich ausreichend zu verteidigen, und wenn schon nicht, um selbst zu uberleben, dann wenigstens so, um noch ein oder zwei ihrer Nachkommen zu toten, die sich hin und wieder gegenseitig umzubringen versuchen. Ware das anders, hatten sie meinen Planeten langst uberschwemmt. Die Spezies ist nicht vernunftbegabt.“

„Dem Himmel sei Dank“, murmelte O'Mara dazwischen.

„….. und wird es hochstwahrscheinlich auch nie werden“, fuhr Ergandhir fort. „Ich habe Ihre Berichte uber den Beschutzer mit gro?em Interesse gelesen, Conway, und wurde mich freuen, dieses Thema mit Ihnen zu erortern, falls Sie das fur hilfreich halten. Aber Sie haben noch von weiteren Problemen gesprochen.“

Conway nickte, wahrend die melfanischen Kenntnisse in seinem Gehirn mit Bildern der kleinen, eidechsenahnlichen Tiere an die Oberflache kamen, die die Nahrungsanbaugebiete auf Melf befielen und den umfangreichsten und ausgeklugeltsten Ausrottungsbemuhungen zum Trotz uberlebt hatten. Die Parallelen zwischen diesen Tieren und den Beschutzern erkannte er, und er wollte sich auf jeden Fall mit dem melfanischen Diagnostiker daruber unterhalten, sowie sich eine Gelegenheit dazu ergeben sollte.

„Das anscheinend unlosbare Problem ist Goglesk“ fuhr er fort. „Dabei handelt es sich eigentlich nicht um ein dringendes Problem, au?er fur mich selbst, weil es eine personliche Verwicklung mit dem Fall gibt. Deshalb sollte ich Ihre kostbare Zeit lieber nicht langer in Anspruch nehmen, nur um.“

„Ich war mir gar nicht bewu?t, da? ein gogleskanisches Band uberhaupt zur Verfugung steht“, bemerkte einer der beiden anwesenden illensanischen PVSJs und zuckte dabei unruhig in seinem Chloranzug.

Fur einen Moment hatte Conway ganz vergessen, da? der Ausdruck personliche Verwicklung zu jenen Redewendungen gehorte, mit denen sich Diagnostiker und Chefarzte mit einem Band im Kopf daruber in Kenntnis setzten, da? sie die Gedachtnisaufzeichnung eines Mitglieds der zur Debatte stehenden Spezies im Kopf gespeichert hatten. Bevor er antworten konnte, ergriff O'Mara schnell das Wort.

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