„Ein derartiges Band ist nicht vorhanden“, sagte er. „Die Gedachtnisubertragung ist versehentlich und unfreiwillig erfolgt, als Conway zu Besuch auf dem Planeten war. Vielleicht mochte er die Einzelheiten zu einem spateren Zeitpunkt mit Ihnen erortern, aber ich kann ihm nur zustimmen, da? eine solche Diskussion im Moment zeitraubend und ergebnislos ware.“

Alle Anwesenden starrten Conway an, aber es war Semlic, der ihm die Frage als erster stellte, nachdem er die Linsen der Au?enkamera seiner Druckkugel gewechselt hatte, um ihn in starkerer Vergro?erung zu sehen.

„Soll ich das etwa so verstehen, da? Sie eine Gedachtnisaufzeichnung im Kopf haben, die nicht geloscht werden kann, Conway?“ erkundigte er sich. „Fur mich ist das eine au?erst beunruhigende Vorstellung. Mir selbst bereitet mein uberfulltes Gehirn schweren Kummer, und ich habe schon ernsthaft erwogen, durch die drastische Reduzierung von Bandern im Kopf lieber wieder den Rang eines Chefarzts einzunehmen. Doch meine Alter ego sind lediglich Gaste, die jederzeit zum Verschwinden gezwungen werden konnen, falls ihre Gegenwart unertraglich werden sollte. Aber eine Gedachtnisaufzeichnung, die sich im Kopf hauslich niedergelassen hat und nicht geloscht werden kann, ist mehr als genug. Keiner der hier anwesenden Kollegen hatte eine weniger hohe Meinung von Ihnen, wenn Sie sich zu dem Schritt entschlie?en wurden, den ich bereits fur mich in Erwagung ziehe, namlich sich die anderen Bander aus dem Kopf loschen zu lassen.“

„Das behauptet Semlic schon seit sechzehn Jahren von sich, und zwar alle paar Tage“, warf O'Mara mit ausgeschaltetem Translator ein, so da? nur Conway ihn verstehen konnte. „Trotzdem hat er recht. Wenn die gogleskanischen Erinnerungen den anderen entgegenwirken und Sie deshalb ernsthafte Schwierigkeiten haben, lassen Sie die Bander lieber loschen. Das wurde Ihnen keine Schande machen und Ihnen zumindest von den anderen hier Anwesenden nicht als Charakterschwache ausgelegt werden — und ware im Grunde sogar vernunftig. andererseits kann man Sie wirklich nicht gerade als vernunftig bezeichnen.“

„…und unter den Gasten in meinem Gehirn“, sagte Semlic gerade, als Conway seine Aufmerksamkeit wieder dem SNLU zuwandte, „befinden sich einige Wesen, die ein. nun, ich mochte mal sagen, sehr interessantes und unorthodoxes Leben gefuhrt haben. Mit all diesen nichtmedizinischen Erfahrungen, uber die ich verfuge, konnte ich Ihnen vielleicht sogar Ratschlage geben, falls Sie auf personliche Schwierigkeiten mit Pathologin Murchison sto?en sollten.“

„MitMurchison…?“ hakte Conway unglaubig nach.

„Ware ja moglich“, erwiderte Semlic, der den emporten Unterton in Conways Stimme entweder nicht mitbekommen oder absichtlich uberhort hatte.

„Wir alle hier haben vor Murchisons Fachkompetenz und Charakteranlage die gro?te Hochachtung, und mir personlich wurde der Gedanke uberhaupt nicht behagen, da? sie ein seelisches Trauma erleiden konnte, nur weil ich es versaumt habe, Ihnen einen Rat zu erteilen. Sie haben wirklich Gluck, ein solches Wesen zur Lebensgefahrtin zu haben. Naturlich habe ich kein personliches korperliches Interesse an diesem Wesen.“

„Na, da bin ich aber erleichtert, das zu horen“, entgegnete Conway mit einem leicht verzweifelten und hilfesuchenden Blick auf O'Mara. Allmahlich klang es fast so, als wurde der SNLU-Diagnostiker seinen unterkuhlten kristallinen Verstand verlieren. Der Chefpsychologe beachtete Conway jedoch nicht.

„… meine Begeisterung entspringt dem terrestrischen DBDG-Band, das seit dem Beginn unseres Gesprachs von einem uberma?igen Teil meines Verstands Besitz ergriffen hat“, fuhr der SNLU fort. „Es stammt von einem ganz gro?artigen Chirurgen, der alle mit der Fortpflanzung in Verbindung stehenden Tatigkeiten ungeheuer gern mochte. Aus diesem Grund wirkt Ihre DBDG-Frau auf mich au?erst beunruhigend. Sie besitzt die — vielleicht unbewu?te — Fahigkeit, sich ohne Worte und allein durch den Gang zu verstandigen, und die Brustpartie ist besonders.“

„Bei mir ist es die hudlarische Krankenpflegeschulerin auf der Kinderstation fur FROBs“, unterbrach ihn Conway hastig. Rasch stellte sich heraus, da? gleich mehrere der anwesenden Diagnostiker hudlarische Physiologiebander im Kopf gespeichert hatten und sie alles andere als abgeneigt waren, die Fachkompetenz und die korperlichen Merkmale der Schwester lang und breit zu erortern, doch der SNLU schnitt ihnen schlie?lich das Wort ab.

„Durch diese Diskussion mu? Conway ja einen vollig falschen Eindruck von uns bekommen“, sagte Semlic, wobei seine Au?enkamera umherschwenkte, um alle Anwesenden im Raum einzubeziehen. „Das setzt Conways hohe Meinung von Diagnostikern, deren Debatten er wohl eher auf einer vergeistigten und rein fachlichen Ebene vermutet hatte, womoglich stark herab. Lassen Sie mich ihm in unser aller Namen versichern, da? wir unserem neuesten moglichen Mitglied lediglich beweisen wollen, da? der Gro?teil seiner Probleme keineswegs neu und entweder auf die eine oder andere Art gelost worden ist, und zwar gewohnlich mit der Hilfe von Kollegen, die nur allzu gerne dazu bereit sind, ihm jederzeit zur Seite zu stehen.“

„Danke“, sagte Conway.

„Nach dem anhaltenden Schweigen des Chefpsychologen zu urteilen, scheinen Sie die Lage bis jetzt ziemlich gut gemeistert zu haben“, fuhr Semlic fort. „Aber es gibt eine kleine Hilfestellung, die ich Ihnen vielleicht geben kann, und die hat mehr mit Umweltbedingungen als mit personlichen Angelegenheiten zu tun. Sie konnen meinen Ebenen jederzeit einen Besuch abstatten, unter der einen Bedingung, da? Sie auf der Zuschauergalerie bleiben.

Denn die warmblutigen Sauerstoffatmer, die sich beruflich fur meine Patienten interessieren, sind wirklich dunn gesat“, fugte der SNLU hinzu. „Falls Sie jedoch die Ausnahme sein sollten, mussen besondere Vorkehrungen getroffen werden.“

„Nein, danke“, entgegnete Conway. „Ich konnte gerade jetzt, falls uberhaupt, keinen nutzlichen Beitrag zur Medizin kristalliner und unter Minustemperaturen lebender Wesen leisten.“

„Trotzdem sollten Sie uns besuchen“, fuhr der Methanatmer unbeirrt fort. „Vergessen Sie nicht, die Ohren zu spitzen und den Translator abzuschalten, und dann horen Sie zu. Aus den Resultaten haben mehrere Ihrer warmblutigen Kollegen einen gewissen Trost geschopft.“

„Einen mageren und vor allem kalten Trost“, warf O'Mara trocken ein und fugte hinzu: „Au?erdem widmen wir meiner Meinung nach einen gro?en Teil unserer Zeit unrechtma?igerweise Conways personlichen Problemen anstatt denen der Patienten.“

Conway musterte die Diagnostiker der Reihe nach und fragte sich, wie viele von ihnen FROB- Physiologiebander im Kopf gespeichert hatten. „Dann gibt es noch das Problem mit den alterskranken FROBs“, sagte er schlie?lich an alle gewandt. „Insbesondere die Entscheidung, ob an einem Patienten eine gefahrliche mehrfache Amputation vorgenommen werden soll, die, wenn sie gluckt, das Leben um eine verhaltnisma?ig kurze Zeitspanne verlangert, oder ob man der Natur lieber freien Lauf lassen sollte. Im ersten Fall la?t die Qualitat des verlangerten Lebens viel zu wunschen ubrig.“

Ergandhirs Korper mit dem prachtig gezeichneten Ektoskelett beugte sich im Sitzgestell vor, und der Unterkiefer bewegte sich im Rhythmus mit der Ubersetzung. „Das ist eine Situation, mit der ich, wie fast alle von uns, schon oft konfrontiert worden bin, und zwar bei ganz anderen Spezies als bei den Hudlarern. In meinem Fall ist das Ergebnis, um eine melfanische Metapher zu benutzen, ein stark angeschlagener Panzer gewesen. Im wesentlichen ist das jedenfalls eine moralische Entscheidung, Conway.“

„Naturlich!“ rief einer der Kelgianer, bevor Conway antworten konnte. „Diese Entscheidung wird knapp ausgehen und ist ganz personlich. Wie ich Conway kenne, wird er sich jedoch wahrscheinlich eher zu einem operativen Eingriff entschlie?en, als den Patienten bis zum Zeitpunkt des Todes unter klinische Beobachtung zu stellen.“

„Dem kann ich nur zustimmen“, sagte Thornnastor, der sich zum erstenmal zu Wort meldete. „Wenn eine Situation schon an sich hoffnungslos ist, ist es besser, wenigstens das Machbare zu tun als uberhaupt nichts. Und bei au?eren Operationsbedingungen, unter denen andere Spezies nur mit Schwierigkeiten gute Arbeit leisten konnen, darf ein erfahrener terrestrischer Chirurg vielleicht mit ordentlichen Ergebnissen rechnen.“

„Terrestrische DBDGs gehoren nicht zu den besten Chirurgen der Galaxis“, mischte sich der Kelgianer erneut ein, wobei sein krauselndes Fell denjenigen, die DBLF-Bander im Kopf gespeichert hatten, die Empfindungen verriet, die durch die plumpe Sprechweise kaschiert wurden. „Unter gewissen Umstanden sind Tralthaner, Melfaner, Cinrussker und wir Kelgianer chirurgisch sehr viel geschickter. Jedoch treten ab und an Situationen auf, in denen diese Geschicklichkeit aufgrund der Umweltbedingungen nicht zum Tragen gebracht werden kann.“

„Der Operationssaal mu? auf den Patienten abgestimmt sein, nicht auf den Arzt“, warf irgendeine Stimme ein.

„…oder aufgrund von psychologischen Einflussen seitens des Chirurgen gehemmt wird“, fuhr der Kelgianer fort. „Die zum Arbeiten unter schadlichen Umweltbedingungen benotigten Schutzanzuge oder — fahrzeuge

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