und dieses unhofliche Verhalten nicht beabsichtigt war. Dann mu?te er fast nach Luft ringen, als er sah, da? der TOBS aus der Ruckseite des Kopfes ein kleines Auge ausgestulpt hatte, um ihn anzusehen.
„Meinen Fahigkeiten sind gewisse Grenzen gesetzt, Doktor“, entgegnete Danalta. „Die Gestalt zu verandern ist zwar relativ einfach, aber Korpermasse kann ich nicht einfach abwerfen. Dies hier“, er deutete auf sich selbst, „ist ein kleiner, aber au?erst schwerer Duwetz. Und das Lebewesen, das gerade hereingekommen ist, ware tatsachlich sehr schwer nachzuahmen.“
Conway folgte der Blickrichtung von Danaltas ubrigen Augen, stand dann plotzlich auf und winkte.
„Prilicla!“
Bei dem kleinen Wesen, das gerade in die Kantine gekommen war, handelte es sich um einen cinrusskischen GLNO — ein sechsbeiniges, ungeheuer zerbrechlich wirkendes Insekt mit Ektoskelett und zwei Flugelpaaren. Auf seinem Heimatplaneten herrschte weniger als ein Achtel der Erdanziehungskraft, und nur ein doppelter Satz Schwerkraftneutralisatoren bewahrte Prilicla davor, auf dem Boden regelrecht zermalmt zu werden. Erst durch diese G-Gurtel konnte er uberhaupt fliegen oder sicher an der Decke oder den Wanden entlangtrippeln, wenn seine uberaus zerbrechlichen Gliedma?en und sein Leben durch die gedankenlosen Bewegungen der kraftigeren Kollegen bedroht waren. Cinrussker auseinanderzuhalten war fur Au?erplanetarier unmoglich; sogar Cinrussker selbst konnten zwischen Angehorigen der eigenen Spezies lediglich durch die Identifizierung der individuellen emotionalen Ausstrahlung unterscheiden. Doch zum Hospitalpersonal gehorte nur ein einziger GLNO-Empath; also mu?te es sich bei diesem hier um Chefarzt Prilicla handeln.
Wahrend der kleine Empath langsam mit seinen breiten, schimmernden, fast durchsichtigen Flugeln auf sie zugeflogen kam, wurde er von der Tischrunde aufmerksam beobachtet. Als er schlie?lich vorsichtig uber der Gruppe schwebte, bemerkte Conway an den sechs bleistiftdunnen Beinen des Empathen ein schwaches, unregelma?iges Zittern, und auch der Schwebeflug wies deutliche Anzeichen von Instabilitat auf.
Irgend etwas beunruhigte den kleinen Cinrussker, doch Conway sagte lieber nichts, weil er wu?te, da? seine eigene Besorgnis von dem Empathen bereits wahrgenommen wurde. Plotzlich fragte er sich, ob durch den Anblick des GLNO bei einem der Neuankommlinge irgendeine tiefsitzende Phobie ausgelost worden sein konnte und dieser jetzt so gro?e Angst oder starken Abscheu ausstrahlte, da? Priliclas harmonisches Zusammenwirken der Muskeln in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Dergleichen mu?te er einen Riegel vorschieben.
„Das hier ist Chefarzt Prilicla“, sagte Conway schnell, als wollte er den Empathen nur vorstellen. „Er stammt vom Planeten Cinruss, gehort zur physiologischen Klassifikation GLNO und verfugt uber hochentwickelte empathische Fahigkeiten, die unter anderem fur die Feststellung und Uberwachung des Zustands tief bewu?tloser Patienten von unschatzbarem Wert sind. Durch diese Fahigkeiten ist Prilicla auch sehr stark fur die emotionale Ausstrahlung von Kollegen wie uns empfanglich, die bei Bewu?tsein sind. In seiner Gegenwart mussen wir uns vor plotzlichen und heftigen Gefuhlsreaktionen huten, sogar vor unwillkurlichen Regungen wie instinktiver Furcht oder Abneigung beim Zusammentreffen mit einer Lebensform, die einem Raubtier auf dem Heimatplaneten einer anderen Spezies ahnelt oder Gegenstand einer Kindheitsphobie ist. Diese Gefuhle und Reaktionen mussen Sie nach besten Kraften unter Kontrolle halten oder moglichst negieren, weil sie von dem Empathen noch starker empfunden werden als von Ihnen selbst. Wenn Sie Prilicla erst einmal besser kennengelernt haben, werden Sie allerdings rasch feststellen, da? man ihm gegenuber gar keine unfreundlichen Gefuhle hegen kann.
Und bei Ihnen, mein lieber Prilicla, mochte ich mich entschuldigen, da? ich Sie einfach zum Thema dieses improvisierten Vertrags gemacht habe, ohne Sie vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.“
„Keine Ursache, mein Freund. Ich bin mir Ihrer Besorgnis bewu?t, die letztendlich die Ursache fur diesen Vortrag war, und danke Ihnen dafur. Aber von dieser Gruppe strahlt niemand unfreundliche Gefuhle aus. Vielmehr setzt sich die emotionale Ausstrahlung der Anwesenden aus Erstaunen, Unglaubigkeit und starker Neugier zusammen, die ich mit dem gro?ten Vergnugen stillen werde.“
„Aber Sie zittern immer noch.“, warf Conway leise ein, doch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten uberhorte der Cinrussker ihn einfach.
„… au?erdem bin ich mir der Anwesenheit eines zweiten Empathen bewu?t“, fuhr Prilicla fort, wobei er zwischen den Tischen entlangflog, bis er uber dem falschen Duwetz mit dem zusatzlichen Auge schwebte. „Sie mussen die kurzlich eingetroffene polymorphe Lebensform von Fotawn sein. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Freund Danalta. Das hier ist meine erste Begegnung mit der uberaus begabten TOBS-Klassifikation.“
„Und meine erste mit einem GLNO, Doktor Prilicla“, antwortete Danalta, wobei seine Duwetz-Gestalt in sich zusammensackte und langsam uber den Stuhl flo?, was eine freudige Reaktion uber eine derartige Au?erung von einem Chefarzt sein mu?te. „Aber meine empathischen Fahigkeiten sind nicht annahernd so feinfuhlig und gut ausgebildet wie Ihre. Bei meiner Spezies haben sie sich zusammen mit der Gabe der Metamorphose als eine Fruhwarnung vor den Absichten in der Nahe befindlicher Raubtiere entwickelt. Im Gegensatz zu den Fahigkeiten Ihrer Spezies, die als wichtigstes Verstandigungsmittel ohne Worte genutzt werden, habe ich meine unter willkurlicher Kontrolle, so da? ich die emotionale Ausstrahlung, die meine Rezeptoren erreicht, von der Starke her nach Belieben verringern oder sogar ganz von mir abhalten kann, falls mich die Empfindungen in meiner naheren Umgebung zu sehr beunruhigen.“
Die Moglichkeit, Emotionen von sich abprallen zu lassen, hielt auch Prilicla fur nutzlich, und ohne Conway zu beachten, unterhielten sich die beiden Empathen uber die Umweltbedingungen ihrer Heimatplaneten, uber die freundliche Welt von Cinruss, auf der geringe Schwerkraft herrschte, und den durch und durch schrecklichen und feindseligen Planeten Fotawn, auf dem die TOBS lebten. Die ubrigen Studenten, fur die Cinruss und Fotawn nur wenig mehr als Namen waren, verfolgten das Gesprach mit gro?em Interesse und unterbrachen es nur hin und wieder durch Fragen.
Conway, der, wenn ihm keine andere Wahl blieb, genauso geduldig sein konnte wie jedes andere Wesen, konzentrierte sich lieber darauf, sein Gericht aufzuessen, bevor es durch den von Priliclas Flugeln erzeugten Wind zur Ungenie?barkeit abgekuhlt war.
Da? die beiden Empathen gut miteinander auskamen, uberraschte ihn keineswegs — das war ein Naturgesetz. Ein fur Emotionen empfangliches Lebewesen, das durch eigene gedankenlose Handlungen beim Gesprachspartner Gefuhle des Zorns oder des Kummers hervorrief, bekam namlich dieselben Empfindungen seines Gegenubers in voller Starke buchstablich ins Gesicht zuruckgeschlagen; deshalb lag es im eigenen Interesse eines Empathen, die Atmosphare fur alle Beteiligten so angenehm wie moglich zu gestalten. Offenbar sah es im Falle Danaltas insofern ein wenig anders aus, da dieser die auf ihn eindringende emotionale Strahlung nach Belieben von sich abhalten konnte.
Genausowenig war Conway uber die Tatsache uberrascht, da? der TOBS so gut uber Cinruss und dessen empathischen Bewohner informiert war — seine weitreichenden Kenntnisse uber alles und jeden hatte Danalta ja schon bewiesen. Was ihn allerdings uberraschte, war, da? Prilicla offensichtlich eine Menge Kenntnisse uber Fotawn besa?, die im gegenwartigen Gesprach noch nicht angeschnitten worden waren, und allmahlich gewann er den Eindruck, da? sich der GLNO dieses Wissen erst vor kurzem angeeignet hatte. Aber von wem?
Auf jeden Fall gehorten diese Kenntnisse nicht zum Allgemeinwissen im Orbit Hospital, dachte Conway, wahrend er die Augen auf das Dessert gerichtet hielt und nur gelegentlich einen fluchtigen Blick nach oben warf, wo Prilicla immer noch unruhig schwebte. Die verschiedenen unappetitlichen und zum Teil ubelriechenden Gerichte, die die Studenten eifrig zu sich nahmen, sah er aus Gewohnheit nicht an. Waren Neuigkeiten uber den Planeten Fotawn und den anstehenden Besuch eines TOBS durchgesickert, hatten schon im Vorfeld der Ereignisse samtliche Topfe in der Geruchtekuche des Hospitals auf Hochtouren gekocht. Warum also hatte allein Prilicla diese Informationen erhalten?
„Ich brenne vor Neugier“, warf Conway in der nachsten Gesprachspause ein.
„Ich wei?.“ Fur einen Augenblick verstarkte sich das Zittern von Priliclas Beinen. „Schlie?lich bin ich ein Empath, mein Freund.“
„Und ich furchte, da? ich nach den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit bereits ein gewisses Ma? an Empathie fur Sie entwickelt habe, mein kleiner Freund“, erwiderte Conway lachelnd. „Es gibt ein Problem.“
Das war eher eine Aussage als eine Frage, und Priliclas Schwebeflug wurde noch unruhiger, so da? er sich auf einer freien Stelle des Tisches niederlassen mu?te. Bei seiner Antwort schien er die Worte mit gro?er Sorgfalt zu wahlen, und Conway rief sich ins Gedachtnis zuruck, da? der Empath keinesfalls vor Notlugen zuruckscheute, wenn er dadurch in seiner Umgebung ein angenehmes emotionales Ausstrahlungsniveau aufrechterhalten konnte.
