ein wenig, Doktor. Schlie?lich mochte ich mich gern mit Ihnen unterhalten, und im Gegensatz zu meinem ublichen Verfahren durfen Sie freche Antworten geben. Sind Sie mit Ihrem Dienst auf dem Ambulanzschiff zufrieden?“
Normalerweise hatte der Chefpsychologe eine bei?ende, sarkastische und bis an ma?lose Unverschamtheit grenzende Art an sich. Als Erklarung fuhrte er gerne an, da? er sich in Gesellschaft von Kollegen entspannen und sich von seiner ublichen schlecht gelaunten, unausstehlichen Seite zeigen konnte, wahrend er bei potentiellen Patienten Mitgefuhl und Verstandnis an den Tag legen mu?te. Aber auch mit diesem Wissen im Hinterkopf fuhlte sich Conway durch den in uncharakteristischer Weise freundlichen Chefpsychologen uberhaupt nicht besser.
„Ziemlich zufrieden“, antwortete Conway zuruckhaltend.
„Am Anfang waren Sie damit gar nicht zufrieden.“ O'Mara musterte ihn aufmerksam. „Soweit ich mich erinnern kann, Doktor, haben Sie es damals als unter der Wurde eines Chefarzts erachtet, die medizinische Leitung auf einem Ambulanzschiff ubernehmen zu mussen. Haben Sie irgendwelche Probleme mit den Schiffsoffizieren oder dem medizinischen Team? Gibt es irgendwelche personellen Veranderungen, die Sie vorschlagen mochten?“
„Das alles war doch, bevor mir klargeworden ist, da? es sich bei der Rhabwar um ein ganz besonderes Ambulanzschiff handelt“, erwiderte Conway, indem er die Fragen der Reihe nach beantwortete. „Probleme gibt es nicht. Das Schiff lauft einwandfrei, die Besatzung vom Monitorkorps leistet erfolgreiche Arbeit und verhalt sich kooperativ, und die Mitglieder des medizinischen Teams sind. Nein, ich kann mir keinen moglichen Wechsel vorstellen, den man beim Personal vornehmen sollte.“
„Ich schon.“ Fur den Bruchteil einer Sekunde flammte in der Stimme des Chefpsychologen ein sarkastischer Unterton auf, als versuchte der alte O'Mara, den Conway nur zu gut kannte und den er nicht besonders schatzte, durchzubrechen. Dann lachelte der Chefpsychologe und fuhr fort: „Sie werden doch bestimmt uber die Nachteile, die Unannehmlichkeiten und die Unterbrechungen nachgedacht haben, die die standige Bereitschaft fur einen Ambulanzschiffseinsatz mit sich bringt. Und Sie mussen sich doch ein wenig daruber geargert haben, da? fur jede Operation, die Sie am Orbit Hospital durchfuhren, ein Ersatzchirurg bereitzustellen hat, falls Sie plotzlich abberufen werden. Au?erdem bedeutet der Dienst auf dem Ambulanzschiff, da? Sie an einigen der Projekte nicht teilnehmen konnen,
zu denen Sie dank Ihres hoheren Dienstalters berechtigt waren. Lehren und forschen, die eigene Erfahrung an andere weitergeben, statt auf Rettungseinsatzen durch die gesamte Galaxis zu rasen und.“
„Die personelle Veranderung werde also ich sein“, unterbrach ihn Conway verargert. „Aber wer soll denn mein Nachfol.?“
„Die Leitung des medizinischen Teams der Rhabwar wird Prilicla ubernehmen“, unterbrach ihn O'Mara. „Allerdings hat er die neue Aufgabe nur unter der Bedingung akzeptiert, da? er seinem Freund Conway dadurch keinen ernsthaften Kummer bereitet. In dem Punkt ist er fur einen Cinrussker ziemlich unerbittlich gewesen. Obwohl ich ihn gebeten habe, Ihnen gegenuber kein Wort zu erwahnen, bis Sie offiziell davon unterrichtet worden sind, habe ich damit gerechnet, da? er mit der Neuigkeit direkt zu Ihnen lauft.“
„Das ist er allerdings wirklich. Aber er hat nur etwas von einer Beforderung erwahnt, sonst nichts. Ich bin gerade mit einer neuen Studentengruppe zusammengewesen. Prilicla interessierte sich mehr fur einen vielgestaltigen Empathen namens Danalta, aber da? unserem kleinen Freund etwas zu schaffen machte, konnte ich deutlich sehen.“
„Prilicla haben mehrere Dinge zu schaffen gemacht“, klarte O'Mara ihn auf. „So wu?te er nicht nur, da? er in Ihre Position aufsteigen wurde, als Sie das letztenmal die Rhabwar verlie?en, sondern auch, da? Danalta bereits dafur ausgewahlt worden war, seine Stelle einzunehmen. Doch der TOBS wei? bisher noch nichts davon, deshalb konnte Ihnen Prilicla keine Einzelheiten erzahlen. Hatte Danalta namlich von seiner Ernennung aus zweiter Hand erfahren, hatte er zu der Uberzeugung gelangen konnen, durch die selbstverstandliche Voraussetzung seines Einverstandnisses beleidigt worden zu sein. Bei den TOBS handelt es sich um eine sehr begabte Spezies, die zu Recht auf ihre Fahigkeiten stolz ist, und Danaltas psychologisches Personlichkeitsdiagramm deutet darauf hin, da? er an solchen Verfahrensweisen zweifellos Ansto? nehmen wurde. Aber die Stelle, die wir ihm anbieten, bedeutet fur jemanden, der verschiedene Gestalten annehmen kann, eine physiologische Herausforderung, und ich rechne fest damit, da? Danalta sofort zugreifen wird.
Haben Sie gegen diese Veranderungen irgendwelche ernsthaften Bedenken anzumelden, Doktor?“ beendete O'Mara seine Ausfuhrungen.
„Nein.“ Conway wunderte sich selbst, warum er uber den Verlust einer Position, um die ihn seine Kollegen beneideten und die er selbst fur aufregend und beruflich anspruchsvoll hielt, keine gro?ere Verargerung und Enttauschung empfand. Murrisch fugte er hinzu: „Wenn solche Veranderungen uberhaupt notwendig sind.“
„Sie sind notwendig“, erwiderte O'Mara in ernstem Ton. „Wie Sie wissen, liegt es mir nicht besonders, Komplimente zu verteilen. Meine Aufgabe besteht darin, die Leute auf den Boden der Tatsachen zuruckzuholen und nicht, sie abheben zu lassen. Und uber die Grunde, aus denen ich bestimmte Ma?nahmen oder Entscheidungen treffe, diskutiere ich nicht. Aber der Fall, um den es sich hier dreht, ist keine alltagliche Angelegenheit.“
Seine fast quadratischen Hande hatte der Chefpsychologe mit gespreizten Fingern vor sich auf den Schreibtisch gelegt und betrachtete sie beim Sprechen mit vorgeschobenem Gesicht.
„Zunachst einmal sind Sie schon auf dem Jungfernflug der Rhabwar Leiter des medizinischen Teams gewesen“, fuhr er fort. „Seitdem haben Sie viele erfolgreiche Rettungsaktionen durchgefuhrt, die Bergungs- und Behandlungsmethoden von Uberlebenden sind perfektioniert worden, und Sie verlassen ein au?erst gut funktionierendes Ambulanzschiff, auf dem lediglich aufgrund einer unbedeutenden Veranderung der Besatzung uberhaupt nichts Ernsthaftes passieren kann. Vergessen Sie nicht, Prilicla, Murchison und Naydrad werden ja immer noch an Bord sein. Und Danalta. Also, mit zwei Empathen im Team, von denen einer uber Muskeln verfugt, nach Belieben die Gestalt verandern und in normalerweise unzugangliche Bereiche eines Schiffswracks vordringen kann, konnte es sogar zu einer Verbesserung der fur die Bergungen benotigten Zeit kommen.
Zweitens ist da Prilicla. Sie wissen genausogut wie ich, da? er zwar zu unseren besten Chefarzten gehort, aber auch, da? er aus rein psychologischen Grunden sowie Ursachen, die mit der Evolution der cinrusskischen Spezies zusammenhangen, ungeheuer schuchtern und feige ist und uberhaupt kein Durchsetzungsvermogen besitzt. Prilicla in eine Position zu versetzen, in der er — am Schauplatz einer Katastrophe — die ganze Verantwortung und Machtbefugnis in Handen halt, wird ihn mit der Vorstellung vertraut machen, ohne die Hilfe von Vorgesetzten Befehle zu erteilen und Entscheidungen zu treffen. Da? Priliclas Befehle womoglich nicht nach Befehlen klingen werden und man sie nur befolgen wird, weil niemand seine Gefuhle durch Einwendungen verletzen will, ist mir klar. Aber mit der Zeit mu?te ihm das Befehlen zur Gewohnheit werden, und in den Pausen zwischen den Rettungseinsatzen wird sich diese Gewohnheit auf seine Arbeit im Krankenhaus ubertragen. Sehen Sie das auch so?“
Conway versuchte zu lacheln, als er antwortete: „Ich bin froh, da? unser kleiner Freund nicht hier ist, denn meine emotionale Ausstrahlung ist alles andere als angenehm. Aber ansonsten sehe ich das auch so.“
„Dann ist ja gut“, entgegnete der Major und fuhr lebhaft fort: „Und drittens haben wir da den Chefarzt Conway. In diesem Fall sollten wir uns um Objektivitat bemuhen, was auch der Grund ist, weshalb ich von Ihnen in der dritten Person spreche. In mancher Hinsicht ist dieser Conway ein merkwurdiger Mensch, und das ist er bereits, seit er damals bei uns angefangen hat. In der Anfangszeit legte er ein wenig ein Verhalten wie ein ungezogenes Gor an den Tag und war sehr von sich selbst uberzeugt, aber er hat auch gewisse Ansatze gezeigt. Trotz dieser Eigenschaften ist er ein Einzelganger geblieben, pflegte kaum zwischenmenschliche Kontakte und zog es offenbar vor, sich in der Gesellschaft seiner extraterrestrischen Kollegen zu befinden. Psychologisch gesehen ist das zwar ein hochst verdachtiges Verhalten, aber in einem Hospital mit vielen verschiedenen Spezies bietet ein solches Vorgehen entscheidende Vorteile, weil.“
„Aber Murchison ist doch.“, begann Conway.
„… keine Extraterrestrierin“, beendete O'Mara den Satz fur ihn. „Das ist mir klar. So weit ist die Altersschwache bei mir noch nicht fortgeschritten,
da? ich nicht bemerken wurde, da? es sich bei ihr um eine terrestrische Frau der Klassifikation DBDG handelt — und um was fur eine! Aber abgesehen von Murchison setzen sich Ihre Freunde aus Wesen wie der kelgianischen Oberschwester Naydrad, dem melfanischen Chefarzt Edanelt, Prilicla und naturlich dem SNLU- Ernahrungswissenschaftler mit dem unaussprechlichen Namen von Ebene dreihundertzwei und sogar dem Diagnostiker Thornnastor zusammen. Das ist hochst bezeichnend!“
„Wofur denn?“ fragte Conway, wobei er instandig hoffte, der Chefpsychologe wurde aufhoren zu reden und ihm Zeit zum Nachdenken lassen.
