„Ich hatte eine langere Unterredung mit O'Mara, in deren Verlauf ich einige unangenehme Neuigkeiten erfahren habe“, erzahlte Prilicla.

„Und die waren?“ Conway fand, er hatte langst einen akademischen Grad in extraterrestrischer Zahnheilkunde verdient, denn aus Prilicla Informationen herauszuholen war wie das Ziehen von Zahnen.

„Ich bin mir sicher, da? ich mich mit der Zeit darauf einstellen werde“, antwortete der Empath. „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich. ich bin befordert worden und bekleide jetzt eine Position mit viel gro?erer Verantwortung und Machtbefugnis. Bitte haben Sie Verstandnis, mein Freund, aber ich habe diese Beforderung nur mit Widerwillen angenommen.“

„Meinen Gluckwunsch!“ freute sich Conway fur den Empathen. „Ihren Widerwillen hatten Sie sich dabei ruhig sparen konnen, und ein schlechtes Gefuhl brauchen Sie auch nicht zu haben. O'Mara hatte Ihnen diese Aufgabe bestimmt nicht anvertraut, wenn er sich nicht absolut sicher gewesen ware, da? Sie der Richtige dafur sind. Was genau sollen Sie denn tun?“

„Daruber wurde ich mich lieber nicht hier und jetzt mit Ihnen unterhalten, mein Freund.“ Als sich Prilicla dazu gezwungen sah, etwas zu sagen, das fur ihn offensichtlich ans Unangenehme grenzte, zitterte er wieder starker. „Dies ist weder die Zeit noch der Ort zum Fachsimpeln.“

Conway verschluckte sich an seinem Kaffee. An diesem Ort bestanden die Gesprache normalerweise aus nichts anderem als Fachsimpelei, und das wu?ten sie beide. Was noch wichtiger war, die Anwesenheit der Neuankommlinge hatte kein Hindernis sein sollen, da die Studenten bestimmt daran interessiert gewesen waren, ein Gesprach zwischen ranghoheren Personalmitgliedern uber Themen zu verfolgen, die sie zwar momentan noch nicht ganzlich verstanden, die sie aber schon bald begreifen wurden. Ein derartiges Verhalten hatte er bei Prilicla noch nie erlebt, und Conways immense Neugier brachte den Empathen noch starker zum Zittern.

„Was hat O'Mara denn nun zu Ihnen gesagt?“ drangte Conway in bestimmtem Ton und fugte hinzu: „Und zwar den genauen Wortlaut, bitte.“ „Er hat gesagt, ich solle mehr Verantwortung ubernehmen, lernen, Befehle zu erteilen, und ganz allgemein meinen Einflu? geltend machen. Mein Freund, es ist doch so: Meine Korpergro?e ist unbedeutend, meine Muskeln sind praktisch gar nicht vorhanden, und ich glaube, die Gedankengange des Chefpsychologen sind nur schwer zu ergrunden. Aber jetzt mu? ich mich entschuldigen. Ich habe auf der Rhabwar noch ein paar routinema?ige Sachen zu erledigen und hatte mir sowieso vorgenommen, auf jeden Fall auf dem Ambulanzschiff Mittag zu essen.“

Man mu?te kein Empath sein, um zu wissen, da? sich Prilicla unbehaglich fuhlte und keine weiteren Fragen beantworten wollte.

Wenige Minuten, nachdem sich Prilicla entfernt hatte, ubergab Conway die Studenten den anderen Ausbildern, die bereits geduldig auf das Ende der Mahlzeit gewartet hatten, und danach standen ihm noch ein paar weitere Minuten zum Nachdenken zur Verfugung, bis sich ein kelgianisches Schwesterntrio an den Nachbartisch setzte und in Begleitung wilder Fellbewegungen zu zetern und zu keifen begann. Er schaltete den Translator aus, damit er nicht durch ihre rege Unterhaltung, eine hochst skandalose Klatschgeschichte uber ein anderes Mitglied ihrer Spezies, abgelenkt wurde.

Nur weil der Cinrussker uber seine Beforderung informiert worden war, wurde Prilicla nicht eine permanente emotionale Unruhe an den Tag legen. Gro?e medizinische und chirurgische Verantwortung hatte er fruher schon oft tragen mussen. Genausowenig durfte es ihm etwas ausmachen, Befehle zu erteilen. Stimmt, er verfugte uber keinen Einflu?, den er hatte geltend machen konnen, aber andererseits gab er seine Anweisungen immer auf solch hofliche und friedfertige Art, da? seine Untergebenen lieber gestorben waren, als ihn durch Gehorsamsverweigerung unglucklich zu machen. Und die Neuankommlinge hatten keine unangenehmen Emotionen ausgestrahlt und Conway selbst auch nicht.

Aber angenommen, Prilicla hatte ihm Einzelheiten uber die neue Aufgabe erzahlt, und er, Conway, hatte sich daraufhin unwohl gefuhlt. Das konnte eine Erklarung fur das untypische Verhalten des Empathen sein, zumal Prilicla allein die Vorstellung, womoglich die Gefuhle eines anderen Wesens zu verletzen, au?erst unangenehm ware — insbesondere, wenn es sich bei dem Betreffenden um einen engen Freund wie Conway handelte. Und aus einem unerfindlichen Grund wollte oder konnte Prilicla vor den Neuankommlingen — oder vielleicht auch nur vor einem der Neuankommlinge — nicht uber seine neue Stellung reden.

Womoglich war es gar nicht die neue Aufgabe, die Prilicla beunruhigte, sondern etwas, das er wahrend der Unterredung mit O'Mara erfahren hatte, etwas, das Conway selbst betraf und das der Cinrussker nicht preisgeben durfte. Conway blickte auf die Uhr, stand schnell auf und entschuldigte sich bei den Schwestern.

Die Antwort darauf — und, wie er aus langjahriger Erfahrung wu?te, hochstwahrscheinlich auch ein ganzes Bundel neuer Probleme — wurde im Buro des Chefpsychologen zu finden sein.

3. Kapitel

Das Buro des Chefpsychologen glich in vieler Hinsicht einer mittelalterlichen Folterkammer, und diese Ahnlichkeit wurde nicht nur durch die gro?e Vielfalt an extraterrestrischen Liegen und Entspannungsmobeln verstarkt, die mit Haltegurten versehen waren, sondern auch durch den angegrauten Torquemada im Monitorkorpsgrun mit den scharfkantigen Gesichtszugen, der daruber herrschte. Major O'Mara deutete auf einen physiologisch passenden Stuhl.

„Setzen Sie sich, Doktor“, begru?te er Conway mit einem fur ihn vollkommen untypischen Lacheln. „Entspannen Sie sich. In letzter Zeit sind Sie so viel in Ihrem Ambulanzschiff durch die Gegend gerast, da? ich Sie kaum zu Gesicht bekommen habe. Es ist hochste Zeit, da? wir uns einmal ausgiebig unterhalten.“

Conway spurte, wie ihm der Mund trocken wurde.

Das wird ganz schon haarig werden.

Aber was hatte er getan oder unterlassen, da? er eine solche Behandlung verdiente? Im Gesicht des Chefpsychologen konnte man ungefahr so gut lesen wie in einem verwitterten Stuck Basalt — mit dem es sogar in mancherlei Hinsicht eine gewisse Ahnlichkeit aufwies —, doch seine Augen, mit denen er Conway musterte — das wu?te letzterer aus langer Erfahrung —, enthullten einen so scharf analytischen Verstand, da? der Major das besa?, was man fast als telepathische Fahigkeiten bezeichnen konnte. Conway schwieg, und auch O'Mara sagte lange Zeit keinen Ton.

Als Chefpsychologe eines Hospitals mit vielfaltigen Umweltbedingungen war er fur das geistige Wohlbefinden eines riesigen Mitarbeiterstabs verantwortlich, der sich aus mehr als sechzig verschiedenen Spezies zusammensetzte. Obwohl er innerhalb des Monitorkorps nur den Rang eines Majors bekleidete — den man ihm lediglich aus administrativen Grunden verliehen hatte —, waren seine Machtbefugnisse innerhalb des Hospitals nur schwer einzugrenzen. Fur ihn waren die Mitarbeiter die eigentlichen Patienten, und eine seiner Aufgabe war es sicherzustellen, da? jedem einzelnen Patienten der fur ihn geeignete Arzt zugeteilt wurde, sei er nun Terrestrier oder Extraterrestrier.

Selbst wenn man au?erste Toleranz und gegenseitigen Respekt beim Personal voraussetzte, gab es doch noch Anlasse genug zu Reibereien. Potentiell gefahrliche Situationen entstanden in erster Linie durch Unwissenheit und Mi?verstandnisse, aber auch wenn ein Wesen — trotz der genauen psychologischen Durchleuchtung, der sich jeder Bewerber vor der Zulassung zum Studium am Orbit Hospital unterziehen mu?te — eine neurotische Xenophobie entwickelte, die seine geistige Stabilitat oder Leistungsfahigkeit oder beides zusammen beeintrachtigte. Ein Arzt von der Erde zum Beispiel, der eine unbewu?te Angst vor Spinnen hatte, wurde einem cinrusskischen Patienten niemals eine angemessene klinische Versorgung zuteil werden lassen konnen, die zu seiner Behandlung notwendig ware. Und wenn jemand wie Prilicla solch einen terrestrischen Patienten zu behandeln hatte, dann.

Ein gro?er Teil von O'Maras Verantwortung bestand darin, solche Schwierigkeiten innerhalb des medizinischen Stabs zu entdecken und auszuraumen, wahrend andere Mitglieder seiner Abteilung dafur sorgten, da? sich die Probleme nicht wiederholten — und zwar derart grundlich, da? in Fragen der Menschheitsgeschichte bewanderte Terrestrier diesen Vorgang als zweite Inquisition: bezeichneten. Nach O'Maras eigenen Angaben war das hohe Niveau der psychischen Stabilitat unter seinen Schutzlingen jedoch in Wirklichkeit darauf zuruckzufuhren, da? sie alle schlichtweg viel zuviel Angst vor ihm hatten, um die offentliche Zurschaustellung selbst einer unbedeutenden Neurose zu riskieren.

Plotzlich lachelte O'Mara und sagte: „Ich finde, mit dem respektvollen Schweigen ubertreiben Sie es heute

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