Conway versuchte es mit einer zweiten winzigen Dosis und lie? dann voller Verzweiflung eine weitere folgen, die nicht mehr so winzig war.

Keine Anderung, gab das Neugeborene zu verstehen.

Die Gedanken besa?en keine Tiefe mehr, und die Bedeutung der Worte war durch einen plotzlichen Ausbruch telepathischer Nebengerausche kaum noch wahrzunehmen. Allmahlich stellte sich wieder der Juckreiz irgendwo zwischen den Ohren ein, der dem Kontakt sonst immer vorausging.

„Ich kann Angst wahrnehmen.“, begann Prilicla.

„Ich wei?, da? er Angst hat“, fiel ihm Conway ins Wort. „Schlie?lich stehe ich mit ihm in telepathischem Kontakt, verdammt noch mal.“

„…und zwar sowohl auf bewu?ter als auch auf unterbewu?ter Ebene, mein Freund“, fuhr der Cinrussker fort. „Bewu?t macht dem Neugeborenen die korperliche Schwachung und der Verlust des Empfindungsvermogens durch die anhaltende Reglosigkeit angst. Aber auf einer tieferen Ebene nehme ich. vielleicht kann sich ein Gehirn selbst nur aus einem subjektiven Blickwinkel betrachten, Freund Conway, und moglicherweise ist ein den Dienst versagender oder gelahmter Verstand nicht imstande, dieses Versagen wahrzunehmen.“

„Mein kleiner Freund, Sie sind ein Genie!“ lobte Conway den Cinrussker, wahrend er den Schlauch vom eben benutzten Behalter loste und nun mit dem anderen verband.

Diesmal war die Dosis ganz und gar nicht klein, denn die Zeit wurde rasch fur beide Patienten knapp. Conway richtete sich auf, um die Wirkung auf das Neugeborene besser beobachten zu konnen, und duckte sich dann blitzschnell, um einer der Tentakel auszuweichen, die auf seinen Kopf zuraste.

„Halten Sie ihn fest, bevor er von der Schale fallt!“ rief Conway. „Vergessen Sie den Transportkafig. Der junge FSOJ ist immer noch teilweise gelahmt, halten Sie ihn also an den Tentakeln fest, und tragen Sie ihn in den Kraftraum. Ich wurde Ihnen gerne helfen, aber ich mu? auf diesen Behalter aufpassen.“

Ich bin mir eines standig zunehmenden korperlichen Wohlbehagens bewu?t, meldete sich das Neugeborene.

Der von Murchison an einem Tentakel und von Thornnastor an den ubrigen dreien getragene junge Beschutzer schwang aufgrund seiner Bemuhungen, sich zu befreien, zwischen der Terrestrierin und dem Tralthaner abwechselnd nach oben und unten. Conway folgte den dreien zur Tur des kleineren FSOJ- Lebenserhaltungskomplexes.

Mit Hilfe tralthanischer Tentakel, weiblicher DBDG-Hande und einem von Conways gro?en Fu?en waren sie in der Lage, das Neugeborene ruhigzustellen, wahrend der Diagnostiker auf Probe den Rest des Sekrets verabreichte, das die Lahmung aufhob. Danach schoben sie den Patienten in den Raum und verschlossen die Tur.

Sofort raste der junge Beschutzer, der vor kurzem noch ein Ungeborenes gewesen war, durch den hohlen Zylinder und ging auf die Stangen, Keulen und Spie?e los, die nach ihm schlugen und stie?en.

„Wie geht's?“ fragte oder vielmehr dachte Conway besorgt.

Gut. Wirklich blendend. Das ist au?erst anregend, lautete die Antwort. Aber ich mache mir Sorgen um mein Elternteil.

„Das geht uns genauso“, erwiderte Conway und ging, gefolgt von Murchison und Thornnastor, zum Operationsgestell zuruck, wo Prilicla direkt uber dem Beschutzer an der Decke klebte. Der minimale Abstand, in dem sich der Empath befand, war sowohl ein Zeichen fur seine Besorgnis aufgrund des Zustands des Patienten als auch wegen der schwachen emotionalen Ausstrahlung des FSOJ.

„Lebenserhaltungsteam!“ rief Conway den Wesen zu, die am anderen Ende der Station warteten. „Kommen Sie sofort wieder hierher! Lockern Sie die Fesseln der Gliedma?en. Lassen Sie ihnen ein wenig Bewegungsfreiheit, aber nicht so viel, da? das Operationsteam gefahrdet wird.“

Die Naht des Panzers mu?te immer noch fertiggestellt werden, und da Thornnastor und Conway zusammen daran arbeiteten, dauerte die ganze Arbeit nur knapp eine Viertelstunde. In dieser Zeit ruhrte der Beschutzer keinen Muskel, nur hin und wieder durchlief ihn ein leichtes Zittern, das von den Schlagen und Sto?en herruhrte, die ihm der Lebenserhaltungsmechanismus versetzte. Aus Rucksicht auf den stark geschwachten postoperativen Zustand des Patienten hatte Conway angeordnet, die Anlage auf halber Kraft laufen zu lassen und der Lunge des FSOJ durch Druck reinen Sauerstoff zuzufuhren. Doch auch nachdem alle noch fehlenden Nahte angelegt waren und man mit dem Scanner eine eingehende Untersuchung des vorherigen Eingriffs im Korperinnern durchgefuhrt hatte, erfolgte immer noch keine korperliche Reaktion.

Irgendwie mu?te er den Beschutzer wachbekommen und zu dem in tiefer Bewu?tlosigkeit befindlichen Gehirn durchdringen. Fur dieses Vorhaben stand nur ein Weg zur Verstandigung offen, namlich Schmerz.

„Schalten Sie den Lebenserhaltungsmechanismus auf volle Kraft“,

ordnete Conway an, wobei er seine Verzweiflung hinter einer zuversichtlichen Miene verbarg. „Gibt es schon eine Veranderung, Prilicla?“

„Keinerlei Anzeichen fur eine Veranderung“, antwortete der Empath und zitterte aufgrund eines Gefuhlsausbruchs, der nur von dem Diagnostiker auf Probe stammen konnte.

Plotzlich verlor Conway die Geduld.

„Beweg dich, verdammt noch mal!“ brullte er und schlug mit der Handkante nach unten auf die Innenseite des Ansatzes des nachsten Tentakels, der immer noch schlaff zu voller Lange ausgestreckt dalag. Die Stelle, die er getroffen hatte, war rosa und relativ weich, weil es nur wenigen der naturlichen Feinde des Beschutzers gelungen ware, so nah heranzukommen, und die Haut dort dunn war. Aber auch so schmerzte Conway die Hand.

„Noch mal, mein Freund“, sagte Prilicla. „Schlagen Sie ihn noch mal, aber fester!“

„W. was?“ fragte Conway.

Jetzt zitterte Prilicla vor Aufregung. „Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, da? ich genau im Moment des Schlags ein kurzes Aufflackern des Bewu?tseins gespurt habe“, erklarte er. „Schlagen Sie ihn! Schlagen Sie ihn noch mal!“

Gerade wollte Conway der Aufforderung Folge leisten, als sich plotzlich einer von Thornnastors Tentakeln um sein Handgelenk schlangelte. „Durch den wiederholten Mi?brauch der Hand wird die chirurgische Geschicklichkeit dieser lacherlichen DBDG-Finger nicht gerade gro?er, Conway. Lassen Sie mich mal ran“, schlug er vor.

Der Diagnostiker nahm eine der Dehnsonden und schlug sie mit aller Kraft genau auf die bezeichnete Stelle. Er wiederholte die Schlage, wobei er die Haufigkeit veranderte und die Starke allmahlich steigerte, als Prilicla plotzlich rief: „Fester! Fester!“

Conway bekampfte erfolgreich den Drang, in hysterisches Gelachter auszubrechen.

„Mein kleiner Freund“, sagte er unglaubig, „versuchen Sie, der erste grausame und sadistische Cinrussker der Foderation zu werden? Sie klingen ganz so, als ob. Warum laufen Sie denn weg?“

Sich zwischen den Beleuchtungskorpern hindurchschlangelnd und sich immer wieder duckend, raste der Empath an der Decke entlang auf den Stationseingang zu. Uber den Kommunikator erklarte er: „Der Beschutzer kommt rasch wieder zu Bewu?tsein und ist au?erst wutend. Seine emotionale Ausstrahlung. na ja, es ist sowieso nicht gerade angenehm, in seiner Nahe zu sein, und wenn er wutend ist, erst recht nicht.“

Als der Beschutzer das volle Bewu?tsein erlangte und mit Tentakeln, Schwanz und gepanzertem Kopf in alle Richtungen zu dreschen begann, wurde das relativ unstabile Operationsgestell zerstort. Doch der Lebenserhaltungsmechanismus rings um das Gestell war nicht nur dafur gebaut, einer derart groben Behandlung standzuhalten, sondern auch zuruckzuschlagen. Eine ganze Weile standen sie alle ehrfurchtig schweigend da und beobachteten den FSOJ, bis Murchison augenscheinlich erleichtert auflachte.

„Ich glaube, wir konnen mit Fug und Recht behaupten, Elternteil und Junges sind wohlauf“, stellte sie fest.

Thornnastor, der eins seiner Augen auf den Kraftraum gerichtet hatte, entgegnete: „Da ware ich mir nicht zu sicher. Das Junge hat beinahe ganz aufgehort, sich zu bewegen.“

Sie rannten oder vielmehr trampelten zum kleineren Lebenserhaltungssystem des jungen Beschutzers zuruck. Als sie ihn ein paar Minuten zuvor verlassen hatten, war er noch durch den Zylinder gesturmt und hatte frohlich auf alles sich mechanisch Bewegende eingedroschen. Wie Conway aber mit Entsetzen feststellen mu?te, stand er nun still in seinem von Keulen gesaumten Tunnel, hatte lediglich zwei seiner Tentakel um einen dicken hervorstehenden Knuppel geschlungen und versuchte, ihn aus der Halterung zu rei?en, wahrend die ubrigen beiden Tentakel vollkommen reglos herabhingen. Bevor Conway etwas sagen konnte, ging ihm ein kuhler, klarer und sorgenfreier Gedankenstrom durch den Kopf.

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