Danke, meine Freunde. Sie haben mein Elternteil gerettet und erfolgreich die erste Entbindung eines intelligenten und telepathischen Beschutzers durchgefuhrt. Mit gro?er Muhe habe ich mich auf die Gedanken mehrerer verschiedener Lebensformen in diesem gro?en Hospital eingestellt, von denen mich jedoch, mit Ausnahme der Wesen Conway, Thornnastor und Murchison, keine empfangen konnte. Aber aufgrund Ihrer Anstrengungen gibt es noch zwei weitere Wesen, mit denen ich mich klar und ohne Schwierigkeiten verstandigen kann. Dabei handelt es sich zum einen um das nachste Ungeborene, das bereits im Korper meines Elternteils Gestalt annimmt, und zum anderen um das Ungeborene, das in mir selbst heranwachst. Ich sehe schon eine Zukunft voraus, in der sich eine wachsende Zahl von Ungeborenen als telepathische Beschutzer geistig weiterentwickeln und dadurch die technische, kulturelle und philosophische Entfaltung ermoglichen werden…
Auf einmal wurde der klare, ruhige und in stiller Freude ubertragene Gedankenstrom durch Besorgnis getrubt.
… ich kann doch davon ausgehen, da? diese knifflige und schwierige Operation wiederholt werden kann?
„Knifflig?“ rief Thornnastor aus und gab einen unubersetzbaren Laut von sich. „Das war der grobste Eingriff, den ich je erlebt habe. Schwierig, ja. Aber doch nicht knifflig! In Zukunft werden wir bei den Drusensekreten nicht herumraten mussen. Dann werden wir das richtige Sekret synthetisch hergestellt und jederzeit griffbereit haben, wodurch der Risikofaktor um ein ganzes Stuck verringert wird.
Keine Angst, Sie werden Ihre telepathischen Gefahrten schon bekommen“, schlo? der Tralthaner. „Das verspreche ich Ihnen.“
Telepathische Versprechen waren au?erst schwer zu halten und nur unter noch gro?eren Schwierigkeiten zu brechen. Conway wollte den Tralthaner davor warnen, derartige Versprechen zu leichtfertig zu geben, aber aus irgendeinem Grund wu?te er, da? Thornnastor das begriffen hatte.
Ich danke Ihnen und allen anderen ehemaligen und zukunftigen Beteiligten. Aber jetzt mu? ich den Kontakt abbrechen, weil die geistige Anstrengung, die erforderlich ist, um mit Ihren Gedanken in Ubereinstimmung zu bleiben, fur mich zuviel wird. Nochmals vielen Dank.
„Moment“, sagte Conway in eindringlichem Ton. „Warum haben Sie aufgehort, sich zu bewegen?“
Ich probiere etwas aus. Ich war davon ausgegangen, keine willentliche Kontrolle uber meine Korperbewegungen zu haben, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. In den vergangenen Minuten ist es mir unter gro?er geistiger Anstrengung gelungen, alle fur mein Wohlbefinden erforderlichen Krafte fur den Versuch zusammenzunehmen, nicht wahllos nach allem zu schlagen, sondern dieses eine Stuck Metall zu zerstoren. Das ist jedoch au?erst schwierig, und ich mu? mich bald ausruhen und wieder dem unwillkurlichen System die Kontrolle uberlassen. Das ist der Grund, weshalb ich den zukunftigen Fortschritten meiner Spezies so optimistisch gegenuberstehe. Durch standige Ubung wird es mir moglicherweise gelingen, die Wesen um mich herum vielleicht immer etwa eine Stunde lang nicht anzugreifen. Sich die Angst vor den Angriffen zu vergegenwartigen, ist viel schwieriger, und da brauche ich womoglich Ihren Rat…
„Das ist ja gro?artig!“ rief Conway begeistert aus, doch die Stimme fuhr noch einen Moment lang fort.
…aber aus diesem Mechanismus mochte ich nicht herausgelassen werden, weil ich es nicht riskieren will, zwischen Ihren Patienten und Personalmitgliedern Amok zu laufen. Meine Selbstbeherrschung ist alles andere als vollendet, und mir ist klar, da? ich noch nicht zum gesellschaftlichen Umgang mit Ihnen bereit bin.
Einen Augenblick juckte es Conway zwischen den Ohren, dann trat eine gro?e geistige Leere ein, die langsam von eigenen und merkwurdig vereinzelten Gedankengangen ausgefullt wurde.
21. Kapitel
Conways zweite Diagnostikerversammlung war insofern anders, als da? er dieses Mal zu wissen glaubte, was ihn dort erwartete: namlich eine Untersuchung und gnadenlose Fachbefragung zu seinem jungsten Verhalten bei der Operation. Doch diesmal waren auch zwei Nichtdiagnostiker zugegen, der Chefpsychologe und Colonel Skempton, der fur die Versorgung und Wartung des Hospitals verantwortliche Monitorkorpsofffizier. Und diese beiden waren es, die offenbar im Zentrum des Interesses, der Befragung und der Kritik standen, und zwar in einem Ma?e, da? Conway nicht nur Mitleid mit ihnen empfand, sondern ihnen auch dankbar war, weil sie ihm zusatzliche Zeit verschafften, sich auf seine eigene Verteidigung vorzubereiten.
Diagnostiker Semlic mu?te bezuglich der Energiequelle fur einen neuen Synthesizer beruhigt werden, die zwei Ebenen uber seinem dunklen und ungeheuer kalten Herrschaftsbereich installiert wurde, insbesondere daruber, da? die bereits bestehende Abschirmung ausreichenden Schutz vor dem erhohten Verseuchungsrisiko der Methanstationen durch Hitze und Strahlung bot. Die Diagnostiker Suggrod und Kursedth wollten beide wissen, ob hinsichtlich der Schaffung zusatzlicher Quartiere fur das kelgianische medizinische Personal — wenn uberhaupt — irgendwelche Fortschritte erzielt worden seien. Einige Mitglieder dieser Spezies bewohnten namlich die ehemaligen Unterkunfte fur Illensaner, die allen Ma?nahmen zum Trotz immer noch nach Chlor stanken.
Wahrend Colonel Skempton die beiden Kelgianer zu uberzeugen versuchte, da? der Geruch rein psychosomatische Ursachen habe, da er von den hochsensiblen Detektoren seiner Abteilung nicht registriert werde, begann Ergandhir, der melfanische Diagnostiker, bereits damit, eine Anzahl zugegebenerma?en geringfugiger Mangel der Ausstattung der ELNT-Station aufzuzahlen, die sowohl bei den Patienten als auch beim Personal zunehmend Verdru? hervorriefen. Der Colonel entgegnete, die Ersatzteile seien bereits bestellt worden, doch musse aufgrund ihrer hochst speziellen Beschaffenheit mit Verzogerungen gerechnet werden. Dieser Wortwechsel war noch nicht beendet, als Vosan, der wasseratmende AMSL, O'Mara fragte, ob es wirklich wunschenswert sei, die winzigen vogelahnlichen Nallajimer einer Station zuzuteilen, die fur die drei?ig Meter langen, gepanzerten und mit Tentakeln versehenen Chalder bestimmt sei, die die kleinen MSVKs aller Wahrscheinlichkeit nach versehentlich verschlucken wurden.
Bevor der Chefpsychologe antworten konnte, au?erte Diagnostiker Lachlichi, der PVSJ, mit seiner freundlichen, zischenden Stimme ahnliche Vorbehalte gegenuber den Melfanern und Tralthanern, die in wachsender Zahl auf den Ebenen der Chloratmer auftauchten. Um Zeit zu sparen, so schlug er vor, konne O'Mara die Antwort vielleicht so abwandeln, da? sie sich auf beide Fragen beziehe.
„Eine korrekte Annahme, Lachlichi“, entgegnete O'Mara. „Fur beide Fragen gilt die gleiche allgemeine Antwort.“ Er wartete, bis Ruhe eingekehrt war, und fuhr dann fort: „Vor vielen Jahren hat meine Abteilung ein Projekt ins Leben gerufen, das den Mitarbeitern, die nach meiner Beurteilung uber das erforderliche Ma? an psychologischer Anpassungsfahigkeit und Berufsbegabung verfugten, ermoglichen sollte, mit fremden Spezies eine so umfassende Erfahrung wie moglich zu sammeln. Anstatt sich auf die Behandlung von Patienten der eigenen oder einer ahnlichen physiologischen Klassifikation zu spezialisieren, bekamen diese Arzte oftmals verbluffend verschiedenartige Falle zugeteilt, fur die ihnen auch die Verantwortung ubertragen wurde, was dem zu der Zeit bekleideten Dienstgrad nicht immer angemessen war. Den Erfolg dieses Projekts kann man daran ermessen, da? zwei der ursprunglich Ausgewahlten heute in dieser Besprechung sitzen“ — er warf einen fluchtigen Blick auf Conway und jemand anderen, der durch die dazwischenliegende Masse von Semlics Lebenserhaltungssystem verdeckt war —, „und die ubrigen machen sich gut. Durch das Ausma? des erreichten Erfolgs war es gerechtfertigt, das ursprungliche Projekt auszuweiten, ohne die damaligen hohen Anforderungen herunterzuschrauben.“
„Davon hatte ich keine Ahnung“, raumte Lachlichi ein, wobei sich sein stacheliger, membranartiger Korper in der Schutzhulle aus gelbem Nebel unruhig bewegte.
Ergandhir klapperte mit dem Unterkiefer und fugte hinzu: „Ich ebenfalls nicht, obwohl ich vermutet hatte, da? so etwas in Gange sein konnte.“
Beide Diagnostiker starrten zur Stirnseite des Tisches, wo Thornnastor sa?.
„In diesem Gebaude Geheimnisse zu bewahren ist schwierig, insbesondere fur mich“, stellte der Chefdiagnostiker fest. „Die Anforderungen verlangen die weit uberdurchschnittliche Fahigkeit, das fur eine gro?e Zahl von verschiedenen intelligenten Spezies Richtige zu verstehen, damit allgemein zurechtzukommen, es wirklich zu mogen und instinktiv zu tun. Aber man hatte sich dazu entschlossen, weder die ausgewahlten Arzte noch deren Kollegen und unmittelbaren Vorgesetzten von dem Projekt zu unterrichten, damit die Kandidaten, die die erforderlichen Eigenschaften an den Tag legten, nicht an dem Aufstieg in die Spitze scheiterten und als geachtete und fachlich begabte Chefarzte endeten. In vielen Fallen sind diese Wesen zu besseren Leistungen fahig als ihre
