Patient ihm seine Seelenqualen kundtat, indem dieser seinen Namen rief. Doch auf einmal hatte er vor der moglichen Antwort zuviel Angst. Conway und Seldal hatten mittlerweile wieder den massiven Knochenpfropfen eingesetzt, den Hautlappen auf dem Schadel vernaht und zogen sich bereits die Operationsanzuge aus, doch Lioren konnte sich immer noch nicht dazu durchringen, Hellishomar die bewu?te Frage zu stellen.

„Ich danke Ihnen, Seldal und Lesk-Murog, und naturlich auch allen anderen Mitarbeitern“, sagte Conway, wobei er sich nach allen Richtungen umblickte, um das gesamte Operations- und technische Hilfspersonal mit einzubeziehen. „Sie haben sehr gute Arbeit geleistet. Und insbesondere Sie, Lioren, indem Sie dafur gesorgt haben, da? sich der Patient nicht bewegt hat, als es am notwendigsten war, und weil Sie die Wachstumseigenschaften des Hautstechers herausgefunden haben und uns rechtzeitig vor den Auswirkungen von Licht und Luft gewarnt haben. Das war eine hervorragende Leistung. Ich personlich halte Ihre Begabungen in der psychologischen Abteilung fur vergeudet.“

„Ich nicht“, widersprach O'Mara heftig. Dann fuhr der Chefpsychologe, als schamte er sich des Kompliments, das er Lioren gemacht hatte, fort: „Der Auszubildende ist aufsassig, hat einen Hang zur Heimlichtuerei und besitzt die argerliche Neigung, selbst.“

Lioren.

Alle lauschten O'Mara, und niemand schien etwas gehort zu haben. Unwillkurlich streckte Lioren die Hand nach seinem Kommunikator aus, um auf den vertraulichen Kanal zu schalten, wobei er sich verzweifelt fragte, welche trostenden Worte er um alles in der Welt fur dieses riesige Wesen finden konnte, das abermals alle Hoffnung verloren haben mu?te. Dann hielt er plotzlich mit dem Finger auf dem Schalter inne, als ihm eine gro?artige und erfreuliche Erkenntnis kam.

Sein Name war zwar gerufen, aber nicht ausgesprochen worden.

26. Kapitel

Wieder handelte es sich um ein vertrauliches Gesprach, doch diesmal ohne das Jucken tief im Gehirn, das dem telepathischen Kontakt mit dem Beschutzer des Ungeborenen vorausgegangen war. Die Antworten wurden schon gegeben, noch bevor die Fragen geau?ert werden konnten, Hellishomars beruhigende Versicherungen vertrieben Liorens Sorgen, sobald sie in ihm aufstiegen, und die Nervenverbindungen zwischen Liorens Gehirn und den Zungenmuskeln wurden vollkommen uberflussig. Es war, als ware ein System zum Austausch von Nachrichten, die bislang muhsam in Steintafeln gemei?elt worden waren, durch die gesprochene Sprache ersetzt worden, nur ging der Gedankenaustausch mit Hellishomar noch sehr viel schneller vonstatten.

Hellishomar, der Messerheiler, ehemals der Fehlerhafte, der Schwachsinnige, der telepathisch Taube, gehorte nicht mehr zu den Kleinen und war geheilt.

Eine klare, warme Woge der Dankbarkeit erfullte ihn, die nur Lioren sehen und spuren konnte, und mit ihr erhielt der Tarlaner Kenntnisse, die unvollstandig und vereinfacht waren, um seiner relativ primitiven Denkungsart keinen Schaden zuzufugen, und die er mit niemandem teilen durfte. Diejenigen, die zu der einzigartigen und wunderbaren Heilung des geistig behinderten Groalterris beigetragen hatten, sollten nicht mit Wissen belohnt werden, das ihre eigenen jungen Gehirne lahmlegen wurde. Hellishomar war mit dem Verstand jedes denkenden Wesens im Orbit Hospital und auf den Schiffen, die es umkreisten, in Verbindung getreten und wu?te, da? es so war.

Bei denjenigen, die zum Gelingen der Operation beigetragen hatten, wollte er sich einzeln und in mundlicher Form bedanken. Er wurde ihnen mitteilen, da? es ihm gutging, in seinen Denkvorgangen bereits eine Wendung zum Besseren eingetreten war und er es kaum erwarten konnte, auf Groalter zuruckzukehren, wo seine Genesung durch die gro?ere korperliche Bewegungsfreiheit, die ihm das Orbit Hospital nicht bieten konnte, gefordert werden durfte.

All das traf zwar zu, war aber nicht die ganze Wahrheit. Sie durften nicht erfahren, da? Hellishomar das Hospital schnell verlassen mu?te, weil die Verlockung dortzubleiben und die Gedanken, das Verhalten und die Philosophien der abertausend Wesen zu erforschen, die zur Arbeit, zu Besuch oder zur Behandlung in dieses gewaltige Hospital kamen, fast unwiderstehlich war. Denn Lioren hatte recht gehabt, als er O'Mara erklart hatte, da? das Universum hinter der Atmosphare fur die plumpen und an ihren Planeten geketteten Groalterri das Jenseits darstellte, fur dessen Erkundung sie die gesamte Ewigkeit benotigen wurden. Und das Orbit Hospital war fur sie ein besonders faszinierender kleiner Teil des Himmels, der sie erwartete.

Damals war Liorens Besorgnis wegen der moglichen Auswirkungen von Hellishomars au?erplanetarischen Erlebnissen auf die Zivilisation der ubrigen Groalterri berechtigt gewesen. Doch jetzt kehrte Hellishomar nicht als ein Kleiner auf seinen Heimatplaneten zuruck, dem es beschieden war, fur den Rest seines Lebens ein telepathischer Taubstummer zu bleiben und durch ein standig beeintrachtigtes Gehirn ein Kruppel zu sein. Statt dessen kam er im Vollbesitz seiner wiederhergestellten Krafte zuruck, als ein fast erwachsener Groalterri, der einzig und allein den Eltern von seinem wundersamen Erlebnis erzahlen wollte. Wie diese auf die neuen Kenntnisse reagieren wurden, uber die er nunmehr verfugte, wu?te er zwar nicht, doch waren die Eltern alt und sehr weise, und der Beweis, da? der Himmel tatsachlich so wunderbar war und samtliche Vorstellungen ganzlich ubertraf, und auch die Tatsache, da? ein kleiner Teil des Universums von kurzlebigen Wesen mit primitivem Verstand und fortschrittlicher Moral bevolkert war, durfte den Glauben der Eltern wahrscheinlich starken und sie veranlassen, sich noch angestrengter um die Vollkommenheit von Geist und Seele zu bemuhen, die vor dem Sterben unbedingt erforderlich war.

Dem Monitorkorps und dem Personal des Hospitals, das ihn wieder gesund gemacht hatte, schuldete Hellishomar gro?en Dank, genau wie dem Tarlaner, der geredet und argumentiert und seinen Verstand eingesetzt hatte, um die Einwilligung des Patienten zur Operation zu bekommen. Noch gro?eren Dank schuldeten ihnen die ubrigen Groalterri, doch revanchieren konnte sich weder Hellishomar noch seine Spezies. Der Foderation wurde der vollstandige Kontakt mit den Groalterri nicht gestattet werden, und auch Lioren konnte keine Antworten auf die beiden Fragen erhalten, die ihm am meisten auf der Zunge brannten.

Bei all seinen Kontakten zu Patienten hatte es sich Lioren nie gestattet, ihre Uberzeugungen in nichtmateriellen Fragen zu beeinflussen, wie eigenartig oder albern sie ihm im Licht seiner eigenen gro?eren Kenntnisse und Erfahrungen auch vorgekommen sein mochten. Er hatte sich stets geweigert, ihnen in ihre Uberzeugungen hineinzureden, obwohl er selbst nicht glaubte, an irgend etwas zu glauben. Unter diesen Umstanden war Liorens Verhalten moralisch einwandfrei gewesen, und Hellishomar konnte ihm diesbezuglich nur nacheifern. Er durfte seinen tarlanischen Freund nicht in den Genu? des fortschrittlichen groalterrischen philosophischen und theologischen Denkens kommen lassen, indem er ihm sagte, was er glauben sollte. Und eine Antwort auf Liorens zweite Frage war uberflussig, weil der Tarlaner im Begriff stand, die Entscheidung ganz allein zu treffen und etwas zu tun, das seinem Wesen vollkommen fremd war.

Durch die stark gedrangte Methode des Gedankenaustauschs und durch Antworten, die erfolgten, bevor die Fragen vollstandig formuliert waren, wurde Lioren immer verwirrter.

Ich schame mich, Sie an die Schuld zu erinnern, in der Sie bei mir stehen, und Sie zu bitten, einen kleinen Teil davon zu begleichen, dachte Lioren. Immer wenn Sie mit meinem Verstand in Beruhrung treten, ahne ich ein unerme?liches Wissen, einen riesigen Bereich der Klarheit, den Sie vor mir verbergen. Wenn Sie mich unterweisen konnten, wurde ich zum Glauben finden. Warum wollen Sie mir nicht aufgrund Ihrer umfangreicheren Kenntnisse die Wahrheit uber Gott mitteilen?

Sie haben sich durch eigene Anstrengungen ein gro?es Wissen erworben, antwortete Hellishomar. Das haben Sie eingesetzt, um die inneren Schmerzen vieler Lebewesen zu lindern, mein fruheres, zuruckgebliebenes Selbst eingeschlossen, doch Sie sind noch nicht bereit zu glauben. Die Frage ist bereits beantwortet worden.

Dann wiederhole ich die zweite Frage, fuhr Lioren fort. Gibt es fur mich irgendeine Hoffnung, Erleichterung oder Erlosung von der standigen Erinnerung an Cromsag und meiner Schuld zu finden? Die Entscheidung, mit der ich so lange gerungen habe, bringt ein Verhalten mit sich, das fur einen Tarlaner, der einst eine solche gesellschaftliche Position wie ich eingenommen hat, schmachvoll ist, aber das hat nichts zu sagen. Es konnte auch zu meinem Tod fuhren. Ich frage nur, ob die Entscheidung, die ich getroffen habe, die richtige ist.

Macht Ihnen die Erinnerung an Cromsag denn standig derart zu schaffen, da? Sie Ihren eigenen Tod als Erlosung empfinden wurden? erkundigte sich Hellishomar.

Nein, antwortete Lioren, den die Heftigkeit seiner Gefuhle uberraschte. Aber das liegt daran, da? meine

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