Gedanken in letzter Zeit mit so vielen anderen Dingen beschaftigt gewesen sind. Den Tod wurde ich nicht begru?en, besonders dann nicht, wenn ich ihm zufallig oder durch eine eigene dumme Entscheidung zum Opfer fallen wurde.
Trotzdem glauben Sie, da? Ihre Entscheidung die ernste Gefahr einer schweren Verletzung oder des Todes birgt, und ich kann keinerlei Anzeichen dafur entdecken, da? Sie Ihre Ansicht andern werden, entgegnete Hellishomar. Jedenfalls werde ich Ihnen nicht sagen, ob Ihre Entscheidung richtig oder falsch oder gar dumm ist, oder Sie uber die moglichen Folgen aufklaren, sondern mochte Sie nur daran erinnern, da? in diesem Daseinszustand nichts zufallig passiert.
Folgendes werde ich fur Sie tun, fuhr Hellishomar fort. Die Ma?nahme, die Sie demnachst ergreifen werden, wird in keiner Weise von irgend jemandem behindert werden. Da Sie Ihre Entscheidung inzwischen getroffen haben, schlage ich Ihnen vor, Ihre Qual und Ungewi?heit nicht weiter in die Lange zu ziehen und sofort aufzubrechen.
Als Lioren in eine Arbeitsumgebung zuruckkehrte, in der Gesprache in trager sprachlicher Form gefuhrt wurden und die Bedeutungen getrubt waren, geriet sein Verstand einen Moment lang in Verwirrung. Offenbar war O'Mara gerade damit fertig geworden, die Fehler des Auszubildenden aufzuzahlen. Conway entblo?te die Zahne und erinnerte den Chefpsychologen daran, da? er seinen ernstlichen Unwillen schon uber jeden Mitarbeiter des Orbit Hospitals zum Ausdruck gebracht habe, und insbesondere uber diejenigen, die es gewagt hatten, Diagnostiker zu werden, und es hatte ganz den Anschein, da? alle Anwesenden auf der Station Lioren erwartungsvoll anblickten und sich ihm zu nahern versuchten.
„Dem Patienten geht es gut“, berichtete Lioren. „Er hat keine sensorischen Beschwerden und berichtet von einer standigen merklichen Verbesserung seiner Denkfahigkeit. Er mochte den allgemeinen Kanal benutzen, um sich bei Ihnen allen einzeln zu bedanken.“
Die Anwesenden waren alle viel zu aufgeregt und zu erfreut, um zu bemerken, wie Lioren die Station verlie?. Er uberlegte sich den schnellsten Weg zur Station, auf der die Cromsaggi lagen, und versuchte, den Kopf von allen anderen Gedanken frei zu machen.
Da er die Dienstplane bereits uberpruft hatte, wu?te er, da? sich zur Zeit nur zwei Schwestern auf der Station befanden. Wenn die Patienten nicht in Behandlung waren oder auf ihre Entlassung warteten, sondern sich auf dem Weg der Besserung befanden und nur unter Beobachtung standen, war dies das ubliche Verfahren; doch einen bewaffneten Angehorigen des Monitorkorps am Eingang zur Station aufzustellen war nicht normal.
Bei dem Wachter handelte es sich um einen terrestrischen DBDG, der nur zwei Arme und zwei Beine besa?, uber weniger als die Halfte von Liorens Korpermasse verfugte und eine Lahmungswaffe trug. Mit ihr konnte er Liorens willkurliche Muskulatur — abhangig von der Einstellung der Starke — beeintrachtigen oder vollstandig lahmen, ihn aber keinesfalls toten.
„Lioren, psychologische Abteilung“, stellte sich der Tarlaner in forschem Ton vor. „Ich bin hier, um die Patienten zu befragen.“
„Und ich bin hier, um Sie davon abzuhalten“, entgegnete der Wachter trocken. „Major O'Mara hat gesagt, Sie wurden vielleicht versuchen, sich unter die cromsaggischen Patienten zu mischen, und der Zutritt sollte Ihnen zu Ihrer eigenen Sicherheit verwehrt werden. Bitte ziehen Sie sich sofort zuruck, Sir.“
Der Wachter bewies zwar die Achtung und den Respekt, die Liorens fruherem Rang als Oberstabsarzt gebuhrten, doch Wohlwollen und Mitleid, wie stark auch immer, konnten ihn bestimmt nicht dazu veranlassen, seine Befehle zu mi?achten. Zweifellos war O'Mara genugend uber tarlanische Psychologie bekannt, um zu wissen, da? Lioren nicht versuchen wollte, einer gerechten Strafe zu entgehen, indem er sich absichtlich das Leben nahm. Vielleicht hatte der Chefpsychologe geglaubt, selbst dieser Tarlaner konnte seine Meinung und seinen starren Verhaltenscodex andern und sich dazu zwingen, etwas zu tun, das von ihm vorher als unehrenhaft angesehen worden war, und hatte einfach Vorsichtsma?nahmen getroffen.
Damit hatte ich nicht gerechnet, dachte Lioren hilflos. Oder vielleicht doch?
„Ich bin froh, da? Sie meine Lage verstehen, Sir“, sagte der Wachter plotzlich. „Auf Wiedersehen, Sir.“
Einige Sekunden spater stampfte er mit den Fu?en auf und schritt langsam den Korridor entlang, als ob er seine Langeweile vertreiben oder den steifen Beinmuskeln Bewegung verschaffen wollte. Ware Lioren nicht schnell zur Seite getreten, ware der Wachter direkt in ihn hineingelaufen.
Danke, Hellishomar, dachte Lioren erleichtert und betrat die Station.
Es handelte sich um einen langen Saal mit hoher Decke, in dem sich vierzig Betten in zwei Reihen gegenuberstanden. In der Mitte erhob sich das Schwesternzimmer wie eine mit Glaswanden versehene Insel aus dem Boden. Die Techniker fur Umweltbedingungssysteme hatten das sandfarbene gelbe Licht der Sonne von Cromsag reproduziert und die baulich bedingten Ecken und Winkel mit einheimischen Pflanzen und Wandbehangen entscharft, so da? die Umgebung vollig realistisch aussah. Die Patienten sa?en oder standen in kleinen Gruppen um vier der Betten und unterhielten sich leise, wahrend eine weitere Gruppe einen Bildschirm betrachtete, auf dem ein Kontaktspezialist vom Monitorkorps die langfristigen Plane der Foderation zur Wiederherstellung der cromsaggischen technischen Zivilisation und zur Rehabilitation der Cromsaggi erklarte. Eine der diensthabenden orligianischen Schwestern benutzte gerade den Kommunikator, und der behaarte Kopf der zweiten drehte sich langsam von der einen Seite zur anderen, wahrend sie die Station der Lange nach mit den Augen absuchte. Es war klar, da? die beiden Lioren nicht sahen und Hellishomar — wie schon zuvor bei dem vor der Station postierten Wachter — mit ihrem Verstand in Beruhrung getreten war, um sie partiell erblinden zu lassen.
Ob Liorens Entscheidung nun richtig war oder nicht, Hellishomar hatte ihm versprochen, er konne sie ungestort in die Tat umsetzen.
Indem er versuchte, weder Eile noch Unschlussigkeit an den Tag zu legen, schritt Lioren in gefa?tem Schweigen die Station hinab. Kurz blickte er die sitzenden oder liegenden Patienten an, als er an ihnen vorbeikam, und sie starrten zuruck. Cromsaggische Gesichtsausdrucke zu lesen, hatte er nie gelernt, so da? er nicht die geringste Ahnung hatte, was sie gerade von ihm dachten. Als er die gro?te Patientengruppe erreichte, blieb er stehen.
„Ich bin Lioren“, stellte er sich vor.
Ganz offensichtlich wu?te bereits alle, wer und was er war. Die Patienten, die auf den Betten in der Nahe gesessen oder gelegen hatten, sprangen auf die Beine und scharten sich um ihn, und diejenigen, die sich weiter hinten auf der Station befanden, eilten zu den anderen heruber, bis Lioren ganz und gar von schweigenden, reglosen Cromsaggi eingekreist war.
Plotzlich erinnerte er sich klar und deutlich an seine erste Begegnung mit einem dieser Wesen, namlich mit einer weiblichen Cromsaggi. Sie hatte ihn angegriffen, weil sie ihre schlafenden Kinder verteidigen wollte, die sie in einem anderen Teil ihres Hauses bedroht sah, und obwohl an ihrem Korper die auf Krankheit und Unterernahrung zuruckzufuhrende Verfarbung und der Muskelschwund festzustellen gewesen waren, hatte sie ihm beinahe lebensgefahrliche Verletzungen beigebracht. Jetzt war er von mehr als drei?ig Cromsaggi umgeben, deren Korper und Gliedma?en sehr muskulos und kerngesund waren. Die Wunden, die diese hornigen Fu?e mit den langen Nageln und die harten mittleren Hande rei?en konnten, kannte er sehr gut, weil er die Cromsaggi fast bis auf den Tod gegeneinander hatte kampfen sehen.
Auf Cromsag hatten diese Wesen zwar wild, aber mit totaler Selbstkontrolle und mit denn einzigen Ziel gegeneinander gekampft, dem Gegner gro?tmoglichen Schaden zuzufugen, ohne ihn zu toten. Der Kampf diente einzig und allein dem Zweck, das fast verkummerte innere Sekretionssystem zu einer ausreichenden Tatigkeit anzuregen, damit es den Cromsaggi moglich war, sich fortzupflanzen und als Spezies zu uberleben. Doch war Lioren weder ein Cromsaggi, noch verspurte er das Verlangen, Partner bei einem Geschlechtsakt zu sein; bei ihm handelte es sich um jenes Wesen, das fur unzahlige Tausende von Todesfallen unter den Cromsaggi und fast fur die Vernichtung der gesamten Spezies verantwortlich war. Moglicherweise wollten die Cromsaggi den Ha?, den sie auf ihn haben mu?ten, oder den Drang, ihn in Stucke zu rei?en, nicht unter Kontrolle bringen.
Lioren fragte sich, ob der sich in der Ferne aufhaltende Hellishomar immer noch den Verstand des Wachters und der beiden Schwestern beeinflu?te, denn normalerweise hatten sie die Menge, die sich um ihn zusammenzog, gar nicht ubersehen konnen und einen Rettungsversuch gestartet. Er hoffte, da? die Kontrolle des Groalterris uber den Verstand der Schwestern und des Warters nicht so meisterhaft war, denn auf einmal wollte er sein Leben weder auf diese noch auf eine andere Weise beenden lassen. Und dann wurde ihm bewu?t, da? Hellishomar in seinen Gedanken wie in einem offenen Buch lesen konnte, und da schamte er sich noch mehr.
Das, was er jetzt sagen und tun wollte, war bereits schmachvoll genug, ohne auch noch die Schande personlicher Feigheit hinzufugen zu mussen.
