“Warum zögert Hagen und auch Ortewein?Was eilt er nicht zum Streite mit den Freunden sein,Deren er so manchen bei den Burgonden hat?”Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rat. (129)“Ihr seid uns hier willkommen,” sprach das Uten-Kind,“Und eure Heergesellen, die mit euch kommen sind:Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein.”Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein. (130) Da sprach der Wirt des Landes: “Was uns gehöret an,Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch untertan;Wir wollen mit euch teilen unser Gut und Blut.”Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Mut. (131)Da ließ man ihnen wahren all ihr Rüstgewand;Man suchte Herbergen, die besten, die man fand,Siegfriedens Knechten: die fanden gut Gemach.Man sah den Fremdling gerne in Burgondenland hernach. (132)Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen,Mehr zu tausend Malen als ich euch könnte sagen;Das hatte seine Tugend verdient, das glaubt fürwahr.Ihn sah wohl selten jemand, der ihm nicht gewogen war. (133)Der Kurzweil sich fließen die Könge und ihr Bann:Da war er stets der Beste, was man auch begann;Es konnt ihm niemand folgen, so groß war seine Kraft,Ob sie den Stein warfen oder schossen den Schaft. (134)So oft sie vor den Frauen in ihrer HöflichkeitDer Kurzweile pflagen, die Degen allbereit,Da sah man immer gerne den Held von Niederland;Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt. (135)* Die schönen Fraun am Hofe fragten nach der Mär,Wer doch dieser fremde, stolze Ritter wär?“Er ist so schön von Leibe, so reich ist sein Gewand!”Da sprachen ihrer Viele: “Das ist der Held von Niederland.” (136)Was man je begonnte, er war dazu bereit;Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid,Und auch nur ihn die Fraue, die er noch nie geschaut,Und die ihm doch viel Gutes in der Stille zugetraut. (137)So oft man auf dem Hofe das Waffenspiel begann,Ritter so wie Knechte, immer sah es anKriemhilde durch die Fenster, die Königstochter hehr;Keiner andern Kurzweil bedurfte sie fürder mehr. (138)Und wüst er dass ihn sähe, die er im Herzen trug,So hätt er Kurzweile immer auch genug,Ersehn sie seine Augen, ich glaube sicherlich,Wohl keine andre Freude auf Erden erwünscht' er sich. (139)Wenn er bei den Helden auf dem Hofe stand,Wie man noch zur Kurzweil pflegt in allem Land,Wohl stand er dann so minniglich, der Sieglinden-Sohn,Dass manche Frau ihm zollte der Minne herzlichen Frohn. (140)Er gedacht auch manche Stunde: “Wie soll das geschehn,Dass ich das edle Mägdelein mit Augen möge sehn,Die ich von Herzen minne, wie ich schon längst getan?Die ist mir noch gar fremde; mit Trauern denk ich daran.” (141)So oft die reichen Könige ritten in ihr Land,So mussten auch die Recken mit ihnen all zur Hand:Auch Siegfried ritt mit ihnen; das war den Frauen leid:Er litt durch ihre Minne Beschwerde zu mancher Zeit. (142)So wohnt' er bei den Herren, das ist alles wahr,In König Gunthers Lande völliglich ein Jahr,Dass er die Minnigliche in all der Zeit nicht sah,Durch die ihm bald vieles Liebes und auch viel Leides geschah. (143)