Gernot riet es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr. (322)Da baten sie um Urlaub, sie wollten nun von dann.Die Gäste gingen alle vor Kriemhild heran,Und dahin auch wo Frau Ute saß, die Königin.Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin. (323)Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten;Doch verblieb im Lande mit herrlichen SittenDer König mit den Seinen und mancher edle Mann:Die gingen alle Tage zu Kriemhilden heran. (324)Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held,Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt.Der König hörte sagen, er wolle nun von dann:Geiselher der junge ihn von der Reise gewann. (325)“Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr?Höret meine Bitte, bleibt bei den Recken hier,Bei Gunther dem Könige und bei seinem Lehn:Hier sind viel schöne Frauen, die lässt man euch gerne sehn.” (326) Da sprach der starke Siegfried: “So lasst die Rosse stehn.Von hinnen wollt ich reiten, das lass ich mir vergehn;Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land;Davon hat mich Herr Geiselher wohl mit Ehren gewandt.” (327)So blieb durch Freundes Liebe noch der kühne Held;Auch wär ihm wohl nimmer irgend in der WeltSo wohl als hier geworden: daher es nun geschah,Dass er alle Tage die schöne Kriemhilde sah. (328)Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb.Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb;Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Not,Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer tot. (329)
6. Abenteuer
Wie Gunther um Brunhilde warb
Wieder neue Märe erhob sich über Rhein:Man sagte sich da wäre manches Mägdelein.Sich eins davon zu werben sann König Gunthers MutDas däuchte seine Recken und die Herren alle gut. (330)Es war eine Königstochter gesessen überm Meer,Ihr zu vergleichen war keine andre mehr.Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft;Sie schoss mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft. (331)Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang;Wer ihrer Minne gehrte, der musste sonder WankDrei Spiel ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren;Gebrach es ihm an einem, so war das Haupt ihm verloren (332)Das hatte die Jungfrau gar manches Mal getan.Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgetan,Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib.Drum mussten bald viele Degen verlieren Leben und Leib. (333)* Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr,Ward es von allen Seiten beraten hin und her,Welche ihr Herre sollte zum Weibe sich ersehn,Die er zur Frauen wollte, und dem Lande möchte wohl anstehn. (334)Da sprach der Vogt vom Rheine: “Ich will an die SeeHin zu Brunhilden, wie es mir ergeh.Ich will um ihre Minne verwagen meinen Leib,Und den will ich verlieren, gewinn ich sie nicht zum Weib.” (335)“Das will ich widerraten,” hub Siegfried an und sprach,“Es lebt so grimmer Sitte die Königstochter nach,Wer wirbt um ihre Minne, dem kommt es hoch zu stehn:Drum mögt ihrs wohl entraten auf diese Reise zu gehn.” (336)* Da sprach der König Gunther: “Nie wurde noch ein WeibSo stark und kühn geboren, dass ich nicht ihren Leib